«Besseres Verständnis für kulturelle Identität»
13.01.2026 BaselbietEsther Roth vernetzt Gemeinden und Kulturschaffende
Seit 2016 leitet Esther Roth (45) das Baselbieter Amt für Kultur. Da sie das Kulturzentrum Marabu sehr schätzt, wird das Interview in dessen Foyer geführt. Roth spricht über die kulturelle Grundversorgung und die ...
Esther Roth vernetzt Gemeinden und Kulturschaffende
Seit 2016 leitet Esther Roth (45) das Baselbieter Amt für Kultur. Da sie das Kulturzentrum Marabu sehr schätzt, wird das Interview in dessen Foyer geführt. Roth spricht über die kulturelle Grundversorgung und die Beziehung zu Basel-Stadt.
Daniel Aenishänslin
Frau Roth, Sie haben wirklich schon viel Kulturleben gesehen. Sie waren Vorstandsmitglied des Rockfördervereins Basel oder Stiftungsratspräsidentin der Schweizerischen Interpretenstiftung.
Wenn Sie einen Überblick wagen, was macht den Charakter des kulturellen Baselbiets aus?
Esther Roth: Die unglaubliche Vielfalt. In der Region Basel bewegen wir uns in einem Kulturraum mit rund 500 000 Einwohnerinnen und Einwohnern. In der Stadt gibt es zwar ein grosses Angebot, aber von den 300 000 Personen, die im Baselbiet leben, nutzt ein grosser Teil das Basler Angebot nicht. Weil er es nicht mehr kann, weil er es noch nicht kann oder es gar nicht nutzen will. Für diese Menschen sind wir genauso zuständig. Es sind kleinere und grössere Mehrspartenhäuser wie das Marabu in Gelterkinden, der Pfarrhauskeller in Waldenburg oder das «Alts Schlachthuus» in Laufen, die einen wichtigen Beitrag zur kulturellen Grundversorgung der Bevölkerung leisten. Daneben gibt es über den Kanton verteilt Kulturvereine ohne Ende. Sie gestalten Kulturprogramme, Konzertreihen, Lesungen und Ausstellungen.
Täuscht der Eindruck, dass es in Basel mehr kulturelle Angebote gibt als im Baselbiet?
Das Angebot ist dichter und die Institutionen sind grösser. Kulturell relevant sind für mich aber nicht nur Häuser, die professionell geführt sind und professionelles Kulturschaffen zeigen. Mindestens genau so wertvoll ist ein Haus mit ehrenamtlicher Trägerschaft, das professionelle oder auch nicht professionelle Kultur zeigt, oder Vereine, in denen man sich kulturell beteiligen kann. Sie alle sind Teil der kulturellen Grundversorgung einer Region. Ich reduziere nicht auf das Angebot. Wenn wir von der kulturellen Grundversorgung sprechen, reden wir von drei Säulen.
Welche sind das?
Da ist natürlich das kulturelle Angebot, das ist die sichtbarste der drei Säulen: Kulturhäuser, Museen, Bibliotheken etwa. Genauso wichtig ist aber, dass der Zugang zu diesen Angeboten gewährleistet ist. Das ist eine weitere Säule. Viele Menschen kämpfen mit sogenannten Ausschlüssen. Den einen fehlen die finanziellen Mittel, um sich ein Ticket zu leisten. Anderen verunmöglicht eine körperliche Behinderung oder sprachliche Barriere einen Kulturbesuch. Es gibt ganz viele Ausschlüsse in einer Gesellschaft. Schliesslich ist da die dritte Säule, die Möglichkeit, dass man sich selbst kulturell betätigen kann. Je mehr man sich selbst beteiligt, desto mehr spürt man, wie man sich selbst verändert, Erfahrungen macht, die einem fürs Leben guttun. Gleichzeitig ist man Teil einer Gemeinschaft.
Aber zurück zum Angebot.
