Ortsschild als Stelleninserat
25.07.2023 Bezirk Sissach, RünenbergMaschinenbauer sucht verzweifelt eine neue Arbeitskraft
Not macht erfinderisch. Michael Handschin montierte in den leeren Rünenberger Ortsschild-Rahmen ein Stelleninserat. Seit einem Jahr sucht er Verstärkung für seinen Betrieb.
Christian Horisberger
Am ...
Maschinenbauer sucht verzweifelt eine neue Arbeitskraft
Not macht erfinderisch. Michael Handschin montierte in den leeren Rünenberger Ortsschild-Rahmen ein Stelleninserat. Seit einem Jahr sucht er Verstärkung für seinen Betrieb.
Christian Horisberger
Am Freitag ist ein bemerkenswerter «Volksklick» auf der Redaktion der «Volksstimme» eingegangen. Das Foto zeigt ein abgeändertes Ortsschild: Mittig steht darauf im Layout eines echten Ortsschilds «Polymechaniker/in 20 m» anstatt «Rünenberg BL», (das Originalschild ist vor einigen Wochen von Unbekannten gestohlen worden, wie die «Volksstimme» berichtete). Über dem Balken, wo üblicherweise die nächste Ortschaft angekündigt wird, heisst es «Mitarbeiter/in».
Die Urheberin des nicht alltäglichen Stelleninserats ist rasch identifiziert: Es handelt sich um die laut Angaben auf dem Schild 20 Meter entfernte Firma Maxip. Das augenzwinkernde Stelleninserat sei spontan entstanden, habe aber einen handfesten Hintergrund, wie Michael Handschin, Inhaber und Geschäftsführer des Maschinenbau-Unternehmens, erklärt, als wir ihn besuchen. Er spricht gar von einer «Verzweiflungstat».
Seit einem Jahr ist Handschin auf der Suche nach einem Polymechaniker oder einer Polymechanikerin. Er habe in Zeitungen und online inseriert und es auch mit Stellenvermittlungen versucht. Nur vier Interessenten hätten sich gemeldet. Sie alle seien entweder nicht qualifiziert oder letztlich nicht interessiert gewesen.
Ohne die Entlastung im Betrieb arbeitet der Chef umso mehr. Nach einer weiteren Woche mit 75 Arbeitsstunden habe er einen neuen Anlauf genommen und auf dem Firmengelände ein Schild «Polymechaniker/in gesucht» aufstellen wollen, erzählt Handschin. Dabei sei sein Blick auf den leeren Ortsschild-Rahmen gefallen… Er suchte Schriften heraus, um dem Original so nah wie möglich zu kommen, entwarf am Computer den Text und seine Tochter, die im grafischen Gewerbe tätig ist, druckte die Aufschrift auf eine Folie. Diese klebte er auf ein zugeschnittenes Blech – fertig. Am vergangenen Mittwoch hat der Unternehmer das Schild an den leeren Rahmen am Ortseingang geschraubt.
Branchenweites Problem
Die Resonanz auf das Inserat war bis am Freitag so enttäuschend wie jene auf seine bisherigen Bemühungen, die Stelle zu besetzen: null. Handschin, der Sondermaschinen und -teile entwickelt, baut und montiert, kann das nicht nachvollziehen. Der Job sei interessant und abwechslungsreich, der Lohn anständig und man mache sich die Finger kaum schmutzig.
Der Personalmangel ist ein branchenweites Problem. Laut dem jüngsten Wirtschaftsbarometer der MEM-Branche (Maschinen, Elektro und Metall) gilt die grösste Sorge der Unternehmen dem Fachkräftemangel. Besonders gesucht sind demnach Polymechaniker/-innen, Produktionsmechaniker/-innen und Lernende. Als Gründe für die Nichtbesetzung offener Stellen werden die fehlende Qualifikation und die Gehaltsvorstellungen der Bewerbenden angeführt. Die Personalknappheit habe sich seit der Pandemie akzentuiert, sagt Marcel Ebneter vom Verband Swissmechanic auf Anfrage. Die Zeiten hätten sich geändert – auch bei der Rekrutierung der Auszubildenden: Früher hätten die Betriebe unter den Bewerberinnen und den Bewerbern für Lehrstellen auswählen können. Heute würden selbst renommierte Unternehmen um Lernende buhlen.
Aus dem MEM-Wirtschaftsbarometer geht ferner hervor, dass die Auftragslage aktuell gut ist. Dies gilt auch für Handschins 2014 gegründete Maxip. «An Arbeit fehlt es uns nicht», sagt der gelernte Automechaniker und Techniker TS. Auf Dauer sei das Arbeitspensum zu zweit aber nicht zu stemmen und er werde künftig Aufträge ablehnen müssen. Aktuell beschäftigt Handschin eine Mitarbeiterin in einem Teilzeitpensum.
Polizei mit Humor
Michael Handschin hatte sein «Stelleninserat» im Wissen montiert, dass es nicht ganz legal ist und er damit möglicherweise eine Busse riskiert. Daher wollte er es nur einige Tage hängen lassen. Daraus wurde aber nichts. Am Freitag – womöglich während des Gesprächs mit der «Volksstimme» – wurde ein neues, reguläres Ortsschild montiert und Handschins «Stelleninserat» kommentarlos bei dessen Betrieb deponiert.
Mit einer Busse oder Anzeige hat Handschin nicht zu rechnen, wie es auf Anfrage bei der Baselbieter Polizei heisst. Selbst dann, wenn er die Schilder ausgetauscht hätte, hätte die Polizei die Sache eher humorvoll aufgenommen, da es ja relativ einfach gewesen wäre, die Täterschaft zu ermitteln, wie Polizeisprecher Roland Walter ausführt. «Man hätte das Gespräch gesucht und den Urheber darauf hingewiesen, das Originalschild sobald wie möglich wieder zu montieren.»
Anders verhält es sich im Fall des Diebstahls des Schilds im Wert von einigen Hundert Franken. Die Gemeinde hat Anzeige gegen Unbekannt erstattet. Wird die Täterschaft gefasst, verhängt die Staatsanwaltschaft eine Geldstrafe.

