Auf der Suche nach einem kostbaren Piratenschatz auf einer fernen Insel
10.04.2025 ZunzgenDer Historiker Daniel Krieg wurde beim Versuch, ein 300 Jahre altes Rätsel zu lösen, von einem Fernsehteam begleitet
Daniel Krieg ist der Rätselmacher der «Volksstimme». Als wir ihn einmal fragten, ob wir den, der hinter «kreuz und quer» steckt, für ...
Der Historiker Daniel Krieg wurde beim Versuch, ein 300 Jahre altes Rätsel zu lösen, von einem Fernsehteam begleitet
Daniel Krieg ist der Rätselmacher der «Volksstimme». Als wir ihn einmal fragten, ob wir den, der hinter «kreuz und quer» steckt, für die Leser porträtieren dürfen, fragte er, ob wir nicht lieber über seine von einem Fernsehteam begleitete Schatzsuche auf Inseln im Indischen Ozean berichten möchten. Was für eine Frage!
Hanspeter Gsell
Arm am Beutel, krank am Herzen, Schleppt’ ich meine langen Tage. Armuth ist die grösste Plage, Reichthum ist das höchste Gut! Und, zu enden meine Schmerzen, Ging ich einen Schatz zu graben. Meine Seele sollst du haben! Schrieb ich hin mit eignem Blut.
Aus Goethes Ballade «Der Schatzgräber»
Heute begebe ich mich unter die Schatzsucher. Ein Interview soll es werden. Diese Aufgabe führt mich nach Zunzgen. Hier soll ich einen Schatzsucher befragen? Hat jemand den Schatz im Büchel gefunden? Nein, natürlich nicht. Ein gewisser «La Buse» (La Büüs) soll auf einer Insel im Indischen Ozean einen riesigen Schatz vergraben haben. Daniel Krieg, Historiker aus Zunzgen, soll diesem Schatz näher gekommen sein als jeder andere.
Eines Tages mache ich mich also auf nach Zunzgen. Wie es sich gehört, bin ich mit Notizblock, Bleistift, Gummi und Ärmelschonern bewaffnet. Doch Nemo hindert mich vorerst daran, bis zum vorgesehenen Gesprächspartner vorzudringen. Nemo ist kein Fisch, sondern ein rattengrosser Hund, der sich in meine Jeans verbeisst. Ob ich ihm nicht sympathisch bin? Das könnte auf Gegenseitigkeit beruhen.
In Zunzgen werde ich Daniel Krieg zum Projekt «La Buse» befragen. Krieg wurde 1962 geboren, wohnt und arbeitet in Zunzgen. Nach Abschluss des Gymnasiums in Liestal studierte er in Basel Deutsch und Geschichte. Bereits während des Studiums erstellte er für eine Zeitung Rätsel. Er verzichtete auf eine Stelle im Staatsdienst und bezeichnet sich seither selbst als Rätselautor, Lernbegleiter, Schatzsucher, Lebensphilosoph.
An der Uni verbrachte Daniel Krieg viel Zeit in der umfangreichen Bibliothek. Manchmal lieh er sich bis ein Dutzend Bücher gleichzeitig aus. Allerdings beabsichtigte er nicht, diese zu lesen. Sie sollten ihm vielmehr Inspiration für persönliche Recherchen sein.
Krieg sagt, dass er schon immer fasziniert von Botschaften war, die ihm historische Objekte vermitteln. Über solche Geschichten möchte er den Lesern neue und eigene Wahrheiten vermitteln, ihnen eine Reise in die Fantasie ermöglichen. Geschichten sollen mit neuen Geschichten zu neuem Leben erweckt werden. «Der Weg ist der Weg», meint er dazu.
La Buse – der Bussard
In seiner persönlichen Bibliothek stehen alte Bücher, einige davon scheinen wertvoll zu sein. Auch ein Werk von Charles de la Roncière, einem Historiker und Konservator der französischen Nationalbibliothek, ist dabei: «Le Filibustier mystérieux». Es handelt von einem Piraten namens Olivier Le Vasseur, genannt «La Buse», der Bussard. Und es handelt von einem gigantischen Schatz.