Soll oder kann das Baselbiet gar kein grösseres haben?
Das ist am Ende ein Aushandlungsprozess. Der Kanton sorgt über die subventionierten Institutionen in allen Sparten und über die kantonalen Institutionen Augusta Raurica, Kantonsbibliothek und Museum.BL für eine Grundleistung. Stark unterstützen wir die Anstrengungen, dass vielfältige Angebote auf dem ganzen Kantonsgebiet überhaupt entstehen können. Die Angebote werden vor Ort in den Gemeinden gestaltet. Somit sind die Gemeinden und ihre Kulturakteurinnen unsere relevanten Partnerinnen. Wir bemühen uns schon lange in einem sehr schönen Austausch. Jede Gemeinde im Kanton ist einzigartig und hat Angebote.
Wie sieht diese Unterstützung aus?
Wir vermitteln, vernetzen, beraten – und unterstützen dabei, auch den Bereich der Kultur systematischer zu denken. Zum Beispiel schauen wir uns gemeinsam an, welche kulturelle Infrastruktur besteht. Eine Gemeinde hat ein Ortsmuseum, eine andere eine Bibliothek und wieder eine andere einen Raum, der als Mehrspartenlokalität funktioniert. Wenn diese drei Gemeinden nun Kultur gemeinsam denken und koordinieren, dann gibt es daraus ein Ganzes. Solche Prozesse versuchen wir zu begleiten.
Wäre nicht weniger brotloses Wirken von Kunstschaffenden möglich, wenn man das Angebot steigern würde?
Nein, das würde bedeuten, dass wir dafür zuständig wären, so viele Plattformen zu generieren, dass Künstlerinnen immer genug spielen können, um davon leben zu können. Das ist nicht die Funktionsweise eines Kulturamts. Wenn wir Angebote unterstützen, innerhalb denen professionelle Kulturschaffende auftreten, verlangen wir, dass sie fair bezahlt werden. Dazu verpflichten wir Veranstalter, die von uns Unterstützung erhalten, sogar. Das ist unsere Perspektive. Kulturschaffende sollen wie alle anderen Berufsgattungen fair bezahlt sein, wenn sie arbeiten. Dafür setzen wir uns ein. Wie viel sie wiederum arbeiten können, liegt nicht in unserer Verantwortung.
Reden wir über die Beziehungen im Kulturbereich zwischen dem Baselbiet und dem Stadtkanton. Gibt es die – abgesehen vom Kulturvertrag – überhaupt?
Sicher. Wir haben seit vielen Jahren eine sehr eng abgestimmte Beziehung. Auf Grundlage der Vereinbarung zur Projektförderung BL/BS unterstützen wir gemeinsam das professionelle Kulturschaffen in den Bereichen Darstellende Künste, Musik, Literatur sowie Film und Medienkunst. Und wir stimmen uns bei den Festivals ab.
Was macht es denn so schwer, sich zu finden, wenn das Baselbiet mit Basel-Stadt einen Kulturvertrag aushandelt?
Wir sind zwei unterschiedliche Partner mit unterschiedlichen Voraussetzungen und auch unterschiedlichen politischen Mehrheiten. Dazu liegt ein historischer Konflikt unter allem. Am Ende ist der neue Kulturvertrag eine politische Aushandlung über einen finanziellen Betrag, der schweizweit mit grossem Abstand der höchste ist für Zentrumsleistungen im Kulturbereich. Aus der Sicht unseres Kantons ist das ein sehr fairer Beitrag.
Das Baselbiet lässt sich die Kultur jährlich 30 Millionen Franken kosten. Gleich ein Drittel davon geht nach Basel. Ist das fair und nicht zu viel?
