AUSGEFRAGT | DANIEL RELLSTAB, LAUFBAHNZENTRUM BASELLAND
14.02.2025 Gesellschaft«KI ersetzt die eigene Arbeit nicht vollständig»
Künstliche Intelligenz verändert das Bewerbungsverfahren. Auf Arbeitnehmer und Arbeitgeber kommen einige Veränderungen zu, sagt Experte Daniel Rellstab. Aber nicht alles ist durch die KI ...
«KI ersetzt die eigene Arbeit nicht vollständig»
Künstliche Intelligenz verändert das Bewerbungsverfahren. Auf Arbeitnehmer und Arbeitgeber kommen einige Veränderungen zu, sagt Experte Daniel Rellstab. Aber nicht alles ist durch die KI neu.
Paul Aenishänslin
Sie haben viel mit jungen Menschen zu tun, die Bewerbungen schreiben. Beobachten Sie einen vermehrten Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI)?
Daniel Rellstab: Ja, wir sehen, dass der Einsatz von KI-gestützten Tools bei Bewerbungen immer häufiger wird – und zwar nicht nur bei jungen Menschen, sondern auch bei Berufserfahrenen.
Es gibt verschiedene Anbieter von KI im Internet. Welches Tool wird derzeit am meisten verwendet? Das chinesische DeepSeek?
Derzeit ist «ChatGPT» von «OpenAI» eines der am häufigsten genutzten KI-Tools, sowohl für Bewerbungen als auch für andere Schreibaufgaben. Welche KI zum Einsatz kommt, hängt von den individuellen Bedürfnissen ab.Während «ChatGPT» ganze Texte generiert, helfen «DeepL-Write» und «LanguageTool» eher bei der sprachlichen Feinanpassung – insbesondere bei der Stil-, Grammatik- und Rechtschreibprüfung. In der Regel empfiehlt sich eine Kombination verschiedener Tools.
Nehmen wir an, ein Bewerber verwendet «ChatGPT». Was hat er zu beachten?
Beim Einsatz von KI-gestützter Schreibhilfe für Bewerbungen ist es wichtig, die Authentizität zu wahren. Generische Texte enthalten oft viele Floskeln und können daher austauschbar wirken. Ein gutes Bewerbungsschreiben sollte die eigene Persönlichkeit widerspiegeln. Wichtig ist auch die Art und Weise des Prompts, also des Eingabebefehls am Computer. Je spezifischer er ist, desto gehaltvoller sind die generierten Textvorschläge. KI sollte gezielt eingesetzt werden, zum Beispiel für Formulierungsvorschläge zur Strukturierung oder Rechtschreibprüfung. Künstliche Intelligenz kann die eigene Arbeit zwar unterstützen, aber nicht vollständig ersetzen.
Wann ist der Einsatz von KI bei Bewerbungen negativ?
Das hängt von der Anwendung ab. Besonders für Personen, die im schriftlichen Ausdruck weniger geübt sind, ist die Verlockung gross, auf individuelle Textinhalte zu verzichten. Sie erhalten per Knopfdruck einen Text, den sie in dieser sprachlichen Qualität selbst nicht verfassen könnten – und sind davon begeistert. Ob diese Begeisterung von den Personalverantwortlichen geteilt wird, ist jedoch eine andere Frage. Ganz neu ist das Problem allerdings nicht.
Wie meinen Sie das?
Schon früher haben Bewerber Vorlagen aus dem Internet übernommen oder die Aufgabe an schreibaffine Personen in ihrem Umfeld delegiert. Auch in diesen Fällen kam es vor, dass der Text nicht unbedingt zur Person oder zur ausgeschriebenen Stelle passte. Insbesondere dann, wenn das gleiche Motivationsschreiben für verschiedene Bewerbungen verwendet wurde, ohne es entsprechend anzupassen.
Was könnte sonst noch negativ sein bei einer Bewerbung?
