2026 als Märchen
13.02.2026 PersönlichPassiert ist, was frau nie für möglich gehalten hätte. Das Paar lebt jetzt allein, die Kinder kommen noch zu Besuch, der Hund langweilt sich. Zeit, sich wieder auf die wirklich wichtigen Themen zu konzentrieren, auch wenn einem der Drachen aus dem weissen Haus das durchaus ...
Passiert ist, was frau nie für möglich gehalten hätte. Das Paar lebt jetzt allein, die Kinder kommen noch zu Besuch, der Hund langweilt sich. Zeit, sich wieder auf die wirklich wichtigen Themen zu konzentrieren, auch wenn einem der Drachen aus dem weissen Haus das durchaus vergällen kann. Ich leide akut unter dem Trump-Erschöpfungssyndrom, mache mir Sorgen um die Zukunft meiner Kinder. Die Welt ist wild geworden, täglich kann eine neue Katastrophe auf die Werte fallen, von denen ich annahm, dass sie mich ein Leben lang leiten werden. Zeit für Europa, aus dem Dornröschenschlaf zu erwachen. Die 27 Zwerge sind in Alarmbereitschaft – immerhin. Aber die weisse Fee scheint sich verlaufen zu haben.
Damit wir nicht in den Erschöpfungsschlaf unter wuchernder Dornenhecke fallen, beschlossen wir, unsere Freiheit für neue Abenteuer zu nutzen. Weil der Hund schon alt ist, reisten wir mit ihm die wenigen Stunden nach Südböhmen, in das Land, aus dem Märchen wie «Drei Nüsse für Aschenputtel» und «Pan Tau» kommen. Ein bisschen heile Welt, um ins 2026 zu starten. Wir landeten in der wunderschönen Stadt Krumau mit ihren lieben betulichen Menschen. Es war ein bisschen, als wären wir bei den Hobbits gelandet. Der Gatte erholte sich von seiner Enttäuschung, dass das versprochene Wellnesshotel eine Wohnung mit Frühstück in einem Vierkanthof samt Fass-Sauna war. Kollateralschaden einer zu oberflächlichen Suche im Internet. Ich habe mich daran gewöhnt, dass gediegene Recken über 60 verkraftbare Rückschläge nicht mehr ganz so leicht abschütteln wie weisse Ritter mit 30 Jahren. Glücklicherweise erholte sich der Held dank böhmischer Knödel und fleischreicher Nahrung, die einen halben Österreicher immer aufstellt.
Silvester verbrachten wir mit einer Zigeunerband in einer Gaststube, die gefühlt 50 Menschen aller Schichten auf 14 Quadratmetern zusammenbrachte. Die Stimmung war prächtig. Die Menschen in Aschenputtelland haben praktisch keine Arbeitslosigkeit und sind stets am Werkeln. Das Land ist wie seine Menschen: Aufgeräumt, unaufgeregt und nicht gern spontan. Als der Gatte um ein Spiegel- statt eines Rühreis bat, stellte sich dies für die Besitzerin unseres Vierkanthofs ebenso als Herausforderung heraus wie die Tatsache, dass wir uns nicht an genaue Uhrzeiten halten konnten. Man bekommt das Gefühl, dass die Jahrzehnte Planwirtschaft ihre Spuren hinterlassen haben, auch wenn man diese Zeit lieber vergessen will und dafür die K&K-Zeit samt Kaiser Franz Joseph und dem Schwejk wieder hochleben lässt. Denn in dieser Zeit war Südböhmen mehr als das Hinterland von Prag.
In den Museen wurde unser Hund mit einer Decke versorgt, wenn er auf uns warten musste. Auf dem Rückweg durch Bayern ernteten wir dagegen einen typisch deutschen Vortrag, dass ein Hund nicht einmal durch die Tür eines deutschen Museums kommen dürfe. Aber das Gute an Europa ist ja, dass wir jederzeit von anderen Kulturen lernen können. Für die Deutschen steht da konkret mehr tschechische Entspanntheit auf dem Lehrplan.
Petra Huth ist Politikwissenschaftlerin und Ökonomin. Sie lebt in Anwil und amtet dort als Gemeinderätin.

