«Schwarzer Tag und eine Schande»
21.03.2023 Finanzen, Wirtschaft, SchweizNationalrätin Daniela Schneeberger zum Scheitern der Credit Suisse
Nationalrätin Daniela Schneeberger befürwortet das Eingreifen des Bundes, das zur Übernahme der CS durch die UBS führte und einen Dominoeffekt mit nicht absehbaren Folgen verhindert. Dass die CS an Boni und ...
Nationalrätin Daniela Schneeberger zum Scheitern der Credit Suisse
Nationalrätin Daniela Schneeberger befürwortet das Eingreifen des Bundes, das zur Übernahme der CS durch die UBS führte und einen Dominoeffekt mit nicht absehbaren Folgen verhindert. Dass die CS an Boni und Gehaltserhöhungen festhalten will, hält sie für unverschämt und inakzeptabel.
Christian Horisberger
Frau Schneeberger, 2008 hat der Bund die UBS gerettet, jetzt greift er wieder für die Rettung einer Bank bzw. bei der Fusion von CS und UBS ein. Unterstützen Sie den Entscheid?
Daniela Schneeberger: Grundsätzlich widersprechen staatliche Eingriffe liberalen Werten. Mit Steuergeldern die Fehler von Unternehmen finanziell aufzufangen, finde ich verkehrt. Angesichts der Auswirkungen auf die Volkswirtschaft war dieser Eingriff jedoch notwendig, da viele Privatpersonen, KMU, Mitarbeitende und Lieferanten von der CS abhängig sind. Mit der gefundenen Lösung konnte auf diesem Weg ein Dominoeffekt mit unabsehbaren Folgen abgewendet werden. Ich finde es schlimm, dass es so weit kommen musste.
Waren die anderen Szenarien – Verstaatlichung, Liquiditätshilfe und Konkurs – überhaupt eine echte Alternative?
Es wurde wohl die beste aller schlechten Lösungen gewählt. Selbst Experten können nicht sagen, ob eine staatliche Liquiditätshilfe das Vertrauen der Finanzmärkte in die angeschlagene Credit Suisse hätte wiederherstellen können. Auch der Konkurs mit unvorhersehbaren Folgen für die schweizerische Volkswirtschaft und das globale Finanzsystem wäre keine Option gewesen. Was mich in dieser schwierigen Situation etwas beruhigt: Eine Übernahme durch den Bund konnte dank der UBS abgewendet werden.
Die UBS zahlt 3 Milliarden Franken für die CS. Das sei ein Schnäppchen, heisst es, die UBS habe die CS und den Bundesrat in deren Not über den Tisch gezogen. Wie sehen Sie das?
Die UBS nimmt bei der Übernahme sowohl das profitable wie auch das risikoreiche Geschäft auf sich. Nach der Ankündigung haben zum Beispiel auch die UBS-Aktien an Wert verloren. Ich bin keine Expertin, die das beurteilen kann – ich denke, dass die Last auf der UBS nun gross ist, die CS zu integrieren. Sie muss das Vertrauen der Aktionäre, der Kunden, der Mitarbeiter, der Partner und Lieferanten gewinnen. Von einem Schnäppchen zu reden ist wohl nicht der richtige Ausdruck, eher von einer grossen und schwierigen Aufgabe.
Der Bundesrat hat Notrecht angewendet und damit das Parlament umgangen. Fühlen Sie sich als Parlamentarierin nicht auch übergangen?
Aufgrund der dringlichen und kritischen Ausgangslage war es richtig, dass der Bundesrat mittels Notrecht rasch gehandelt und diese Entscheide getroffen hat. Die Finanzdelegation beider Räte wurde eingebunden und hat den nötigen Verpflichtungskrediten für Garantien an die Nationalbank und die UBS zugestimmt. Das Notrecht muss noch in ordentliches Recht überführt werden – spätestens dann wird das Parlament sich dazu äussern können. Die FDP wird zudem eine ausserordentliche Session einfordern, um das Geschehen aufzubereiten und die richtigen Lehren daraus zu ziehen.
Wir haben eine Fusion einer gesunden Bank mit einer kranken. Die UBS-Aktie geriet heute auch etwas unter Druck. Wie gross ist die Gefahr, dass die kranke Bank die gesunde ansteckt?
