HERZBLUT
03.02.2026 PersönlichBissoguet
«Si dörfe no dr Code ygee, bissoguet», sagt die Verkäuferin und schiebt mir das Bezahlterminal vor die Nase. Sie siezt mich, aber sie duzt mich auch – denn «Bissoguet» heisst ja nichts anderes als «Sei so gut». Ich ...
Bissoguet
«Si dörfe no dr Code ygee, bissoguet», sagt die Verkäuferin und schiebt mir das Bezahlterminal vor die Nase. Sie siezt mich, aber sie duzt mich auch – denn «Bissoguet» heisst ja nichts anderes als «Sei so gut». Ich tippe meinen Code ein und frage mich, ob sie das weiss. Ob irgendjemand das noch weiss. Wir Baselbieter tragen diese freundliche Aufforderung im Mund wie ein abgelutschtes Ricola-«Tääfi», dessen Form wir längst nicht mehr spüren.
Es ist ein harmloses Beispiel für das, was wir täglich tun: Wir sprechen, ohne zu denken. Das sage ich nicht als Vorwurf – ich mache es genauso. Aber manchmal stolpere ich darüber.
Als ich in den USA lebte, bin ich jahrelang in die immer gleiche Falle getappt, die «How are you?» hiess und mich umgehend als Ausländer outete. Wenn mich Leute fragten, wie es mir gehe, gab ich Auskunft: Ich schilderte meine Befindlichkeit und erkundigte mich nach derjenigen der fragenden Person. Und erntete irritierte Blicke. Denn «How are you?» ist keine Frage. Es ist ein Geräusch, das Menschen von sich geben, wenn sie einander begegnen. Die einzig akzeptable Antwort lautet «Good, thanks» – selbst wenn man gerade vom Arzt kommt, der einem noch drei Monate gegeben hat.
Was mich allerdings in letzter Zeit mehr beschäftigt als solche Floskeln, ist das kleine Wörtchen «wie». Es hat sich in unsere Sätze geschlichen wie ein Überraschungsgast, der irgendwann im Wohnzimmer sitzt und nicht mehr weggeht. Die Ferien waren wie noch schön. Ich mag das wie nicht so. Was du sagst ist wie kein gutes Argument. Was soll das heissen? Ist es eine Abschwächung? Eine Verstärkung? Ein Zeichen dafür, dass wir uns nicht mehr festlegen wollen?
Ich weiss es wie nicht. Aber ich weiss, wann die Sache endgültig kippt: Sobald solche unkontrollierten Zuckungen des Sprachnervs in der Werbung Einzug halten. «Dolosan – und meine Schmerzen sind wie weg.» Ich sitze vor dem Bildschirm und traue meinen Ohren nicht. «Wie» weg? Sind sie jetzt «weg» oder nicht? Darf ich nach der Einnahme Auto fahren, oder sind die Schmerzen nur so halb «wie» irgendwie «fast weg»?
Vielleicht bin ich zu empfindlich. Sprache verändert sich, das war schon immer so. Aber wenn selbst die Pharmaindustrie nicht mehr sagen kann, ob ihr Produkt wirkt oder nur «wie» wirkt, dann sollten wir damit ein Problem haben. Oder vielleicht auch wie ein Problem.
Wie dem auch sei: Ich werde weiterhin den Leuten erzählen, wie es mir geht, wenn sie mich fragen. Und wenn mir jemand «bissoguet» sagt, werde ich versuchen, so gut zu sein. Machen Sie es doch auch so. Sidsoguet.
Peter Sennhauser, Redaktor «Volksstimme»