Einige Bücher sind verstaubt, andere arg zerlesen. Viele sind mit persönlichen Anmerkungen gespickt. Auch die bereits leicht angegilbten Stiche an der Wand erzählen ihre eigenen Geschichten. So muss die Studierstube eines Gelehrten aussehen. Was aber hat «Globi und die Pirateninsel» hier zu suchen? Die Lösung dieses Rätsels ist vergleichsweise einfach: Die Töchter haben Krieg das Kinderbuch geschenkt.
Heute strahlt das Schweizer Fernsehen SRF eine Dokumentation von Daniel Kriegs Suche nach dem Schatz von «La Buse» aus. Ebenfalls ab heute wird die dokumentierte Schatzsuche in der Mediathek des Zweiten Deutschen Fernsehens aufgeschaltet, und Anfang Juli in der Sendung «Terra X» des ZDF zu sehen sein. Es ist eine Reise zu den Inseln im Indischen Ozean. Dorthin waren die Piraten geflohen, nachdem die Karibik zu unsicher für sie geworden war. Bis am Tag der Ausstrahlung ist alles geheim. Deshalb darf an dieser Stelle auch nicht verraten werden, ob Krieg den Piratenschatz entdeckt.
Der kleine Drache Kokosnuss
Wer von Piraten spricht, denkt gern an den einäugigen Seeräuber mit wildem Rauschebart und einem Papagei auf der Schulter. Wie er über die Meere segelt, bisweilen eine spanische Galeone überfällt und die goldenen Dukaten auf einer einsamen Insel vergräbt. Natürlich nicht, ohne vorher eine geheime Schatzkarte angefertigt zu haben. Was fasziniert schon Kinder an Geschichten wie «Benny Blu, der Pirat» oder «Der kleine Drache Kokosnuss»? Sind es die Augenklappen, die Holzbeine oder die Haken-Hände? Oder vernebeln die bunten Papageien, die auf Piraten-Schultern sitzen, die kindliche Sicht?
Piraten waren nicht einfach Schlawiner, sie waren nichts anderes als gemeine Mörder und Diebe. Sie hatten immer ihre Waffen dabei, zum Beispiel einen mehr oder minder verrosteten Enter-Säbel (das Salzwasser liess aus jedem rostfreien Stahl beinahe augenblicklich einen Rosthaufen entstehen). Unter der persönlichen Piratenausrüstung befand sich zudem ein kurzschneidiges Schwert, ein Entermesser, ein Enterhaken sowie Musketen, Pistolen und andere Donnerbüchsen. Auf dem Kopf trug ein Seeräuber einen sogenannten Dreispitz. Dieser wurde früher von Offizieren und vom Adel getragen. Als Pirat zählte man sich offensichtlich auch zur gehobenen Klasse.
An Bord haben die Piraten nicht viel mehr als Sauerkraut gegessen (zwecks Bekämpfung der gefürchteten Krankheit Skorbut) und wurmstichigen Zwieback (zwecks Beherrschung des Sauerkrauts). Und war dieser Proviant einmal aufgebraucht, tat man sich am Sägemehl und Lederzeug gütlich. Die Ratten gehörten bereits zu den Edelstücken und wurden an Bord unter der Hand verkauft. Auch Süsswasser war kostbar. Duschen war schlicht unmöglich. Die Fässer der Piraten waren mit Tranksame gefüllt, die nur sehr entfernt etwas mit Rum zu tun hatte. Weder Bacardi noch Schnaps aus Barbados waren es, welche die Kehlen der durstigen Mörder hinunterflossen. Eher war es ein dünner Grog aus Wasser, Rum und Limetten.
Fakten anstatt Geschichten
Ein Historiker wie Krieg hält sich an Fakten, Quellen, Wahrscheinlichkeiten und Plausibilitäten. Als Quellen bezeichnet man in den Geschichtswissenschaften «alte Texte, Gegenstände oder Tatsachen, aus denen Kenntnis der Vergangenheit gewonnen werden kann.»
