Antenne direkt vor dem Balkon geplant
11.08.2023 Bezirk Sissach, ItingenAnwohnende beklagen sich über «widersprüchliches» Verhalten von Behörden
Vor der Itinger Kernzone soll eine Mobilfunkanlage errichtet werden. Dagegen wehren sich Anwohnende: Bei Umbauten müssten sie jeweils zahlreiche Auflagen erfüllen, doch bei der geplanten Antenne sei den ...
Anwohnende beklagen sich über «widersprüchliches» Verhalten von Behörden
Vor der Itinger Kernzone soll eine Mobilfunkanlage errichtet werden. Dagegen wehren sich Anwohnende: Bei Umbauten müssten sie jeweils zahlreiche Auflagen erfüllen, doch bei der geplanten Antenne sei den Behörden das Ortsbild scheinbar nicht mehr so wichtig. Auch die Gemeinde will Einsprache erheben.
Janis Erne
Wenn Swisscom, Salt und Co. neue Mobilfunkanlagen bauen wollen, kommt es regelmässig zu Widerstand in der Bevölkerung der betroffenen Gemeinden. In jüngster Zeit wurden zum Beispiel in Bennwil, Häfelfingen oder Rothenfluh Einsprachen erhoben. Dort stören sich Anwohnerinnen und Anwohner an der 5G-Strahlung oder am Anblick einer Antenne.
Nun wehren sich auch in Itingen Teile der Bevölkerung gegen einen neuen Funkmast. Es geht um eine 5G-Antenne, die Salt 200 Meter vom Bahnhof entfernt auf SBB-Boden errichten will. Der geplante Standort liegt am Siedlungsrand, beim Parallelweg Richtung Sissach. Damit soll die Mobilfunkanlage direkt vor der Kernzone errichtet werden, die sich auf der gegenüberliegenden Seite der Bahngeleise befindet. Ausserdem würde der Antennenkopf, wo die Sender eingebaut sind, auf gleicher Höhe wie ein Wohnhaus errichtet. Dessen Bewohnende, Ursula Bader, ihr Mann und zwei erwachsene Kinder, würden von ihrem Grundstück aus künftig direkt der Mobilfunkanlage entgegenblicken, wie ein Augenschein der «Volksstimme» zeigt.
Die 56-Jährige erzählt, dass es für sie ein Schock gewesen sei, als das Bauprofil vor zwei Wochen errichtet worden ist. Im ersten Moment habe sie ernsthaft daran gedacht, das alte Bauernhaus, das sie und ihr Mann vor drei Jahren erworben haben, wieder zu verkaufen. Denn ihre Wohnidylle würde durch die Antenne erheblich gestört. Nur 30 Meter entfernt – auf der anderen Seite der Bahnstrecke, die an das Haus von Ursula Bader grenzt – soll sie errichtet werden. Damit würde die Ansicht vom Balkon ins Grüne zu den Itinger und Sissacher Anhöhen erheblich beeinträchtigt. Und auch die «Belastung» durch die Strahlung bereitet ihr Sorgen. «Mein Schlafzimmer befände sich auf Höhe der Antennensender. Ich könnte nicht mehr ruhig schlafen», sagt Bader. Das Vertrauen in die «Umgebung» und damit ihr Sicherheitsgefühl gingen verloren.
Nachbarschaft wehrt sich
Betroffen sind auch andere Menschen aus der Nachbarschaft, in der es viele alte Bauten hat, die sich in der Kernzone befinden. Zwei Häuser von Ursula Bader entfernt baut Bruno Buser auf seinem Grundstück ein «Stöckli», ein Holzhaus. Er und seine Frau haben viel Zeit und Geld in das Projekt gesteckt. Käme die Antenne, würden sie von ihrem Garten aus nicht nur auf die Sissacher Fluh blicken, sondern auch auf eine 30 Meter hohe Metallstange mit einem Kopf voller technischer Geräte. Hätte er gewusst, dass in unmittelbarer Nähe seines Hauses eine Antenne errichtet wird – er hätte es wohl nicht gebaut, sagt Buser.
Noch in der Planungsphase steckt das Bauprojekt von Aladin und Irma Halilbasic. Das Ehepaar will ein altes Bauernhaus modernisieren und neue Wohnungen erstellen. Auch ihre Nordsicht würde durch die nahe gelegene Antenne gestört und die Wohnungen würden weniger attraktiv. Auf der anderen Seite der Bahngeleise herrscht ebenfalls wenig Freude über das Bauprojekt des Mobilfunkanbieters Salt. In der Hirsgarten-Überbauung beim Bahnhof, wo es neben 49 Liegenschaften auch eine Kindertagesstätte hat, gebe es einige Gegnerinnen und Gegner, wie Werner Schober sagt. Der Verwalter der Überbauung vertritt das Quartier im Widerstand gegen die Antenne.
