«Aus jedem Franken Steuergeld möglichst viel Fahrleistung herausholen»
31.05.2023 BaselbietDer abgetretene BLT-Chef Andreas Büttiker über Produktivität, die Mobilität von morgen und die Basler
Andreas Büttiker hat während 27 Jahren an der Spitze der Baselland Transport AG viel erreicht. Diese Zeit des Aufschwungs und Aufbaus beschreibt er als «wunderbar», seine Energie, ...
Der abgetretene BLT-Chef Andreas Büttiker über Produktivität, die Mobilität von morgen und die Basler
Andreas Büttiker hat während 27 Jahren an der Spitze der Baselland Transport AG viel erreicht. Diese Zeit des Aufschwungs und Aufbaus beschreibt er als «wunderbar», seine Energie, Offenheit und Schaffenskraft imponieren. Auch seine Visionen. Ein Rück- und Ausblick von und mit «Mister BLT».
David Thommen und Christian Horisberger
Als uns Andreas Büttiker zum Gespräch empfängt, ist sein Büro am BLT-Hauptsitz in Oberwil so gut wie geräumt. Tags zuvor wurde er an der Generalversammlung offiziell verabschiedet. Alle fünf Baselbieter Baudirektorinnen und -direktoren, mit denen Büttiker zusammengearbeitet hatte, erwiesen dem abtretenden BLT-Direktor die Reverenz. Als weitere Überraschung sandte Stadler-Rail-Chef Peter Spuhler per Video eine Grussbotschaft.
Verabschiedet wurde an der Feier auch Fredi Schödler, der langjährige Vizedirektor und Leiter Betrieb und Technik der BLT. «Eine ganz feine Person mit unheimlicher Schaffenskraft, wir haben uns bestens ergänzt», so Andreas Büttiker über seinen Wegbegleiter. Sie beide und mit ihnen die Geschäftsleitung und das Kader hätten in den vergangenen Jahren Vollgas gegeben. «Wir gehen jetzt kurz mit dem Gas zurück, damit mein Nachfolger auf den Zug aufspringen kann, dann geht es im gewohnten Tempo weiter.» Zumindest sind die Voraussetzungen dafür geschaffen, denn aufzuräumen gebe es nichts, betont Büttiker. Sein Nachfolger ist Frédéric Monard. Der 44-Jährige wechselt vom IT-Support-Spezialisten Pidas nach Oberwil.
Wlan in den Trams, Miet-Elektrovelos in Basel und Umgebung, Züge, die teilautonomes Fahren erlauben: Unter der Führung von Andreas Büttiker hatte die BLT die Nase im Wind und setzte in vielerlei Hinsicht Trends. Auch bei elektronischen Billetts: «Als ich seinerzeit dem SBB-Chef Andreas Meyer unsere selber entwickelte Ticket-App vorgeführt habe, bekam er Schnappatmung und berief umgehend ein 30-köpfiges Spezialistenteam ein, um auch so etwas zu entwickeln …», sagt Büttiker und lacht – wie so häufig bei unserem Gespräch – laut auf.
Mobilitätsdienstleister
Bevor wir auf seine 27 Jahre bei der BLT zurückschauen: Wo sieht der Innovator und Visionär den öV in 20 Jahren? «Individual- und öffentlicher Verkehr werden immer mehr miteinander verschmelzen», sagt Büttiker, ohne überlegen zu müssen. Sämtliche Busse würden in Zukunft elektrisch fahren, Trams und Züge weiterhin als Massentransportmittel dienen, doch der liniengebundene öV werde ergänzt durch geteilte Mobilität: Sharing-Angebote für Autos, E-Bikes oder Roller. Damit würden ÖV-Anbieter wie die BLT zu integrierten Mobilitätsdienstleistern. Die Anfänge seien mit unterschiedlichen Sharing-Modellen und Apps gemacht. In Zukunft würden solche Angebote in den öV integriert. Die BLT sammle mit dem Sharing-Angebot Pick-e-Bike als Teil der öffentlichen Mobilität seit fünf Jahren Erfahrungen. Die Flotte umfasst aktuell 500 Velos und 90 Elektroroller im Perimeter Basel, Riehen, Leimen- und Birstal.
