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14.02.2025 GesellschaftRichtungswechsel?
Als Donald Trump (wieder-)gewählt wurde, haben Sie geflucht oder gejubelt? Als Elon Musk das neu gegründete «Entbürokratisierungsdepartement» Department of Government Efficiency übernommen hat, haben Sie Ihren Tesla verkauft ...
Richtungswechsel?
Als Donald Trump (wieder-)gewählt wurde, haben Sie geflucht oder gejubelt? Als Elon Musk das neu gegründete «Entbürokratisierungsdepartement» Department of Government Efficiency übernommen hat, haben Sie Ihren Tesla verkauft oder einen X-Account eröffnet? Als der Massnahmenkritiker Robert F. Kennedy Jr. als neuer amerikanischer Gesundheitsminister gehandelt wurde, haben Sie sich ungläubig die Augen gerieben oder Beifall geklatscht? Und jetzt, wo Trump Executive Orders am Laufmeter verabschiedet und Regierungsgespräche im Akkord führt: Sind Sie in Schockstarre verfallen oder fiebern Sie begeistert mit?
Kaum eine Person und eine Bewegung sind seit Jahren so omnipräsent und haben gleichzeitig so polarisiert wie Trump und «Maga». Es ist wohl ein menschlicher Reflex, ein Urteil zu fällen und eine Seite zu wählen – aber nicht bei allen Themen und Persönlichkeiten fällt dieser Prozess so emotional und leidenschaftlich aus, im Positiven wie im Negativen.
Die Dystopisten glauben, dass wir auf ein dunkles Zeitalter des Ultranationalismus zugehen, in dem wahlweise die totale Mensch-Maschine-Neuralink-Überwachung implementiert wird oder ein neuer Absolutismus geschaffen werden soll, innerhalb dessen es keinen Platz für Minderheiten, Menschenrechte und Umweltschutz gibt. Die Utopisten glauben, dass wir am Beginn eines goldenen Zeitalters stehen, bei dem traditionelle Werte, nationale Souveränität und Eigenverantwortung im Mittelpunkt stehen und in dem die ganze Wokeness endlich ein Ende hat. Schliesslich gibt es noch die Desillusionisten, in deren Augen sich sowieso nichts ändern wird, weil Geld die Welt regiert und nur an die Macht kommt und dort bleibt, wer dem Mammon huldigt.
Ich glaube weder an Dystopien noch an Utopien und desillusioniert bin ich zwar, aber nicht so, dass ich denke, es wird sich eh nichts ändern. Im Gegenteil: Ich pflichte den Utopisten als auch den Dystopisten insofern bei, als dass wir gerade Veränderungen enormen Ausmasses erleben. Und diese Entwicklungen sind in erster Linie enorm spannend. Die Geschwindigkeit, mit der sich derzeit Kräfte verschieben, Paradigmen wechseln und ehemals in Stein gemeisselte Wahrheiten zu Staub zerfallen, ist beeindruckend. Das Tempo, in dem Regierungsoberhäupter ihre Meinung ändern, Narrative sich ins Gegenteil verkehren und Institutionen zusammenbrechen, ist atemberaubend …
Was dabei herauskommen wird? Im besten Fall ein tiefgreifender Wandel, der sich nicht nur geopolitisch, sondern auch auf der Ebene des menschlichen Bewusstseins manifestiert. Für mich gäbe es dann Grund zum Jubeln, wenn sich Lösungen künftig mehr am gesunden Menschenverstand und weniger an Ideologien orientieren, wenn im öffentlichen Diskurs eigenständiges Denken statt Gleichschaltung dominieren und bei internationalen Beziehungen wieder Diplomatie statt (Wirtschafts-)kriege im Mittelpunkt stehen würden.
Was für eine spannende Zeit, um am Leben zu sein!
Laura Grazioli, geboren 1985, ist Landwirtin und ehemalige Landrätin. Sie lebt mit ihrer Familie in Sissach.