AUSGEFRAGT | SIBYLLE GRIEDER-HERRLI, GESCHÄFTSLEITERIN DES VTOB
28.04.2023 Gesellschaft«Tagesfamilien geniessen eine hohe Autonomie»
In ihrem ersten Jahr als Geschäftsleiterin des Vereins Tagesfamilien Oberes Baselbiet (VTOB) muss Sibylle Grieder-Herrli 2022 in drei Bereichen Rückgänge vermelden. Diese folgen allerdings auf zwei ...
«Tagesfamilien geniessen eine hohe Autonomie»
In ihrem ersten Jahr als Geschäftsleiterin des Vereins Tagesfamilien Oberes Baselbiet (VTOB) muss Sibylle Grieder-Herrli 2022 in drei Bereichen Rückgänge vermelden. Diese folgen allerdings auf zwei Rekordjahre, die «Pandemiejahre» 2020 und 2021.
Jürg Gohl
Frau Grieder, wie sehr hat Sie der Rückgang um 10 Prozent bei den Tageseltern überrascht?
Sibylle Grieder: Der Rückgang hat mich nicht überrascht. Ich habe ihn schon früher erwartet. Die Pandemiejahre haben den Trend kurzfristig gestoppt. Es ist seit Jahren schwierig, neue Tagesfamilien für diese sinnstiftende Arbeit zu finden. Andere Tagesfamilienorganisationen und auch Kitas beklagen ebenfalls einen Fachkräftemangel. Wir sind also mit dieser Herausforderung nicht alleine. Interessant ist, dass die Zahl der Tagesfamilien leider stetig abnimmt, obwohl die Betreuungsstunden auf hohem Niveau bleiben. Das weist auf eine Professionalisierung unserer Tagesfamilien hin. Wenn wir etwa mit 2018 vergleichen, stossen wir auf vergleichbare Zahlen bei Kindern und Betreuungsstunden. 2022 wurden sie aber von deutlich weniger Tagesfamilien geleistet, nämlich 91 statt wie damals 124. Zur Professionalisierung gehört auch, dass die Anforderungen bezüglich Aus- und Weiterbildung, aber auch kantonaler Vorgaben stetig wachsen. Das Selbstverständnis unserer Tagesfamilien verändert sich. Die frühere Nebenbeschäftigung ist heute ein Beruf.
Gibt es Gründe für diese Abnahme von Tagesfamilien?
Es findet ein gesellschaftlicher Wandel statt. Immer mehr Frauen kehren nach einer Babypause in ihren Primärberuf zurück. Sie gehen uns als potenzielle Tagesmütter verloren. Die aktuelle Situation auf dem Arbeitsmarkt, dem Fachkräfte fehlen, verstärkt diesen Trend. Eltern können kombiniert extern und auch als Tagesfamilie arbeiten. Wie bereits erwähnt, bekunden auch Kitas Mühe, Fachleute zu finden. Gewiss spielt auch der eher tiefe Lohn eine Rolle.
Wie wollen Sie diesem Trend entgegentreten?
Zum Beispiel, indem wir für das kommende Jahr eine Lohnerhöhung anstreben und unsere hohe Fachlichkeit und Qualität weiter hochhalten. Wir haben im vergangenen Jahr eine Befragung unter den Tagesfamilien zur Zufriedenheit und den Bedürfnissen durchgeführt. Der VTOB erhielt als Arbeitgeber erfreulich gute Noten. Hier sind wir also auf dem richtigen Weg.
Welche Rolle spielt die Anerkennung der Tagesmutter als Beruf?
Der VTOB unternimmt viel, um den Tagesfamilien unsere Wertschätzung entgegenzubringen. Unsere Umfrage zeigt aber, dass viele diese Wertschätzung in der Öffentlichkeit vermissen. Viele typische Frauenberufe, wie die Kinderbetreuung und Pflege, werden ja gerne unterschätzt.
Wie beurteilen die Eltern, die ihre Kinder in Obhut geben, das Angebot des VTOB?