Das private Auto wird in der Zukunftsvision des ÖV-Experten weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Aber die Anzahl werde kaum weiter wachsen: «Es ist heute schon sehr eng auf unseren Strassen. Wir können diese kaum noch ausbauen – und gleichzeitig wächst die Bevölkerung: Wir werden also mehr Menschen zur geteilten Mobilität bringen müssen.» Voraussetzung dafür sei, dass der Zugang bequem und einfach gestaltet werden kann. Nur so reduzierte sich das Bedürfnis nach einem eigenen Fahrzeug. In der Garage der Familie Büttiker stehen übrigens zwei Autos – häufig ungenutzt. Der abgetretene BLT-Chef «wäre froh, wenn ich diese mit einigen Nachbarn oder anderen Familien teilen könnte».
Eine andere – um einiges konkretere – Vision teilt Büttiker mit den Kollegen von den Basler Verkehrsbetrieben (BVB) und den Baudirektoren beider Basel: das «Tramnetz 2030». Mit dem Bau von drei neuen, kurzen Streckenabschnitten – Petersgraben, Claragraben und Margarethenverbindung – sollen der Tramverkehr im Zentrum von Basel entflochten und zwei von sieben Linien aus der Innenstadt entfernt werden. BLT und BVB ziehen hier an einem Strang – wie es bei zwei ÖV-Anbietern, die im gleichen Gebiet teils auf demselben Netz operieren, eigentlich der Fall sein sollte.
Vier schwere Jahre
Es gab mit «Basel» in der Vergangenheit auch häufiger Differenzen: Letztmals öffentlich, als die BVB wegen Corona den öV vor dem Morgenstreich nicht fahren lassen wollte. Büttiker hingegen verkündete, dass die BLT fahren werde. «Isaac Reber hat mir dazu gratuliert, die Basler Regierungsrätin Esther Keller hingegen hat zwei Monate nicht mehr mit mir geredet …», sagt er und lacht wieder. Manchmal habe er auch provoziert …
Gar nicht ums Lachen war es dem BLT-Direktor während der vierjährigen Ära von Verwaltungsratspräsident Martin Gudenrath und Geschäftsführer Jürg Baumgartner an der Spitze der BVB: Die Basler liessen die gemeinsame Tango-Tram-Beschaffung platzen, die bereits beschlossene Sache gewesen war. «Die beiden dachten, der mächtige Staatsbetrieb solle der privatwirtschaftlich geführten BLT zeigen, wo es langgeht», so Büttiker rückblickend. «Das hatte viel mit deren Persönlichkeitsstruktur zu tun.» Allenfalls auch mit der Performance der BLT: «Wir bringen die gleiche oder sogar bessere Qualität mit bis zu 30 Prozent tieferen Kosten als die BVB. Das erzeugt in Basel Druck und eine Abwehrreaktion. Das ist fast ein Naturgesetz.»
Die höhere Produktivität sei auf die Führung nach privatwirtschaftlichen Kriterien und auf die BLT-Mentalität zurückzuführen. Sie habe eine viel schlankere Verwaltung, der Streckenund Fahrzeugunterhalt sei teilweise ausgegliedert und damit günstiger, beim Personal habe die BLT halb so viele krankheits- oder unfallbedingte Ausfälle wie die BVB. In Basel-Stadt würden die kantonalen Lohn- und Anstellungsbedingungen und die teuren Pensionskassenlösungen die Kosten in die Höhe treiben. Und dann seien da auch noch drei Gewerkschaften, mit denen darüber gestritten wird, «ob zum Beispiel das Händewaschen zur Arbeitszeit gehört oder nicht».