Ein Schatzsucher hingegen will nur einen Schatz suchen – und ihn finden und ausgraben. Fakten werden so lange zurechtgebogen, bis die Geschichten stimmig sind. Auf diese Weise werden und wurden immer wieder Menschen dazu verführt, dubiose Schatzsucher zu finanzieren. Es gibt manche, die bereits in der zweiten Generation ihr Erspartes für völlig unsinnige Suchen ausgegeben haben. Vielleicht aber nicht nur … Nicht nur im Indischen Ozean und in der Karibik, auch im Südpazifik tauchten immer wieder mehr oder weniger glücklose Piraten auf. Viele waren von Handels- und Kriegsschiffen abgehauen und hatten sich von der Piraterie ein besseres Leben versprochen. Einige wurden ganz einfach ausgesetzt. Das gleiche Schicksal erlitten Kranke und Verletzte. Man setzte solche unrentablen Mitesser ohne ein Wort des Bedauerns irgendwo aus. «Irgendwo» konnte auch bedeuten auf einer Sandbank mitten im Pazifik. Soweit zur christlichen Seefahrt. Unchristlich hätte in solchen Fällen wohl bedeutet, man hätte sie einfach über Bord geworfen.
Trinke Muth des reinen Lebens! Dann verstehst du die Belehrung, Kommst, mit ängstlicher Beschwörung, Nicht zurück an diesen Ort. Grabe hier nicht mehr vergebens. Tages Arbeit! Abends Gäste! Saure Wochen, frohe Feste! Sey dein künftig Zauberwort.
Goethe
Das «Kryptogramm von La Buse» und dessen Entschlüsselung
Verheissungsvolle Botschaft | Nachdem seit 1934 alle Versuche, das Dokument zu entziffern, scheiterten, gelang Daniel Krieg der Durchbruch
In den 1920er-Jahren kommt eine gewisse Madame Rose Savy von der Insel Mahé (Seychellen) in den Besitz verschiedener Dokumente, die angeblich von einem Vorfahren mit Namen Bernardin Nageon de l’Estang, einem alten Korsaren stammen sollen. Darunter dessen Testament, in dem er seinem Neffen Justin seinen angeblich auf Mauritius versteckten Schatz vermacht und ein Schriftstück mit geheimnisvollen Zeichen, das später als «Kryptogramm von La Buse» zu Berühmtheit gelangt. Auf ihrem Grundstück findet Savy Felszeichnungen und drei männliche Skelette. Man versichert ihr, dass es sich dabei um Beweise handeln müsse, dass irgendwo auf ihrem Besitz ein Schatz versteckt sei. Und das Kryptogramm sei der Schlüssel dazu.
1933 reist sie nach Paris, um in der Bibliothèque Nationale Hilfe beim Entschlüsseln des Kryptogramms zu bekommen. Sie sucht nach den «Clavicules du Salomon», einem magischen Zauberbuch. Der Konservator der Bibliothek, Charles de La Roncière, erkennt in der geheimen Schrift das Freimaurer-Alphabet und dechiffriert sie. Das Resultat ist ernüchternd: Die Grundsprache ist zwar Französisch, der «Klartext» ist jedoch ein reines Kauderwelsch.
De La Roncière erzählt diese Geschichte in seinem Buch «Le filibustier mystérieux» (Der geheimnisvolle Pirat), erschienen 1934. Darin ist das Kryptogramm abgedruckt. Der Autor kommt zum Schluss, dass es sich dabei um das Vermächtnis des französischen Piraten Olivier Levasseur, genannt «La Buse» handeln müsse, der 1730 auf La Réunion hingerichtet wurde. Gegen Ende des Buchs schreibt De La Roncière diejenigen Zeilen, welche die Legende um «La Buse» geprägt haben:
«La tradition veut que le forban, qui cacha son trésor, tendît à la foule son cryptogramme avant de marcher au supplice et que ses dernières paroles fussent comme un testament: ‹Pour celui qui le découvrira.›» Auf Deutsch: Gemäss der Überlieferung streckte der Pirat, der seinen Schatz versteckt hatte, der Menge das Kryptogramm entgegen, bevor er zu seiner Hinrichtung schritt, und seine letzten Worte waren wie ein Testament: «Für denjenigen, der es entziffern kann.»
