«Da muss man richtig fanatisch sein»
23.01.2026 PersönlichDrehorgeln und ihre Klänge erfreuen sich nach wie vor grosser Beliebtheit. Ein Kenner, der die Musikmaschine spielt und diese selber bauen und restaurieren kann, ist Edi Niederberger.
Brigitte Keller
Herr Niederberger, wie fanden Sie zu Ihrer ...
Drehorgeln und ihre Klänge erfreuen sich nach wie vor grosser Beliebtheit. Ein Kenner, der die Musikmaschine spielt und diese selber bauen und restaurieren kann, ist Edi Niederberger.
Brigitte Keller
Herr Niederberger, wie fanden Sie zu Ihrer Leidenschaft für Drehorgeln?
Edi Niederberger: Vor mehr als 40 Jahren fragte mich ein guter Kollege, Dieter Stalder vom Harmonium-Museum Liestal, ob ich ihm nicht dabei helfen könne, einen Blasebalg neu zu überziehen. Schon bald darauf kaufte ich die erste «Drehorgel-Ruine» – und bin daran gescheitert; das nächste Instrument war dann in einem etwas besseren Zustand. Als Organist wollte ich gerne möglichst viele Pfeifen und Register haben, aber deren Kauf war damals zu teuer für mich. Nachdem ich viele Drehorgeln repariert und restauriert hatte, baute ich mir dann selber eine Orgel mit 144 Pfeifen und 7 Registern. Und so entstanden mit der Zeit auch Verbindungen in ganz Europa und daraus wurden Freundschaften. Ich sage immer: Während meiner Berufstätigkeit als Lehrer hatte ich viele gute Kollegen, für mehr reichte meine Zeit damals nicht. Jetzt habe ich viele gute Freunde.
Woran bauen Sie aktuell?
Vor einiger Zeit hatte ich das Glück, eine 21-Tonstufen-Walzenorgel zu erstehen, gebaut von einem der besten Hersteller, der Firma Holl. Eine richtige Rarität. Diese habe ich als Vorbild für einen Nachbau genommen, einfach in einem kleineren Massstab. Ich kämpfte um jeden Millimeter. Kollegen meinten dann, davon müsse ich unbedingt noch mehr machen, weil die so gut klinge. Jetzt baue ich noch zwei weitere dieser «Schätzelis». Die Kollegen reissen sich schon darum, wer sie erstehen kann. 42 weitere Ventile und Federn herzustellen, ist zwar etwas mühsam und langweilig. Viel lieber arrangiere ich die Lieder und baue die Walzen. Für jede der Drehorgeln baue ich drei Walzen mit je sechs Musikstücken.
Sie sollen der letzte Walzenbauer in der Schweiz sein?
Das ist so, seit zwei Jahren bin ich wirklich der letzte, der noch Walzen für Drehorgeln macht. In Deutschland gibt es noch zwei. Holzwalzen waren das erste System für Drehorgeln, von der Steuerung her. Nachher kamen die Lochbänder, die man auswechseln kann. Und dann kam der Chip mit 500 Liedern darauf, und heutzutage gibt es Geräte mit Drehorgelfassaden und Lautsprechern, was aber ja keine Instrumente mehr sind.
Gibt es denn niemanden, dem Sie Ihr Wissen und Können weitergeben können?
Der Aufwand ist riesengross. In so eine Walze investiert man gut 200 Arbeitsstunden. Man muss auch etwas von Harmonielehre verstehen und braucht eine unheimliche Geduld. Die Walzen stelle ich aus mindestens 20 Jahre lang getrocknetem Pappelholz her. Pappelholz ist recht weich und gleichzeitig engporig. Und dann stecke ich pro Walze von Hand mit einer Steckzange 12 000 Stifte hinein. Da muss jemand schon richtig fanatisch sein …
Wo finden Sie Ihre «Schmuckstücke»? Im Internet?
Die richtig interessanten Sachen werden nicht via Internet ausgeschrieben, sondern man erfährt davon meistens von Mund zu Mund. Einmal konnte ich bei einer Auktion in Köln eine Trouvaille, eine böhmische Orgel von Franz Bergmann, zum Ausrufpreis ersteigern. Alles daran musste ich von Grund auf restaurieren und neu aufbauen, was ein richtiges Glanzlicht für mich war. Und damit werde ich seit längerem jedes Jahr zum traditionellen 1.-Advent-Anlass ins Erzgebirge eingeladen, um an Konzerten in der Kirche zu spielen. Dafür habe ich extra noch eine Walze gemacht mit Liedern von Komponisten aus dem Erzgebirge. Das kommt sehr gut an, da haben die Leute eine Riesenfreude.
Neben dem Bauen, Restaurieren und den Auftritten mit der Drehorgel sind Sie auch noch darüber hinaus ein gefragter Mann, oder?
Ich bin in verschiedenen Vereinen aktiv. Beim Verein Schweizer Freunde Mechanischer Musik bin ich im Vorstand und in der Redaktion des Journals. Ich bin auch im Schweizer Drehorgel-Club dabei sowie im Gönnerverein des Museums für Musikautomaten in Seewen. Und natürlich bei den «Basler Drehorgel-Freunden», die an diesem Wochenende zum siebten Mal das Internationale Drehorgel-Wintertreffen in der Stutzhalle in Lausen organisieren (9.30 bis 16.30 Uhr, freier Eintritt).
Welchen Zweck verfolgt das Drehorgel-Treffen in Lausen?
Der Hauptzweck ist, der Bevölkerung die Vielfalt von Drehorgeln zu zeigen. Daneben gibt es eine Börse mit vielen Ständen, wo Drehorgeln, Musikdosen und vieles mehr gehandelt werden. Auch Notenrollen, unter anderem eines bekannten Herstellers aus Überlingen/D, können gehört und gekauft werden. Das Schöne und Aussergewöhnliche ist, dass diese Notenrollen normiert sind. Das bedeutet, dass beispielsweise jede 20er-Rolle in jede 20er-Tonstufenorgel passt, in ganz Europa.
Mit dem Museum «Wunderwelt der Mechanischen Musik» in Basel sind Sie auch verbunden?
Aus dem Stiftungsrat bin ich zwar altershalber vor Kurzem ausgeschieden, aber ich mache noch sehr viel mit Peter Rohrer zusammen, dem Gründer des Museums. Im Museum in Kleinbasel stehen Drehorgeln ab etwa 1750, Spieldosen, Grammophone und vieles mehr. Ich bin alle paar Wochen dort und helfe aus – oder wir suchen wieder einmal zusammen nach einem möglichen Kaufobjekt. Ich helfe auch bei den Führungen aus.
Und als Organisator sind Sie ebenfalls tätig …
Seit Jahren sind wir an der Parade beim Basel Tattoo dabei. Und diesen Juni gibt es ja etwas ganz Besonderes: Gerade habe ich die Zusage erhalten, dass wir am Umzug beim Eidgenössischen Jodlerfest dabei sein können.
Zur Person
bke. Edi Niederberger (79) ist in Langenthal aufgewachsen. Bereits während des Studiums betätigte er sich als Kirchenorganist. Vor über 50 Jahren zog er nach Liestal, wo er als Lehrer am Gymnasium Latein und Griechisch unterrichtete. Er war auch politisch tätig als Einwohnerrat und hat während 30 Jahren den katholischen Kirchenchor Liestal dirigiert.
Er und seine Frau Yvonne haben vier Kinder und fünf Enkelkinder. Vor rund 40 Jahren entdeckte er seine Leidenschaft für Drehorgeln und mechanische Musik.