«Die BVB sind in mehr als 100 Jahren aus der kantonalen Verwaltung heraus sozialisiert worden», sagt Büttiker. Dagegen sei die BLT immer privatrechtlich organisiert gewesen und habe stets mit knappen finanziellen Mitteln umgehen müssen. «Mein Vorgänger Paul Messmer hat sogar die Post-it-Zettel in vier Teile geschnitten», erzählt Büttiker, «und mein langjähriger Finanzchef war vom gleichen Schlag.» Bei so manchem privaten KMU gebe es nicht ein so hartes Kostenmanagement. Sparsamkeit, Effizienz und Innovation gehörten zur DNA der BLT. Aber auch das Soziale gewichte man hoch: «Wir sind eine gute Arbeitgeberin.»
Brückenbauer
Diese beiden Welten könne man nicht einfach verändern, ist der abgetretene BLT-Patron überzeugt. Daher würde eine Fusion mit der BVB für ihn auch keinen Sinn ergeben: «Die Kosten und das Produktivitätsniveau der BLT würden sich jenem der BVB angleichen.» Und: «Ich kann die Frage nach einer Fusion schon gar nicht mehr hören.»
Aufgrund von Äusserungen wie diesen wird Büttiker, der im Kleinbasel und in Riehen aufwuchs, mitunter als «Berufsbaselbieter» wahrgenommen. Er hat ein anderes Bild von sich: Sicherlich habe er für die BLT gekämpft, dabei aber stets die Region als Ganzes vorwärtsbringen wollen. Deshalb habe er sich auch im Verwaltungsrat des Euro-Airports und bei den Rheinhäfen engagiert. «Ich sehe mich als Brückenbauer.» Als solcher wünscht er sich, dass «die kleinkarierten Streitereien zwischen Stadt und Land aufhören». Dafür gelte es, nach Tiefschlägen oder Differenzen wieder aufzustehen, den Zähler auf null zu stellen und nach vorne zu schauen. «Wer immer beleidigt sein will, hat in diesem Job nichts verloren.» So ist für ihn die geplatzte Trambeschaffung Geschichte. «Man muss auch sehen, dass wir die BVB das eine oder andere Mal sicherlich auch genervt haben – manchmal vielleicht sogar mit etwas Genuss …»
Heute kooperieren BLT und BVB gut. Als Beispiele nennt Büttiker die Rollmaterialplanung und die Depotinfrastruktur. Die Direktoren beider Betriebe hätten einen monatlichen «Jour fixe», um sich gegenseitig zu informieren, und kürzlich hätten die beiden Verwaltungsräte zum Ausdruck gebracht, enger zusammenarbeiten zu wollen. «Es ist ein tolles und entspanntes Verhältnis.»
Von 35 zu 190 Buschauffeuren
In einem Abschiedsinterview erklärte Andreas Büttikers Vorgänger Paul Messmer vor 27 Jahren, der Ausbau des öV sei so gut wie am Endpunkt. Es würden keine grossen Angebote mehr entstehen. «Meinem Vorgänger alle Ehre, aber diese Einschätzung war falsch», sagt der Nachfolger heute dazu. Er habe die Firma mit 35 Buschauffeuren übernommen, heute seien es 190. Der öV habe damals radial in die Stadt geführt. Heute würden im Vorortsgürtel, der einen starken Bevölkerungsschub erlebte, mehrere, sehr gut genutzte Tangential-Buslinien betrieben. «Im Bereich Bus hatten wir einen enormen Boom», so Büttiker.
Im Bereich Schiene treffe Messmers Prognose insofern zu, als die Trams noch immer auf denselben Korridoren unterwegs seien. Aufgrund der dichten Besiedelung sei man dazu gezwungen, für höhere Kapazitäten die bestehenden Korridore zu nutzen, was ja auch sinnvoll sei. Die Tramstrecken seien soweit möglich auf Doppelspur ausgebaut, womit man auf der Schiene jetzt den 7½-Minuten-Takt anbieten könne. Ebenfalls in die Ära Büttikers fielen die Übernahme der ÖV-Sparte der Autogesellschaft Sissach-Eptingen sowie die Übernahme und Erneuerung der Waldenburgerbahn. Urs Steiner, der letzte Verwaltungsratspräsident der WB, habe letzthin gesagt, das sei «das Beste gewesen, was dem ‹Waldenburgerli› passieren konnte».