Es kann nicht zu viel oder zu wenig sein. Es ist der Stand der aktuellen politischen Verhandlungen. Der neue Vertrag hat extrem viel Ruhe gebracht, weil wir die Gelder heute direkt an Basel-Stadt überweisen und die berücksichtigten Institutionen nicht mehr direkt in den politischen Verhandlungen drinhängen. Zuvor verwendete unser kleines Team viel Zeit darauf, ausserkantonale Institutionen zu betreuen. Die Ressourcen, die dadurch gebunden waren, können wir heute darauf verwenden, Gesuchstellerinnen und Gesuchsteller, kulturelle Akteure und Prozesse im Baselbiet zu begleiten. Das ist im Kulturfördergeschäft mindestens so wichtig wie Geld.
Führt ein Kulturvertrag nicht zu einer Verpolitisierung der Kultur?
In jenen Momenten, in denen wir verhandeln, ist das natürlich so. Aber wenn wir über einen Uni-Vertrag verhandeln, verpolitisieren wir die Bildung genauso. Das ist in jedem Bereich so. Immer dann, wenn ein Geschäft so weit ist, dass es in den politischen Diskurs kommt, wird genau das passieren. In einem öffentlichen politischen Diskurs bietet sich uns aber auch die Gelegenheit, allen zu erklären, warum Kultur so wichtig für die Menschen ist.
Das Baselbiet leistet sich Kultur für 30 Millionen Franken, unser Nachbar Basel-Stadt dagegen gleich für 135 Millionen Franken. Woher rührt diese Diskrepanz?
Es gibt in Basel-Stadt eine sehr lange Tradition von Mäzenatentum. Das Zusammenspiel von Mäzenatentum, Politik und Gesellschaft hat dazu geführt, dass Basel eine ungewöhnliche Geschichte geschrieben hat, was das Kulturangebot angeht. Das trifft aber auch auf andere urbane Zentren zu.
Ende 2025 ist Kulturdirektorin Monica Gschwind abgetreten. Wie ungewöhnlich war die Geschichte Ihrer Zusammenarbeit?
Sie war ungewöhnlich gut. Ich habe diese Zusammenarbeit als sehr, sehr verbindlich erlebt. Wir hatten eine äusserst vertrauensvolle Beziehung, obwohl wir komplett andere Typen sind und uns auch mal nicht einig waren. Wir haben uns aber gut ergänzt. Als Verwaltungsmitarbeiterin kann man sich eine solche Zusammenarbeit nur wünschen.
Als Sie vor zehn Jahren ihre Funktion als Amtsleiterin antraten, sagte Niggi Messerli, Chef des Liestaler Kulturhauses Palazzo, er hoffe, dass in Ihrer Arbeit wirklich Baselbieter Kulturthemen im Vordergrund stehen würden. Im Baselbiet gebe es viele Baustellen.
Was haben Sie erreicht?
Oh, wir haben viel erreicht. Ich würde sagen, ich habe den Wunsch von Niggi Messerli sehr gut erfüllt. Wir konnten viele kulturelle Ankerpunkte sanieren oder weiterentwickeln. Ein gutes Beispiel ist das Marabu. In Reigoldswil haben wir dem Museum im Feld zu einem kleinen Veranstaltungsraum verholfen. Eine ganz grosse Sache war die Eröffnung des Sammlungszentrums in Augusta Raurica. Natürlich mit grosser Unterstützung der Baudirektion. Ein absoluter Meilenstein. Auch im Bereich der lebendigen Traditionen und in der Zusammenarbeit mit den Gemeinden haben wir enorm viel erreicht. Der Kanton Baselland hat ein besseres Verständnis für seine kulturelle Identität entwickelt, die schon immer seine grösste Stärke war: die Vielfalt.
Zur Person
vs. Esther Roth (1980) studierte Kulturmanagement an der Universität Basel und schloss mit dem Master of Advanced Studies in Arts Management ab. Vor ihrer Tätigkeit beim Kanton Baselland war sie als freischaffende Kulturmanagerin tätig. Am 1. Januar 2021 hat sie Leitung des Amts für Kultur übernommen.