So einfach ist das nicht. Die Frage, wie es weitergeht, ist nun die Aufgabe des Managements. Es geht darum, die CS zu integrieren und eine stabile und solide Situation herbeizuführen. Ich hoffe, dass dies gelingen wird.
Die CS hat sich in der Vergangenheit reihenweise Skandale geleistet. Sie zahlte Unsummen an Strafen. Dennoch wurde regulatorisch nicht eingegriffen. Trotz UBS-Rettung, trotz Too-big-to-fail-Regelungen. Wie konnten die Kontrollmechanismen versagen?
Ich finde diese Frage mehr als berechtigt: Welche Rolle hat die Finma gespielt? Die Aufsicht hätte aus meiner Sicht die Frage nach dem Risikomanagement bei CS viel früher und viel kritischer stellen müssen. Ich bin keine Expertin, aber ich werde meine Bedenken über die Rolle der Aufsicht auch parlamentarisch einbringen – über die Fraktion und auch im Parlament.
Wir haben nun eine Monsterbank. Was muss die Politik tun, um deren Scheitern und damit eine Krise, welche die gesamte Schweizer Wirtschaft gefährdet, zu verhindern?
Nein, das ist kein «Monster» – ich finde diese Polemik falsch. Es ist eine grosse Bank, die eine grosse Bedeutung in der Schweiz haben wird. Die Politik ist, neben anderen Akteuren, in der Pflicht, die bestehende Regulierung auf ihre Wirksamkeit zu überprüfen. Erst dann kann man dazu eine Aussage treffen. Auch die Finanzmarktaufsicht gehört durchleuchtet. Eine neue Finanzplatzstrategie soll dafür sorgen, dass die Risiken einer so grossen Bank begrenzt werden. Es gilt, jetzt Massnahmen zu ergreifen, welche weitere Krisen verhindern. Um das Vertrauen der Kunden rascher zu gewinnen, wäre es sicher richtig, eine kleinere Bank zu sein, die näher bei den Bedürfnissen der Kunden ist.
Die Verantwortlichen der CS machen keine Anstalten, Verantwortung zu übernehmen. Wie können die CS-Manager, die Millionengehälter bezogen haben, zur Rechenschaft gezogen werden? Unterstützen Sie eine Untersuchung über die Verantwortung?
Dass die CS trotz der Übernahme durch die UBS an versprochenen Boni und Gehaltserhöhungen festhalten will, ist unverschämt und nicht akzeptabel. Die FDP fordert die Verantwortlichen auf, diesen Fehlentscheid umgehend zu korrigieren. Dies erlaubt Artikel 10a des Bankengesetzes. Ebenfalls ist das alte Management für die gemachten Fehler der CS zur Verantwortung zu ziehen. Erhaltene Boni sollen zurückbezahlt werden. Zur Marktwirtschaft gehört nicht nur, zu kassieren, sondern gleichzeitig auch die Verantwortung zu übernehmen. Die Manager müssen in die Pflicht genommen werden.
Es werden Tausende Arbeitsplätze verloren gehen. Welche Massnahmen könnten hier seitens Bund zum Tragen kommen?
Die CS sowie die UBS müssen nun schnell Planungssicherheit für ihre Angestellten schaffen. Ich hoffe, dass einerseits die Arbeitnehmer der CS bei der UBS unterkommen können, andererseits, dass dank des aktuellen Fachkräftemangels in der Schweiz die betroffenen Angestellten rasch eine gute Anschlusslösung finden. Die Kommunikation war unterirdisch. Das muss sich ändern. Ich würde empfehlen, dass die UBS hier eine Task-Force aufstellt.
Was bedeutet das Aus der CS für die Reputation des Bankenplatzes und des Wirtschaftsstandorts Schweiz und für den Schweizer Franken?