Keine Erfolgsstory ist dagegen der Margarethenstich. Das Baselbieter Stimmvolk lehnte 2017 das Projekt für ein 300 Meter langes Teilstück auf der Grenze von Binningen und Basel ab, das Optimierungen auf der Tramlinie gebracht hätte. Büttiker ist vom Projekt nach wie vor überzeugt. Das Rückkommen auf den Bau des Streckenabschnitts im Rahmen von «Tramnetz 2030» findet er keineswegs undemokratisch: «Wäre ein zweiter und dritter Anlauf in einer Sache nicht opportun, dann hätten wir heute kein Frauenstimmrecht.» Bei der Abstimmung von 2017 habe die BLT gerade Taktverdichtungen vollzogen und der Kanton Baselland habe sich im Sparmodus befunden. Zudem hätten die Gegner eine gute Kampagne gefahren, während für das Projekt niemand richtig gekämpft habe. Es sei legitim, das Volk noch einmal über ein sinnvolles Projekt abstimmen zu lassen, das ihm ein erstes Mal zu einem ungünstigen Zeitpunkt vorgelegt worden sei.
Mehr Nähe zur Politik
Die BLT ist unter Büttiker zu einer Grossfirma mit rund 550 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und einer Bilanzsumme von 1 Milliarde Franken herangewachsen. Der Kostendeckungsgrad über alle Linien liegt bei rund 50 Prozent. Die BLT ist also auf enorm viel Geld von der öffentlichen Hand angewiesen. Zwar geniesse er die Freiheiten, welche die Politik der BLT lasse, dennoch würde er sich manchmal eine bessere Anbindung wünschen, so Büttiker: «BLT-Grossaktionär und Haupt-Geldgeber ist der Kanton. Meiner Meinung nach gehört deshalb Baudirektor Isaac Reber in den Verwaltungsrat.» Dann wäre die Politik «näher dabei».
Eine erstaunliche Aussage, denn genau mit dieser einstigen Vermischung der Rollen von Besteller und Leistungserbringer hat man in der Schweiz in den vergangenen Jahren gründlich aufgeräumt – Stichwort Governance. Büttiker: «Ich halte wenig davon. Ich bezeichne das als Governance-Wahn …»
Kommt der öV die öffentliche Hand nicht viel zu teuer zu stehen? «Das ist die falsche Frage», sagt Büttiker. «Die Frage ist: Wie viel öV will das Volk?» Die Schweiz sei diesbezüglich in einer sehr privilegierten Situation. «Schauen Sie nach Frankreich, Italien, aber auch nach Deutschland. Wir leben hier im Paradies! Wir können und wollen uns das leisten.» Womit wir kurz in den Interview-Modus wechseln:
Ist es auch vernünftig, selbst das kleinste Dorf so gut zu erschliessen?
Das ist der politische Wille. Was aber nicht heisst, dass aus ökonomischer Sicht alles intelligent ist. Für mich ist der Betrieb des «Läufelfingerlis» die reinste Verschwendung! Es gibt meines Wissens nichts Vergleichbares in unserer Region. Der Kanton Baselland könnte dort jährlich problemlos eine Million Franken Steuergeld einsparen und gleichzeitig mit einem Busangebot eine deutlich bessere Erschliessung des ganzen Homburgertals hinbekommen.
Das sagen Sie jetzt doch nur, weil die BLT gerne diesen Auftrag hätte …
Sie irren! Ich erinnere daran, dass sich Baudirektor Isaac Reber damals ebenfalls für den Busbetrieb ausgesprochen hat. Weil nur das vernünftig ist! Der Bus wäre nicht nur viel günstiger, sondern sorgte auch für eine bessere Erschliessung der Dörfer. Diese Bahnlinie ist einst ja nicht für den regionalen Personenverkehr, sondern für den Güter- und Transitverkehr konzipiert worden. Darum führt die Linie hoch über den Dörfern dem Hang entlang. Die Strecke wird für den öV missbraucht! Sie dient den meisten Menschen gar nicht! Entsprechend schlecht ist die Nutzung. Der Kostendeckungsgrad liegt auch heute noch tiefer als 20 Prozent und ich sehe nicht, dass sich die Situation verbessert, auch wenn das immer wieder behauptet wird!