Gerade bei Jugendlichen im Prozess der ersten Berufswahl hat das Verfassen des Motivationsschreibens einen wichtigen Zweck: Es fordert zur Auseinandersetzung mit den eigenen Zielen, Interessen und Stärken auf. Dieser Prozess könnte durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz etwas verkürzt oder umgangen werden, bleibt jedoch bedeutend. Natürlich gibt es auch andere Wege, diese Reflexion zu fördern, als im Rahmen eines Motivationsschreibens.
Inwiefern ist der Einsatz von KI beim Verfassen von Bewerbungsschreiben positiv?
KI kann helfen, Schreibblockaden abzubauen, flüssiger und fehlerfrei zu schreiben, gemachte Erfahrungen besser darzustellen und eine logische Grundstruktur zu erstellen. Sie kann zudem dabei unterstützen, Wichtiges nicht zu vergessen. Ein hilfreicher Eingabebefehl dafür ist zum Beispiel: «Stelle mir Rückfragen, bevor du antwortest.» Wie bei allen anderen Werkzeugen, ist der richtige Umgang entscheidend dafür, ob das Ergebnis positiv oder negativ ausfällt. Für Bewerber ist es eine gewisse Entlastung, jederzeit Zugriff auf Formulierungshilfen zu haben.
Glauben Sie, dass der Einsatz von KI bei Bewerbungsschreiben künftig zum allgemeinen Standard wird?
Ich gehe davon aus, dass viele Kandidaten diese Tools bereits heute nutzen. Laut einer Studie der Universität Zürich kennen fast alle Personen in der Schweiz generative KI-Tools (98 Prozent). 54 Prozent geben an, diese auch zu nutzen. Die Frage ist also eher, wie die Unternehmen damit umgehen.
Wie reagieren denn Unternehmen auf diese Entwicklung?
Das ist sehr unterschiedlich. Einerseits setzen insbesondere grössere Firmen seit Längerem KI-gestützte Anwendungen ein, um die Vielzahl an eintreffenden Bewerbungen effizient zu bewältigen. Das reicht vom Einsatz von Chatbots für die Bewerberkommunikation bis zur automatisierten Vorauswahl. Es gibt auch Unternehmen, die nach neuen Wegen suchen: Coop setzt seit diesem Jahr im Lehrstellenbereich auf Videobewerbungen statt auf klassische Motivationsschreiben. Auch hier gilt: Der Stellenwert von Motivationsschreiben wurde bereits vor dem KI-Zeitalter kontrovers diskutiert. Momentan wird jedenfalls viel experimentiert und entsprechende Erfahrungen werden gesammelt. Welche Varianten sich dabei durchsetzen, wird die Zukunft zeigen.
Wird der Einsatz von KI bei Bewerbungen den Arbeitsmarkt verändern?
Abgesehen davon, dass KI den Arbeitsmarkt insgesamt stark verändern wird, sehe ich eher einen indirekten Einfluss. Eine meiner Kundinnen, die sich in einem verwandten Bereich bewerben wollte, stand beispielsweise vor der Herausforderung, dass das Unternehmen explizit kein Motivationsschreiben mehr wünschte. Dies schränkt die Möglichkeit ein, zu erklären, warum sie für die Stelle geeignet ist, selbst wenn sie vielleicht nicht genau die geforderten Qualifikationen mitbringt. Geeignete Kandidaten könnten den Unternehmen durch solche Änderungen verloren gehen. Dieser Aspekt ist auch bei der automatisierten Vorauswahl ein Thema.
Und weiter?
Qualifizierte Personen, die wenig Erfahrung im Schreiben von Bewerbungen haben, erhalten durch KI oder neue Bewerbungsformen eine bessere Möglichkeit, sich zu präsentieren, was den Talentpool der Unternehmen erweitern könnte. Einerseits schafft KI also gewisse Erleichterungen beim Schreiben von Bewerbungen, andererseits erfordern die vielfältigen Bewerbungsformen neue Kompetenzen, um die Chancen im Arbeitsmarkt zu erhalten – insbesondere im digitalen Bereich.
Zur Person
pae. Daniel Rellstab (43) ist seit 2013 Berufs-, Studien- und Laufbahnberater im Laufbahnzentrum Baselland. Seit 2024 befindet sich das Zentrum in Pratteln.