Die CS ist für den Schweizer Wirtschaftsstandort sowie für die weltweite Finanzbranche von grosser Bedeutung. Es ist ein schwarzer Tag für die Schweiz und eine Schande, dass diese Übernahme nötig wurde. Aus meiner Sicht ist dieser Tag dunkler, als die UBS-Rettung im Rahmen einer globalen Krise oder jene der Swissair, die niemals ein solches Ausmass hatte oder die Energiemangellage, wo es einen vorsorglichen staatlichen Rettungsschirm brauchte. Die Rettung der Situation bei der CS war notwendig wegen der gesamtwirtschaftlichen Bedeutung. Hierzu gehört auch, dass das Management Verantwortung übernimmt und zu den gemachten Fehlern steht. Danach gilt es, durch langjährige solide Arbeit das Vertrauen wiederherzustellen, denn davon lebt der Finanzplatz Schweiz. Viele Auswirkungen sind zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht absehbar.
Aus fünf Grossbanken mache eine
sda. In den 1980er-Jahren zählte die Schweiz noch fünf Grossbanken. Nach etlichen Übernahmen und Fusionen reduzierte sich deren Zahl ab 1997 auf zwei. Nun ist noch eine übrig. Ein Blick zurück.
1990
Bank Leu
Als Erste verschwand 1990 die Bank Leu AG. Die ursprünglich staatliche Bank wurde 1755 gegründet mit dem Zweck, die auswärtige Kapitalanlage für grosse staatliche und private Vermögen durchzuführen. Nach Rückschlägen und einer Phase von Übernahmeangeboten Ende der 1980er-Jahre, unter anderem vom Investor Martin Ebner, wurde die älteste Grossbank der Schweiz 1990 von der CS Holding erworben, also der heutigen Credit Suisse. Ab 1998 konzentrierte sich die Bank Leu noch als rechtlich selbstständige Privatbank innerhalb der CS Group auf das Anlagegeschäft für Privatkunden. 2007 fusionierte die Bank Leu mit anderen Tochterunternehmen der CS Group zur Privatkundenbank Clariden Leu, die 2012 in der Credit Suisse aufging.
1993
Schweizerische Volksbank
Die Schweizerische Volksbank (SVB) wurde 1869 von Vertretern aus Arbeiter-, Beamten- und Gewerbekreisen unter dem Namen «Volksbank in Bern» gegründet. Bis 1930 avancierte sie zur zweitgrössten Bank der Schweiz. Anfang der 1980er- Jahre geriet sie durch hohe Verluste bei Silbertermingeschäften in die Schlagzeilen. Der an der Substanz zehrende Wertberichtigungsbedarf, der sich für die SVB aus der Immobilienkrise seit Beginn der 1990er-Jahre ergab, führte 1993 zur Übernahme der Bank durch die damalige CS Holding. Es entstand die zweitgrösste Schweizer Bank.
1997
Fusion Bankgesellschaft / Bankverein
1997 gaben die Schweizerische Bankgesellschaft (SGB) und der Schweizerische Bankverein (SBV) ihre Fusion zur heutigen UBS bekannt. Daraus wurde die damals zweitgrösste Bank der Welt geschaffen.
Die SBG entstand 1912 aus dem Zusammenschluss der Bank in Winterthur und der Toggenburger Bank. Nach dem Ersten Weltkrieg expandierte sie als Universalbank durch zahlreiche Übernahmen und Eröffnungen von Filialen in die ganze Schweiz.
Der SBV wiederum wurde 1854 gegründet. Sechs Privatbankiers in Basel gründeten unter dem Namen «Bank-Verein» ein Konsortium, um Industrieund Eisenbahnprojekte zu finanzieren. Vor ihrer Fusion war die SBV die drittgrösste Bank in der Schweiz.
2023
Credit Suisse (ehemalige Schweizerische Kreditanstalt)
Am 16. Juli 1856 nahm die von Alfred Escher gegründete Schweizerische Kreditanstalt (SKA), Vorgängerin der Credit Suisse, ihre Geschäftstätigkeit auf. Sie pflegte besonders die Kreditvergabe an kommerzielle Kunden sowie das Emissionsgeschäft. Dabei erlangte sie insbesondere für die Eisenbahnfinanzierung erhebliche Bedeutung. Der 1977 aufgedeckte Chiasso-Skandal führte kurzzeitig zu einem Verlust an Vertrauen in das Unternehmen und markierte zugleich den strategischen Übergang zum international ausgerichteten Finanzkonzern – der nun am Ende ist.
Aus: Historisches Lexikon der Schweiz