HERZBLUT
11.02.2025 GesellschaftEr blitzt und blitzt …
Nicht selten kommt es vor, dass ich mit meinem Auto irgendwo vorfahre, die Leute wie angewurzelt stehen bleiben und halb belustigt, halb entsetzt fragen: «Was ist denn das? Gehört der etwa dir?»
«Darf ich ...
Er blitzt und blitzt …
Nicht selten kommt es vor, dass ich mit meinem Auto irgendwo vorfahre, die Leute wie angewurzelt stehen bleiben und halb belustigt, halb entsetzt fragen: «Was ist denn das? Gehört der etwa dir?»
«Darf ich vorstellen: Das ist der Weisse Blitz», antworte ich dann mit ernster Miene und einem angedeuteten Knicks.
Der Weisse Blitz ist blütenweiss – ausser, ich bin wieder durch eine schmutzige Pfütze gefahren. Doch Schmutz und den Rostfleck am Kotflügel bemerkt niemand, weil man vom disproportionalen Gesamteindruck meines Kistchens sofort erschlagen ist: Es ist zu hoch für seine Länge und erinnert unweigerlich an einen Kater, der panisch den Katzenbuckel macht. «Du übles Machwerk französischer Ingenieurskunst», denke ich, wenn ich mich ihm nähere, oder ich sage halblaut: «Du bist einfach ein hässliches Entlein!»
Eine Ente ist es nicht. Ähnlich verhält es sich aber mit der Motorenleistung: Von 0 auf 100 km/h muss man weiter zählen können, als man es in der Primarschule lernt. Kurz: Mein Auto ist das Gegenteil von elegant, hat ein Zuckerwassermotörchen und ist mit seinen bald 20 Lenzen ziemlich alt!
Da ich all das nicht leugnen kann, neige ich dazu, mein Auto schönzureden. «Mein Weisser Blitz ist schneller als jeder Blitz», habe ich unseren Neffen vorgeschwärmt, als ich das Auto vor Jahren übernahm. «Er lässt jeden Ferrari stehen!» Sie haben mich mit grossen Augen angeschaut und beim nächsten Besuch gefragt: «Stimmt es wirklich, dass dein Weisser Blitz schneller blitzt als jedes Rennauti?» Und ich: «Viel schneller!»
Mit den Jahren haben die Kleinen meine Lüge durchschaut, aber ich überhöre die Neckereien. Auf mein Auto lasse ich nichts kommen, es ist mir längst ans Herz gewachsen. Ich habe es von meinen Eltern geerbt und mag es nicht weggeben.
Auch wenn das langsam teuer wird. In der Werkstatt schauen sie mich jeweils mitleidig an. Immerhin ist es diesmal nicht der Zylinderkopf, sondern «nur» das Autoradio. Dies, weil es der SRG gefallen hat, UKW abzuschalten. Mit bis zu 500 Franken müsse ich schon rechnen, sagen die Leute in der Garage und unterlassen höflich die Bemerkung, dass ich mir schon langsam überlegen müsse, ob sich das noch lohnt.
Noch lohnt? Mein Ärger über die SRG wächst! Die wollen mit ihrer UKW-Abschaltung ein bisschen sparen, bürden aber mir und zwei Millionen anderen Besitzern alter Autos nicht nur die Kosten für neue Radios auf, sondern zwingen uns auch noch zum Nachdenken, ob wir nicht besser gleich den Schrottplatz ansteuern sollten. Wäre es das Ziel gewesen, das Neuwagengeschäft anzukurbeln: Besser hätte das auch die Autolobby nicht hinbekommen!
Doch dann steige ich wieder ein, drehe den Schlüssel und der Weisse Blitz springt artig an. Ich denke: Wer braucht schon DAB, wenn man das Schnurren dieses Motörchens hört? So blitzt er weiter, mein lieber Weisser Blitz. Nicht schnell, nicht schön, aber er blitzt. Und die Leute bleiben stehen, staunen – und fragen: «Was ist denn das?»
«Darf ich vorstellen: Das ist der Weisse Blitz!»
David Thommen, Chefredaktor «Volksstimme»