Abzweigung vor der Station Sozialhilfe
05.02.2026 BaselbietDas Baselbieter Assessmentcenter koordiniert die letzten Chancen
Seit rund einem Jahr wirbelt eine Drehscheibe für Arbeitssuchende zwischen den Institutionen und Ämtern. Ein sechsköpfiges Team mit «Fingerspitzengefühl» wird mit kaum fassbaren Schicksalen ...
Das Baselbieter Assessmentcenter koordiniert die letzten Chancen
Seit rund einem Jahr wirbelt eine Drehscheibe für Arbeitssuchende zwischen den Institutionen und Ämtern. Ein sechsköpfiges Team mit «Fingerspitzengefühl» wird mit kaum fassbaren Schicksalen konfrontiert.
Daniel Aenishänslin
Manchmal gehen einem die «Fälle» an die Nieren. Alle diese Fälle sind Menschen. Und sie stehen an einem wegweisenden Punkt in ihrem Leben. Wie zum Beispiel jene knapp 50-Jährige, die Tag und Nacht ihren an Demenz erkrankten Mann pflegte. Deutsch spricht sie nur gebrochen. Wegen einer Belastungsdepression verlor sie ihre Arbeitsstelle.
Solche Menschen erhalten Unterstützung vom Team des Baselbieter Assessmentcenters. Hier in Pratteln an der Hohenrainstrasse, wo sich der Verkehr gequält zwischen drei Kreiseln durchwälzt, hilft ein sechsköpfiges Team. Sein Ziel: Die Kundinnen und Kunden vor dem Gang in die Sozialhilfe zu bewahren.
Damit übernimmt das Center die Funktion einer Drehscheibe. Hier wird koordiniert, welche Angebote von der Klientel genutzt werden sollten. Die Lösung heisst nicht einfach Regionales Arbeitsvermittlungszentrum. Zur Debatte stehen eine gleichzeitige Zusammenarbeit mit Sucht- und Schuldenberatung, Invalidenversicherung, medizinischen Fachpersonen, Gemeinden, weiteren Ämtern und Institutionen. Auf diese Weise soll die Existenz gesichert und der Gang zur Sozialhilfe abgewendet werden.
Roland Sommer Salner, Leiter des Assessmentcenters, bezeichnet die Zusammenarbeit mit anderen Ämtern als gut. Das Assessmentcenter und sein Team seien von allen Seiten akzeptiert. Er betont, das Center mache nicht die Arbeit anderer, es übernehme eine ergänzende, koordinierende Funktion.
«Wir können etwas bewegen», sagt Sommer Salner. «Zu Beginn mussten wir lernen, mit der Heftigkeit und Menge der Fälle umzugehen.» 580 Frauen und Männer haben den Kontakt gesucht, seit das Center vor Jahresfrist den Betrieb aufgenommen hat. Entstanden ist es im Rahmen der Teilrevision des Sozialhilfegesetzes. Hier ist es hell, proper, spartanisch eingerichtet.
Emotionen gehen hoch
Zwei Mitarbeiterinnen bilden den Empfang. «Der erste Kontakt ist sehr wichtig und braucht viel Fingerspitzengefühl.» Sommer Salner schildert verschiedene Erstkontakte: «Manchmal sind die Leute, die Unterstützung suchen, völlig aufgewühlt oder brechen gar in Tränen aus.» Es kämen auch Leute, die fürs Erste nur dasitzen und schweigen würden, wiederum andere hätten gleich eine konkrete Frage bereit.
Inzwischen melden sich täglich vier bis fünf Personen neu. 260 Klientinnen und Klienten profitierten im ersten Jahr von den Beratungen der sogenannten Casemanager, wie es Roland Sommer Salner einer ist. Er sagt: «Einige sind knapp vor der Verwahrlosung, weil sie erst spät zu uns kommen, und andere erscheinen als ehemalige Kadermitarbeiter nach zwei Jahren erfolgloser Stellensuche vor uns und wissen nicht, wie es in acht Wochen weitergehen soll.»
Die bereits erwähnte knapp 50-Jährige mit Belastungsdepression hatte mehrere Probleme zu lösen. Zwar sei ihr Ehemann einst Gutverdiener in der Pharmabranche gewesen, doch hätten es seine Kinder – aus erster Ehe – fertiggebracht, sowohl das Sorgerecht für den kranken Vater als auch dessen Portemonnaie vertraglich zu übernehmen. Nur dank einer Nachbarin, die ihr gelegentlich 50 Franken zugesteckt habe, sei Geld in ihre Tasche geflossen. «Ökonomische Gewalt», nennt das Roland Sommer Salner.
