«Bis zum Schluss uneinsichtig geblieben»
24.03.2023 Finanzen, SchweizStrategieberater und Finanzfachmann Fredi Zwahlen über das Ende der Credit Suisse
Bei den Grossbanken braucht es im Nachgang zur CS-Übernahme durch die UBS wieder mehr Schweizer: Dies sagt der Baselbieter Finanzfachmann und Strategieexperte Fredi Zwahlen, der einst bei der Neuausrichtung ...
Strategieberater und Finanzfachmann Fredi Zwahlen über das Ende der Credit Suisse
Bei den Grossbanken braucht es im Nachgang zur CS-Übernahme durch die UBS wieder mehr Schweizer: Dies sagt der Baselbieter Finanzfachmann und Strategieexperte Fredi Zwahlen, der einst bei der Neuausrichtung der Raiffeisenbank eine tragende Rolle gespielt hat.
David Thommen
Herr Zwahlen, Sie sind Finanzund Strategieberater: Wie gut oder schlecht war die Rettungsstrategie, die der Bundesrat mit der CS eingeschlagen hat?
Fredi Zwahlen: Es gibt darauf zwei Antworten: Wenn man das Wochenende isoliert anschaut, war es vermutlich die beste Lösung. Wenn man hingegen einen längeren Zeitraum in Betracht zieht, dann ist es erschreckend, dass keine andere Variante gefunden wurde. Dafür ist meines Erachtens vor allem die oberste Führung der CS selbst verantwortlich. Sie ist bis zum Schluss uneinsichtig geblieben. Nie hat sie auch nur die Spur eines Fehlers bei sich selbst gesehen, es wurde noch am Sonntag während der Pressekonferenz auf alle anderen gezeigt: Auf die Silicon-Valley-Bank, auf die Saudis, welche weitere Kapitaleinschüsse kategorisch ausgeschlossen haben, und auf David Taylor, der in Australien im Oktober eine Warnung auf Twitter abgesetzt hat.
Fehler gab es bei der CS offensichtlich viele. Welche waren die gravierendsten?
Die Bank hat in der Vergangenheit eine riesige Pannenserie hingelegt. Die Skandalreihe reicht vom Steuerstreit mit den USA mit Milliardenbussen bis zu den groben Verfehlungen mit dem Hedgefond Archegos und der Greensill Bank, wo Milliardenverluste resultierten. Eine dermassen grosse Fehlerserie, ohne die Lehren daraus zu ziehen und Massnahmen zu treffen – dies ist für mich schlicht unverständlich.
Worauf ist das zurückzuführen? Eine fast schon unschweizerische Risikobereitschaft?
Wir reden hier von einer systemrelevanten schweizerischen Grossbank. Der Verwaltungsrat, das Management und auch das Aktionariat sind aber vornehmlich ausländisch beherrscht. Bei dieser Konstellation haben bei der CS die Interessen der Schweiz vermutlich kaum noch irgendeine Rolle gespielt. Bei der UBS ist das Bewusstsein für den Standort Schweiz meines Erachtens wieder besser erkennbar. Die Schweizer Werte werden dort trotz vieler internationaler Manager spürbarer verkörpert.
Die CS ist also mehr eine Bank in der als eine Schweizer Bank?
Ja. Sie hat zwar den Hauptsitz noch in der Schweiz, aber das internationale Geschäft war ihr offensichtlich wichtiger – was wir jetzt zu spüren bekommen. Fairerweise muss man feststellen, dass die CS Schweiz mit dem Schweizer Geschäft eine gut funktionierende, rentable Bank darstellt – und weiter darstellen würde.
Ein Plädoyer für mehr Schweizer in den Teppichetagen?
Ganz eindeutig. Dies ist auch eine Frage der Kultur und der Werte. Vielleicht müsste man das sogar bis auf das Aktionariat ausdehnen und festlegen, dass ein gewisser Anteil an ausländischem Kapital nicht überschritten werden darf. Ob das aktienrechtlich möglich wäre, steht auf einem anderen Blatt. Aber man hat gesehen, dass mit dem Einstieg der Saudis und der Amerikaner bei der CS andere Interessen ins Spiel kamen. Mit dem bekannten Ausgang.
