Chancengerechtigkeit
27.01.2026 BRIEFEWenn Schule demütigt, scheitert der Staat
Zum Artikel «‹Aus dir wird sowieso nichts›» in der «Volksstimme» vom 23. Januar, Seite 7
Mit Erschütterung habe ich diesen Artikel gelesen. Dass Kinder im 21. Jahrhundert in ...
Wenn Schule demütigt, scheitert der Staat
Zum Artikel «‹Aus dir wird sowieso nichts›» in der «Volksstimme» vom 23. Januar, Seite 7
Mit Erschütterung habe ich diesen Artikel gelesen. Dass Kinder im 21. Jahrhundert in der Schule noch immer wegen der finanziellen Lage ihrer Familie gedemütigt werden, ist nicht einfach «bedauerlich» – es ist ein Bildungs- und Gesellschaftsskandal. Wer einem Kind ins Gesicht sagt, aus ihm werde ohnehin nichts, spricht nicht nur ein Urteil über dieses Kind, sondern missbraucht Macht. Und er trifft das Kind genau dort, wo es am verletzlichsten ist: beim Selbstwert und bei der Hoffnung.
Besonders erschreckend finde ich, wie treffend im Artikel beschrieben wird, dass tiefere Erwartungen von Lehrpersonen und die sinkende Zuversicht der Kinder sich gegenseitig verstärken. Das ist die stille Mechanik, mit der Ungleichheit vererbt wird: nicht nur durch fehlendes Geld, sondern durch fehlenden Glauben – an sich selbst und an die Zukunft.
Natürlich tragen Lehrpersonen viel Verantwortung und arbeiten oft am Limit. Gerade darum braucht es klare Leitplanken: Sensibilisierung für Armutsrealitäten, verbindliche Standards im Umgang mit Stigmatisierung, und vor allem eine Schul- und Sozialpolitik, die Kinder nicht zum «Fall» macht, sondern zum Menschen. Wenn Eltern unter Dauerstress stehen, leidet die Feinfühligkeit, leiden Beziehungen.
Wer Kinderarmut ernsthaft bekämpfen will, muss entlasten: finanziell, organisatorisch und durch niederschwellige Angebote, die wirklich erreichbar sind. Die wichtigste Botschaft sollte in jeder Schule hängen: Jedes Kind hat Würde. Jedes Kind hat Potenzial. Und jedes Kind hat ein Recht darauf, dass Erwachsene es schützen – statt es klein zu machen.
Hanspeter Gautschin, Oberdorf
