Am Ende bleibt die Enttäuschung
24.09.2026 OrmalingenBauernfamilie kämpfte vergeblich für näheren Schulort
Eine Bauernfamilie wollte ihre Kinder im näher gelegenen Hemmiken zur Schule schicken. Doch Ormalingen bestand auf einer Einschulung in der Wohngemeinde. Der jahrelange Konflikt beschäftigte auch den ...
Bauernfamilie kämpfte vergeblich für näheren Schulort
Eine Bauernfamilie wollte ihre Kinder im näher gelegenen Hemmiken zur Schule schicken. Doch Ormalingen bestand auf einer Einschulung in der Wohngemeinde. Der jahrelange Konflikt beschäftigte auch den Regierungsrat.
Janis Erne
Resigniert und auch etwas verärgert blickt Urs Rudin aus dem Fenster seines «Hofstüblis». Am meisten störe ihn, dass man nicht gemeinsam an einem Tisch sitzen konnte, um die Sache von Anfang an einvernehmlich zu klären, sagt der Landwirt. Zumal er sich jahrelang in der Verbundfeuerwehr engagiert habe – zusammen mit heutigen Behördenmitgliedern.
Doch statt einer Lösung entwickelte sich in den vergangenen drei Jahren ein schriftliches Hin und Her zwischen der Familie Rudin, dem Ormalinger Gemeinderat und dem Kanton. Im Zentrum der Uneinigkeit stand die Frage, wo die Kinder von Urs Rudin und seiner Frau Miriam in den Kindergarten respektive die Schule gehen sollen. Während die Bauernfamilie ihre schulpflichtigen Söhne nach Hemmiken schicken wollte, beharrte die Gemeinde Ormalingen darauf, dass die Kinder an ihrem Wohnort eingeschult werden. Sie begründete dies unter anderem mit den höheren Kosten einer auswärtigen Beschulung und der angespannten Finanzlage der Gemeinde.
Doppelt so langer Weg
Die Rudins bewirtschaften den Stellihof unterhalb des Landguts Farnsburg, wo sie Milchkühe und Pensionspferde halten, Ackerbau betreiben und Obstbäume pflegen. Hemmiken liegt rund 1,2 Kilometer Luftlinie entfernt, der Ortskern der Wohngemeinde Ormalingen etwa 2,3 Kilometer. Wegen der kürzeren Distanz zur Schule und weil der Weg laut der Familie weniger gefährlich ist, favorisieren die Rudins die Schule in Hemmiken. «Hier können wir den Kindern bis kurz vor dem Dorf nachsehen, während der Farnsburgweg nach Ormalingen etwas oberhalb unseres Hofs liegt und wir nicht beobachten können, ob sie sicher ankommen. Zudem sind die Verkehrsverhältnisse auf dem Weg nach Ormalingen unübersichtlich und es hat deutlich mehr Verkehr als nach Hemmiken», sagt Urs Rudin, der einst selbst in Hemmiken zur Schule ging – so wie alle Generationen auf dem Stellihof.
Aus Sicht der Familie sprechen weitere Gründe für Hemmiken. Dort haben sie Bekannte, die ihre Kinder über Mittag betreuen könnten, was sie bei der Hofarbeit entlasten würde. Zudem könnte Urs Rudin, der auch Brunnmeister in Hemmiken ist, Wasser-Kontrollgänge mit dem Transport der Kinder verbinden. Und schliesslich entspreche die kleine Schule mit durchmischten Klassen dem ältesten Sohn, der «in sozialer Hinsicht ein Spätentwickler» sei. «Für uns erleichterte es den Alltag ungemein, wenn unsere Kinder in Hemmiken zur Schule gehen würden», sagen die Eltern, die beide auf dem Bauernbetrieb arbeiten.
Doch die Gemeinde Ormalingen sieht die Sache anders. Sie erlaubte den Kindergartenbesuch des ältesten Sohns in Hemmiken erst, als der Regierungsrat sie anwies, dies zu tun. Und auch bei der Einschulung pochte Ormalingen darauf: Der Schulbesuch müsse zwingend in der Wohngemeinde erfolgen.