Wäre eine Schweizer Bank mit mehrheitlich Schweizer Kapital resilienter?
Dass eine wichtige Schweizer Bank aus eigenem Antrieb aus einer massivsten Krise herauskommen kann, hat vor wenigen Jahren die Raiffeisengruppe bewiesen. Es mussten keine Garantien oder Liquiditätshilfen von Bund und Nationalbank in Anspruch genommen werden. Wir haben die Fehler zuerst bei uns gesucht und uns darauf besonnen, wem diese Bank gehört – nämlich den Genossenschaftern – und wem sie dienen soll. Danach folgte eine konsequente Erneuerung von innen heraus. Das Resultat ist eine gesunde, solide Bankengruppe mit einer hohen Eigenkapitalisierung und einer bodenständigen, schweizerischen Mentalität.
Im Zusammenhang mit der CS ist häufig von einer «Gier» der Manager die Rede. 1000 Angestellte sollen dort mehr als eine Million Franken verdient haben. Zudem wurden in den vergangenen 10 Jahren 32 Milliarden Franken Boni ausbezahlt. Ist das nicht so etwas wie ein Bankraub von innen?
Man muss unterscheiden: Wenn man von den vergangenen zwei bis drei Jahren spricht, dann haben Sie recht. Da wurden hohe Verluste geschrieben und trotzdem munter hohe Boni gewährt. Es wurden über die letzten drei Jahre meines Wissens insgesamt 6 Milliarden Franken Boni ausbezahlt, was kaum zu verstehen ist. Wenn hingegen Gewinne erzielt werden und eine Bank einen gewissen Anteil davon in Boni steckt, ist dagegen nichts einzuwenden. Hier stellt sich lediglich die Frage der Dimension und Relation.
Ist den leitenden Angestellten von grossen Banken eine gewisse Masslosigkeit eigen? Sie selber mussten das Geschirr wegräumen, das der masslose Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz zerschlagen hatte …
Ich sehe dies nicht als bankenspezifisch an. In anderen Branchen sieht das nicht anders aus. Ich erinnere an die damaligen Bezüge der Herren Barnevik (ABB) oder Vasella (Novartis). Es gäbe zahllose weitere Beispiele. Bei unseren globalen Grossfirmen ist es so, dass wir mittlerweile viele angelsächsisch geprägte Manager haben, die stark leistungsorientierte Saläre fordern.
Jetzt wird der CS von der Politik immerhin verboten, die Boni an die Angestellten auszuzahlen.
Ja, und das wird dann wohl den nächsten Frust geben. Man wird das arbeitsrechtlich kaum durchsetzen können, da die Boni vertraglich zugesichert sind. Am Schluss werden die CS-Verantwortlichen vermutlich ungeschoren von dannen schreiten und niemand wird zur Verantwortung gezogen. Das haben wir schon ein paar Mal erlebt. Zum Beispiel seinerzeit bei der Swissair.
Wäre die CS rasch tatsächlich in Konkurs gegangen? Eigenkapital war ja vorhanden und die Nationalbank garantierte die Liquidität …
Ich denke nicht, dass die CS Konkurs gemacht hätte. Das Positive an der Finanzkrise 2008 war, dass in der Folge die Eigenkapitalvorschriften stark hochgeschraubt worden sind, sodass es heute kaum noch möglich ist, dass eine Schweizer Bank einfach Konkurs geht. Wir reden bei der CS aber von einem anderen Eigenkapital: dem Vertrauen. Dieses hat die Bank tatsächlich fast auf null hinuntergewirtschaftet. Sowohl bei Kunden als auch bei Aktionären.
Wäre die CS nicht doch noch zu retten gewesen?