Eine Umstellung auf Bus brächte auch gewichtige Nachteile.
Bei jeder Änderung im ÖV-Angebot gibt es immer auch einige, die einen Nachteil erleiden, das liegt in der Natur der Sache. In diesem Fall die Passagiere, die von Läufelfingen nach Olten wollen. Doch die kann man fast an zwei Händen abzählen. Es ist wie immer: 10 Prozent protestieren lautstark und werden gehört. Die 90 Prozent, die profitieren würden, schweigen leider.
Herr Büttiker, jetzt reden Sie sich ins Feuer. Freunde machen Sie sich damit im Homburgertal keine …
Mag sein. Eigentlich bin ich ja milde gestimmt in dieses Gespräch gegangen, doch jetzt packt mich gleich wieder der heilige Zorn, das ist mein Naturell (lacht). Es macht mir in meinem Ökonomenherz weh, was hier passiert! Was denken Sie, was wir für das gleiche Geld für ein Busangebot im Homburgertal auf die Beine stellen könnten! Das wäre ja der helle Wahnsinn!
Das Pro-«Läufelfingerli»-Votum an der Urne war deutlich.
Das ist mir unerklärlich. Eines muss man den Oberbaselbietern aber lassen: Sie kämpfen unwahrscheinlich gut! Beim «Läufelfingerli» ist es auch um Status gegangen. Die Leute sind stolz auf die Bahn, sie ist im Empfinden der Menschen mehr Wert als ein Bus.
Mit Ihren Argumenten hätte die BLT das «Waldenburgerli» ebenfalls auf Bus umstellen anstatt für 300 Millionen Franken neu bauen können.
Ganz falsch! Die Schiene ist immer dort gerechtfertigt, wo es viele Fahrgäste gibt, was auf der «Waldenburgerli»- Linie der Fall ist. Hier spricht vieles für die Schiene, zumal das «Waldenburgerli» mitten durch die Dörfer fährt. Untersuchungen zeigen auch, dass sich Passagiere auf der Schiene wohler fühlen als in einem Bus. Doch es geht auch um Effizienz: Man muss probieren, aus jedem Franken Steuergeld möglichst viel Fahrleistung herauszuholen.
Teureres U-Abo
Geld steht dem öffentlichen Verkehr bald mehr zur Verfügung: Das U-Abo schlägt auf. «Gerechtfertigt», sagt Büttiker. Man habe in der Vergangenheit viel investiert. Das U-Abo sei aber auch zum neuen Preis nach wie vor ein «sensationelles Produkt». Am Einheitspreis solle festgehalten werden. Eine diskutierte Zonierung – wer weit fährt, zahlt mehr – lehnt er ab. Dies widerspreche dem Grundgedanken: «Das U-Abo soll das GA für die Nordwestschweiz bleiben.»
Gar nichts hält er von Initiativen, die den Gratis-öV verlangen: «Was nichts kostet, ist nichts wert.» Der Umsteigeeffekt wäre seiner Meinung nach nicht allzu gross. Einige Sympathien hat er hingegen für eine Vorlage in Basel. Dort soll Jungen unter 25 Jahren der öV für einen Franken pro Tag ermöglicht werden: «Sozialpolitisch könnte das sinnvoll sein, um die Familien zu entlasten.» Und gleichzeitig die Jungen besser an den öV zu gewöhnen, damit sie nicht, kaum 18-jährig geworden, aufs Auto umsteigen.
Und was sagt der Herrgott?
Nach 27 Jahren an der Spitze der BLT ist nun also Schluss. Was ist das Kurzfazit? «Es war eine Zeit des Aufschwungs, des Aufbaus. Es war wunderbar, auch wenn es natürlich manchmal auch Spannungen gegeben hat. Aber das ist heute schon vergessen», sagt Büttiker.