Unser Modell wird sehr geschätzt. Wir führen auch hier regelmässige Befragungen durch. Für die hohe Zufriedenheit spricht auch, dass Eltern äusserst selten das Tagesfamilienmodell für einen Kita-Platz wechseln. Da sich Eltern und Tageseltern zuerst kennenlernen und absprechen können, ist eine massgeschneiderte Betreuung möglich. Gerade wenn Eltern in der Pflege oder in der Gastronomie mit wechselnden Arbeitszeiten tätig sind, bringt das Tagesfamilienmodell Vorteile. Ob eine Betreuung zustande kommt, entscheiden die Eltern und Tagesfamilien im Vermittlungsgespräch.
Wie selbstständig können Tagesfamilien handeln und entscheiden?
Als Tagesfamilie kann man selber bestimmen, an welchen Tagen und zu welchen Zeiten man arbeiten möchte. Der VTOB gibt das nicht vor. Als Tagesfamilie geniesst man eine hohe Autonomie und hat trotzdem den Rückhalt des VTOB. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist als Tagesfamilie optimal erfüllt. Die Umfrage zeigt auch, dass unsere Tagesfamilien die Kinderbetreuung als sehr erfüllend und sinnbringend empfinden. Trotzdem stellt sich uns die Frage, wie wir mehr Frauen und Männer – es gibt auch Tagesväter – für diesen Beruf gewinnen können.
Nehmen Sie die Kita als Konkurrentin wahr?
Die Eltern sollen ihren Betreuungsort selber wählen können. Aktuell boomt die schulergänzende Betreuung. Der VTOB hat bereits vor fünf Jahren einen ersten VTOB-Schulmittagstisch initiiert. Zwei weitere sind dazugekommen und weitere Anfragen von Gemeinden liegen auf dem Tisch. Dem VTOB ist es wichtig, auf den gesellschaftlichen Wandel und die effektiven Bedürfnisse zu reagieren und dazu auch ihren Gemeinden ein Angebot machen zu können. Also nein. Es braucht auch die Kitas, weil insgesamt im Kanton ein Bedarf an Betreuungsplätzen besteht. Bezüglich Kosten sind wir meist günstiger als die Kitas, aber nicht in jedem Fall. Das VTOB-Tarifmodell richtet sich nach dem Einkommen und ist sozial. Eltern mit niedrigem Einkommen erhalten einen Defizitbeitrag von ihrer Wohngemeinde.
Kita kennen alle. Bleibt die Frage, wie gut der VTOB, sein Angebot und sein Bedarf an Tagesfamilien in der Öffentlichkeit bekannt sind.
Kita für Kindertagesstätte ist eine tolle Abkürzung, die dem VTOB fehlt. Die Bekanntheit beginnt also schon beim Namen. Der VTOB hat im vergangenen Jahr unter meiner Leitung einiges unternommen, um bekannter zu werden. So verfügt er über eine neue Webseite und auch ein Newsletter wurde kreiert. Weitere Investitionen in die Öffentlichkeitsarbeit, Zukunft und Entwicklung des VTOB sind geplant.
Zur Person
jg. Sibylle Grieder-Herrli ist seit dem 1. April 2022 Geschäftsleiterin des Vereins Tagesfamilien Oberes Baselbiet (VTOB), für den sie bereits seit zwölf Jahren arbeitet. Sie ist 58 Jahre alt, lebt mit ihrem Ehemann in Wenslingen und ist Mutter zweier erwachsener Kinder. Ihr Mann gehört dem Gemeinderat an. Sie präsidierte einige Jahre den Schulrat. «Ich kenne die Bedürfnisse der Gemeinden bei der familienergänzenden Betreuung aus verschiedenen Perspektiven», sagt sie.
Der VTOB
jg. Der Verein Tagesfamilien Oberes Baselbiet hat mit 53 Trägergemeinden eine Leistungsvereinbarung. 91 Tagesfamilien erbrachten im vergangenen Jahr mit 103 000 Betreuungsstunden für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf im Kanton eine «beachtliche Leistung», wie Geschäftsleiterin Sibylle Grieder-Herrli sagt. Der VTOB vermittelt Kinder berufstätiger Eltern an ausgebildete Tageseltern. Die aktiven Tageseltern gingen von 101 auf 91 zurück, und auch die betreuten Kinder nahmen im Jahr 2022 von 468 auf 443 ab. Diese Schlüsselzahlen werden Präsidentin Sandra Strüby und Geschäftsführerin Sibylle Grieder an der 36. Mitgliederversammlung am kommenden Mittwoch in Bubendorf vorlegen.