Seit 1934 sind alle Versuche, das Kryptogramm zu entziffern, gescheitert. Viele Autoren verlieren sich in wilden Spekulationen. Unzählige Schatzsucher habe sich auf den Weg in den Indischen Ozean gemacht, um die angeblichen Reichtümer der Nossa Senhora zu finden, dem portugiesischen Schiff, das «La Buse» 1721 zusammen mit über 400 anderen Piraten gekapert hatte. Der Wert der Beute liegt ja nach Schätzung zwischen mehreren Hundert Millionen und fünf Milliarden! Einige haben ihr ganzes Leben damit verbracht, nach dem Schatz zu suchen. Eines war aber immer klar: Ohne das Kryptogramm zu verstehen, bleibt alles dem reinen Zufall überlassen.
Die Lösung zur Entzifferung des Dokuments liegt in einer systematischen Anwendung einer «Fehlerlogik». Das Freimaurer-Alphabet besteht nur aus geraden Linien und Punkten. Analysiert man lesbare Teile der Dechiffrierung von De La Roncière, erkennt man Fehler, die durch die falsche Anwendung des Codes und durch offensichtliche Ungenauigkeiten beim Schreiben entstanden sind. Kommt dazu, dass der Schreiber offensichtlich weder französischer Muttersprache noch schulisch gebildet war. Vieles ist phonologisch geschrieben oder anders gesagt: Der Schreiber hat so geschrieben, wie er gesprochen hat.
Durch die konsequente Anwendung der Fehlerlogik kristallisieren sich sieben bis acht Teile des Textes heraus, die eine untereinander nicht verbundene Sammlung von «Skurrilitäten» präsentieren. Ein Teil besteht aus einer Art volksmedizinischen Rezepten. So soll ein lebendig zerrissenes Taubenpaar auf den Kopf eines Pferdes gedrückt werden. Einem räudigen Hund soll man ein Rauchklistier verpassen oder man empfiehlt das Kauen von Schellack, um eine Dame nicht mit Mundgeruch zu belästigen. Auch die Geschichte gewisser Frauen aus Goa, die ihre Männer betäuben, um sich mit ihren Liebhabern zu vergnügen, findet man im Text.
Mit meiner Methode habe ich 80 bis 90 Prozent des Textes entziffert und kann dies mit historischen Quellen belegen. Einen Zusammenhang mit irgendeinem Schatz lässt sich aber nicht konstruieren. Der Inhalt enthält jedoch Hinweise auf den geografischen Raum zwischen Afrika und Indien, also dem Indischen Ozean, und er lässt sich zeitlich zwischen dem 17. und dem 18. Jahrhundert einordnen.
Noch ein Resultat zeigt die Analyse: Mit grösster Wahrscheinlichkeit ist das Kryptogramm zweistufig entstanden. Ein Schreiber hat den Text mithilfe des Codes erstellt, eine zweite Person hat diesen Text abgeschrieben und verwendet, um nach einem genialen Plan das Dokument wie mit einer Art Blindtext aufzufüllen. Um es anders zu sagen: Der Text dient nur dazu, den wahren Charakter des Kryptogramms zu verschleiern. Der «Leser» des Textes soll von den wirklich wichtigen Elementen abgelenkt werden. Im Kryptogramm versteckt sich ein Rätsel hinter einem zweiten. Stammt das Dokument tatsächlich vom berüchtigten Piraten?
Im Jahr 2023 konnte ich das ZDF und das Schweizer Fernsehen davon überzeugen, eine Expedition in den Indischen Ozean zu finanzieren. Im Februar vergangenen Jahres machte ich mich mit einem Filmteam auf den weiten Weg, um meine Thesen vor Ort zu überprüfen. Entstanden ist eine spannende Dokumentation, die den aussergewöhnlichen Versuch unternimmt, historische Fakten und die Legende um einen millionenschweren Piraten unter einen Hut zu bringen.
Daniel Krieg
Ausstrahlungsdatum der Sendung SRF-Dok «Der Schatz des Piraten – Dem Rätsel auf der Spur» ist heute Donnerstag, 10. April, um 20.10 Uhr. Weitere Informationen unter www.labuse-facts.com