Ursula Bader, Bruno Buser, das Ehepaar Halilbasic, Werner Schober vom Hirsgarten-Quartier und Bruno Meier, ein weiterer Anwohner, haben sich zusammengetan, um die Mobilfunkanlage zu verhindern. Einige von ihnen befürchten negative Auswirkungen auf ihre Gesundheit durch die 5G-Strahlung. Und alle sind sich sicher, dass ihre Liegenschaft deutlich an Wert verlieren wird mit dem Bau einer Antenne in Sichtweite: Von bis zu 300 000 Franken pro Liegenschaft ist die Rede. Die Antennen-Gegnerschaft hat bereits mehr als 160 Unterschriften von Personen, die ebenfalls gegen das Bauprojekt sind, beisammen. Mit der Unterschriftsammlung wolle man «ein Zeichen setzen», sagt Ursula Bader.
Gemeinde machtlos
Die Handhabe der Gemeinde Itingen jedoch ist beschränkt. Zwar könnten Gemeinden laut kantonalem Raumplanungs- und Baugesetz im Rahmen der Nutzungsplanung Gebiete festlegen, in denen keine Mobilfunkanlagen zulässig sind. Doch dies sei in Itingen bisher nie Thema gewesen und daher nicht erfolgt, wie Gemeindeverwalter Reto Lauber sagt. Entsprechende Vorhaben in Nachbargemeinden seien allesamt gescheitert. Unter anderem, weil nachgewiesen werden müsse, dass trotz Festlegung solcher Gebiete eine qualitativ gute Mobilfunkversorgung gewährleistet bleibt und der Wettbewerb unter den Mobilfunkanbietern funktioniert.
Ursprünglich habe Salt geplant, die Mobilfunkanlage direkt beim Bahnhof und damit ebenfalls in unmittelbarer Nähe zum Ortskern sowie zum Perimeter des nationalen Inventars schützenswerter Objekte zu bauen, so Lauber weiter. Er erklärt: «Im Rahmen des Vorabklärungsgesuchs bot sich der Gemeinde Itingen einzig die Möglichkeit, einen Alternativstandort im Umkreis von 200 Metern vorzuschlagen», sagt Lauber. Der Standort wurde deshalb 200 Meter Richtung Sissach an den Siedlungsrand verschoben. Dagegen habe die durch die Gemeinde im Vorfeld kontaktierte kantonale Ortsbildpflege keine Einwände gehabt, da der Standort genügend Abstand zum Itinger Ortskern habe, berichtet Lauber.
Auch bei der Bewilligung sind der Gemeinde die Hände gebunden: Bewilligungsbehörde ist nicht sie, sondern der Kanton. Gemäss Lauber prüft das Lufthygieneamt beider Basel derzeit, ob mit dem gewählten Standort die Strahlungswerte eingehalten werden könnten. Erst nach Abschluss dieser Vorprüfung wird das Baugesuch für die Mobilfunkanlage im Amtsblatt publiziert, also das Planauflageverfahren gestartet.
«Die Gemeinde versteht die Bedenken und Widerstände aus der Bevölkerung sehr wohl», sagt Lauber. «Im Sinne einer Vorinformation» habe sie deshalb die Bevölkerung via Mitteilungsblatt über das Bauvorhaben in Kenntnis gesetzt. Und der Gemeindeverwalter kündigt an: «Nach heutiger Einschätzung wird die Gemeinde – in Absprache mit den zuständigen kommunalen Gremien – Einsprache erheben, sobald das Baugesuch im Amtsblatt publiziert wird.»
Mit dem Schutz des Ortsbildes argumentieren auch die Anwohnerinnen und Anwohner, die ebenfalls Einsprache erheben wollen. Für sie ist klar: Die geplante Antenne würde das Ortsbild verletzen, weil damit die Südsicht auf einen Teil der Kernzone gestört würde. Weiter sagen sie, dass kantonale, aber auch kommunale Behörden bei Umbauten in der Kernzone jeweils überaus penibel hingeschaut hätten. Das Ehepaar Halilbasic beispielsweise hatte während der Planung ihres Umbaus an die 30 Sitzungen mit Vertretenden von der Ortsbildpflege. Ähnlich erging es Bruno Buser.
Und Ursula Bader berichtet von einem kleinen Dachfenster, das sie zurückbauen müsse, weil es das Bild der Kernzone störe. «Eine Mobilfunkanlage hingegen soll das Ortsbild nicht beeinträchtigen. Wo bleibt hier die Logik?», fragt Bader rhetorisch. Für sie steht fest: «Das Verhalten der Behörden ist widersprüchlich. Es wird mit verschiedenen Ellen gemessen.»