Der Gemeinderat argumentierte insbesondere mit den Kosten. Diese seien für die Gemeinde deutlich höher, wenn die Söhne der Rudins in Hemmiken zur Schule gehen. Ein Grund dafür ist, dass Hemmiken als kleines Dorf vergleichsweise wenige Kinder beschult und die Kosten pro Schulkind entsprechend hoch sind. Für Ormalingen würde eine Beschulung in Hemmiken deshalb zu «massiven Mehrkosten» führen, die man gegenüber den Steuerzahlern nicht glaubhaft vertreten könne, so der Gemeinderat in einem Schreiben. Ausserdem will er kein Präjudiz für andere Bauernfamilien schaffen, die ihre Kinder zum Beispiel lieber nach Gelterkinden oder Rothenfluh schicken wollen.
Entscheid ist gefallen
Rechtlich ist die Haltung des Ormalinger Gemeinderats zulässig, wie auch ein Anwalt feststellte, den die Rudins im Verlauf des Verfahrens beauftragt hatten. Zwar widersprach der Regierungsrat der Einschätzung des Gemeinderats, wonach der Schulweg nach Ormalingen zumutbar sei. Da die Gemeinde den Rudins jedoch eine Fahrwegentschädigung von rund 1700 Franken pro Jahr in Aussicht stellte, ist die Beschulung in Ormalingen juristisch in Ordnung.
Gleichwohl versteht Urs Rudin nicht, dass keine Lösung gefunden werden konnte. Ihn irritiert auch, dass der Gemeinderat verlangte, dass der älteste Sohn mitten in der laufenden Schulzeit nach Ormalingen hätte wechseln sollen, während Hemmiken zunächst anbot, ihn ohne Kostenübernahme bis zu den Herbstferien weiter zu beschulen, damit er nicht unvorbereitet aus seinem gewohnten und stabilen Umfeld gerissen wird. Eine Woche später zog Hemmiken das Angebot wieder zurück, und die beiden schulpflichtigen Kinder der Familie hätten sofort nach Ormalingen wechseln müssen. «Wir betreiben seit Jahrzehnten Landwirtschaft in Ormalingen, sind also sesshaft. Da hätte ich einen deutlich konstruktiveren Austausch erwartet», sagt Urs Rudin. Stattdessen sei fast ausschliesslich per Mail kommuniziert worden, und der Regierungsrat als Beschwerdeinstanz musste mehrmals aktiv werden.
Was sagt Ormalingen zu all dem? Gemeindepräsident Henri Rigo «kann und darf» sich zu Einzelfällen aus Gründen des Persönlichkeits- und Datenschutzes nicht öffentlich äussern, wie er auf Anfrage schreibt. Er lässt jedoch Allgemeines zur Schulraumund Bildungsplanung ausrichten. Rigo erläutert, dass Kinder grundsätzlich in ihrer Wohngemeinde beschult werden: «Eine Beschulung in einer anderen Gemeinde ist eine Ausnahme.» Bei entsprechenden Gesuchen seien verschiedene Aspekte sorgfältig gegeneinander abzuwägen. Dazu gehörten unter anderem die individuelle Situation, die Gleichbehandlung aller Familien sowie die Auswirkungen auf die Gemeinde. Denn auswärtige Schulleistungen könnten mit erheblichen Mehrkosten verbunden sein.
Urs und Miriam Rudin verstehen, dass die Gemeinde an Gesetze gebunden ist und finanzielle Aspekte berücksichtigen muss. Dennoch hätten sie sich gewünscht, dass «das Kinderwohl» stärker im Vordergrund gestanden wäre. Denn inzwischen ist klar: Die beiden ältesten Söhne besuchen nach den Herbstferien die Schule respektive den Kindergarten in Ormalingen. Was bleibt, ist eine Zeit, die alles andere als einfach gewesen sei, so Urs Rudin, der als Landwirt und Brunnmeister diesen Sommer mit der Rekorddürre ohnehin stark gefordert war. «Es war kräftezehrend und alles andere als angenehm.»