Weshalb eigentlich ist er, dessen Stimme in der Politik stets gehört wurde, nie in die Politik gegangen? Eine Anfrage hatte es vor den Wahlen vor acht Jahren gegeben. Er hätte die Möglichkeit bekommen, als Parteiloser beim Regierungsratsticket der Bürgerlichen mitzumachen. «Ich habe mir das ein paar Tage überlegt», dann habe er abgesagt: «Ich wäre in der Politik verbrannt.» Er brauche unternehmerische Freiheit, um zu gestalten. In einer Regierung aber gelte zuerst das Kollegialitätsprinzip, dann rede das Parlament überall drein und bei jedem Entscheid gingen die Diskussionen los: «Ich hätte das nicht ertragen. Ich wäre als Regierungsrat total ungeeignet!»
Und was kommt jetzt? Büttiker ist seit einem Jahr Verwaltungsratspräsident von Primeo-Energie und Verwaltungsrat bei den Schweizerischen Rheinhäfen. Diese Ämter behält er. Daneben will er Italienisch lernen («das ist so eine schöne Sprache …»), dazu haben er und seine Frau kürzlich ein Segelboot auf dem Thunersee gekauft.
Doch es blieben noch Kapazitäten, wie er sagt: «Ich bin noch voll fit, voll im Saft, ‹volle Hahne Power!›» Er werde bald eine Woche in die Berge gehen, als gläubiger Christ innehalten und fragen: «Herrgott, gibt es noch Aufgaben für mich? Ich hatte ein unglaublich privilegiertes Leben und will der Gesellschaft etwas zurückgeben.» Engagements in den Bereichen Energie, Umweltpolitik oder Soziales könne er sich vorstellen. Bereits vor 20 Jahren habe er mitgeholfen, ein Hilfswerk für Aids-Waisen in Uganda zu gründen. Er sei nun für vieles offen. «Die beste Zeit meines Lebens liegt noch vor mir, davon bin ich überzeugt.»
Erstes äusseres Anzeichen dafür ist die rote Vespa, die Büttiker gekauft hat. Davon habe er immer geträumt. Die Zeit, um weitere Träume zu verwirklichen, sei gekommen. Sagts, setzt sich wenig später auf die Vespa und braust in den neuen Lebensabschnitt davon.
In unserer Ausgabe von morgen blickt BLT-Vizedirektor Fredi Schödler, der ebenfalls in Pension geht, vor allem auf den Neubau der Waldenburgerbahn zurück.
Zur Person
vs. Andreas Büttiker wurde 1996 im Alter von 35 Jahren als Direktor der BLT eingestellt. Bis dahin hatte er keinerlei Affinität zum öffentlichen Verehr. Die Fliegerei lag ihm näher: Er wollte Militärpilot werden, schied im Bewerbungsverfahren für die Ausbildung aber aus. Stattdessen erwarb er die zivile Pilotenlizenz.
An der Universität Basel studierte Büttiker Wirtschaft. Während zehn Jahren war er in der IT- und Telekommunikationsbranche tätig. Die Hälfte davon bei IBM, die andere baute er ein Unternehmen für Firmennetzwerke auf. Als er sich auf die Stelle bei der BLT bewarb, hatte er gerade eine Weiterbildung an der amerikanischen Universität Stanford absolviert.
Das Unternehmertum gefiel ihm immer. Der Grossvater, der am Spalenberg ein Uhren- und Bijouteriegeschäft führte, sei ihm ein Vorbild gewesen, dem er an der Spitze der BLT nacheiferte: «Ich habe sie geführt, als wäre sie mein eigenes Unternehmen.»
Aufgewachsen ist Andreas Büttiker, der im Juli 63 Jahre alt wird, im Kleinbasel und in Riehen, drei Jahre seiner Jugend verbrachte er ausserdem im Iran. Heute lebt er mit seiner Familie in Therwil. Der gläubige Christ hat aus zwei Ehen sechs Söhne.
Andreas Büttiker ist gesegnet mit einer schier unerschöpflichen Energie und einem feurigen Temperament. Woher er das hat? «Ich bin zu 35 Prozent Italiener», klärt er auf. «Mister BLT» besitzt nicht nur neuerdings eine rote Vespa, sondern auch einen Alfa Romeo.