Das Team des Assessmentcenters koordinierte in diesem Fall Anwaltstermine mit solchen beim Psychiater, organisierte einen Beistand und finanzielle Beratung, trat mit der Opferhilfe in Kontakt. Trotzdem: Die Frau erlitt einen Zusammenbruch und musste in die Notfallpsychiatrie überführt werden. Immerhin: Die Heilsarmee sicherte ihr Unterstützung zu für die Zeit nach dem Klinikaufenthalt. Die Situation dieser Kundin ist ein Härtefall, einer der härtesten Fälle, die im Assessmentcenter gelöst werden.
Zu Besuch im Assessmentcenter ist Fabian Dinkel, der Leiter des Baselbieter Sozialamts. Er sagt, der Anspruch sei, den Menschen zu einem Zeitpunkt beizustehen, an dem sie die Kurve noch kriegen können. «In einer Situation von grosser Belastung ist es praktisch unmöglich, alles selbst zu organisieren.»
Dinkel betont die Niederschwelligkeit des Angebots, die sich aus der gebotenen Anonymität ergebe. Das Angebot ist freiwillig und kostenlos. Durchschnittlich dauert die Zusammenarbeit zwei bis acht Wochen. Die persönlichen Daten bleiben geschützt, weshalb die «Volksstimme» auch nicht mit einer Kundin oder einem Kunden sprechen konnte.
Das Baselbieter Assessmentcenter wurde für Menschen entwickelt, deren Existenzgrundlage bedroht ist. Die ersten drei Jahre gelten als Pilotphase. Das in diesem Zeitraum zusammengetragene Wissen werde direkt in die Weiterentwicklung einfliessen, so Dinkel. Die Grundlagen für den Betrieb wurden gemeinsam mit der Fachhochschule Bern erarbeitet. Dazu zählen Fragenkataloge, Checklisten sowie die nötigen Prozesse.
Dass Menschen in einer schwierigen Lebensphase ganzheitlich betrachtet werden können, bezeichnet Roland Sommer Salner als «grosse Stärke» seiner Institution, als das ergänzende Element und damit den Kern des Auftrags. «Plötzlich bemerkt man in einem Gespräch, dass das Gegenüber gar nicht in der Lage ist, eine Stelle zu suchen, weil es psychisch völlig blockiert ist», erzählt Sommer Salner. Dann gelte es, diese Blockade zu thematisieren und die passenden Lösungen zu finden.
«Abbild der Gesellschaft»
Die Kundinnen und Kunden seien ein «Abbild der Gesellschaft». Sommer Salner erzählt von 17-Jährigen und 65-Jährigen. Von Akademikerinnen, Ungelernten, Kaderleuten und Working Poor. «Es kommen nicht nur Ausländer, wie einige denken.» Gelegentlich ergäben sich überraschenden Telefonate. Eine Frau habe ganz direkt gefragt: «Mein Mann liegt seit zwei Jahren nur auf dem Sofa. Ich will nicht mehr. Was kostet mich die Scheidung?»
Vier Casemanager kümmern sich in Pratteln um all die Sorgen. «Ein älteres und erfahrenes Team mit jeweils mindestens sieben Jahren Berufserfahrung», präzisiert Roland Sommer Salner. Niemand davon ist jünger als 40. Eine Psychologin, ein Schuldenberater, jemand aus der Arbeitsintegration. Sommer Salner selbst ist Berufsberater und bringt zusätzliche Erfahrung aus der Arbeitsintegration und dem Tourismus mit.
Die knapp 50-Jährige, die wegen ihrer Depressionen in der Psychiatrischen Klinik gepflegt werden musste, habe das Ärgste überstanden. Ein Eheschutzverfahren laufe aber noch. Eine Wohnung habe sie zwar, doch sei noch immer unklar, ob sie auch finanzielle Ansprüche geltend machen könne. In diesem zuweilen unübersichtlichen Dschungel von Paragrafen und Ämtern, «sind wir ein Puzzleteil», sagt Sommer Salner. Jenes, das alles wieder zu einem Ganzen zusammenzufügen will.