Schauen Sie, was am Sonntag passiert ist: Bund und Nationalbank haben total 209 Milliarden Franken für die Übernahme der CS durch die UBS bereitgestellt. Dieser Betrag hätte in meinen Augen ausgereicht, um die CS am Leben zu erhalten. Man hätte Zeit für eine weniger überhastete Lösung gewinnen können. Als Aussenstehender kann ich jedoch nicht abschliessend beurteilen, warum der Bundesrat genau so gehandelt hat und wie gross der Druck – vor allem aus den USA – auf die Behörden war.
Was wäre passiert, wenn die CS Konkurs gegangen wäre?
Es hätte einen riesigen Imageschaden für den Finanzplatz gegeben. Ich frage mich einfach, ob der Imageschaden nun nicht genau gleich gross ist …
Die jetzige Lösung hat zur Folge, dass CS-Aktionäre die Hälfte ihres Kapitals verlieren und die Inhaber von Anleihen nicht weniger als 16 Milliarden Franken in den Kamin schreiben müssen. Eigentlich wollte man ja eine Bank retten, doch der Schaden ist nun auch so immens.
Tatsächlich wird das nun scheibchenweise klar. Bei der CS werden riesige Summen Kapital vernichtet. Die UBS hat diese Situation brutal ausgenutzt oder zumindest sehr clever verhandelt. Sie hat für die CS rund 3 Milliarden Franken bezahlt. Am Freitag zuvor bei Börsenschluss hätte der Kaufpreis noch mindestens 7 Milliarden Franken betragen. Wie gut die UBS verhandelt hat, zeigt sich auch an den 209 Milliarden Franken Garantien von Bund und Nationalbank.
Der Bundesrat hat am Sonntag schweizerisches Recht kurzerhand ausgehebelt und mit Notrecht dafür gesorgt, dass Aktionäre und Obligationäre der CS sehr viel Geld verlieren. Ist dies nicht ein fast undenkbarer Vorgang in der Schweiz, die stets ihre Rechtssicherheit betont?
Hier wären wir wieder beim Thema Vertrauen. Welcher internationale Grossinvestor wird jetzt noch Geld in eine Schweizer Firma investieren, wenn er befürchten muss, dass ihm genau das Gleiche passiert? Hinter das Notrecht mache ich ein grosses Fragezeichen, es steht meines Erachtens auf wackligen Beinen. Der Bundesrat darf gemäss Bundesverfassung nur dazu greifen, wenn die innere oder äussere Sicherheit des Landes gefährdet ist. Was in meinen Augen nicht der Fall ist. Dies kann der Nährboden für eine Klagewelle werden. Die Amerikaner werden das bestimmt für Sammelklagen nutzen, auch die Kapitalgeber aus Saudi-Arabien werden klagen wollen. Ich habe grossen Respekt vor dem, was jetzt auf die Schweiz zurollt.
Wie beurteilen Sie die Rolle der Bankenaufsicht?
Mir ist der Auftritt der Finma bei der Pressekonferenz vom Sonntag nicht sehr souverän vorgekommen. Ich hatte das Gefühl, dass in diesem Moment niemand so genau wusste, was Sache ist. Wenig vertrauenserweckend hat auch die Nationalbank auf mich gewirkt. Gefühlsmässig wären bessere Lösungen möglich gewesen, wenn man deutlich früher bei der CS interveniert und sich zudem bessere Notfallpläne zurechtgelegt hätte. Ich hätte von den Aufsichtsbehörden mehr Einfluss und Intervention erwartet.
Einen Notfallplan hätte es mit dem «Too big to fail»-Gesetz gegeben …
Ja. Mit diesem Gesetz ist vorgezeichnet, was im Falle eines Bankenkonkurses zu passieren hat. Es wäre zu einer Aufspaltung der Bank in verschiedene Teilbereiche gekommen. Das gesunde Schweizer Geschäft hätte vermutlich weiterbestehen können, für die anderen Teile der Bank hätte man einen Käufer suchen oder sie tatsächlich in den Konkurs gehen lassen müssen.
Sollte die UBS nun nicht genau das tun: CS-Einheiten verkaufen, anstatt zur Riesenbank zu werden?
Das wäre der Idealfall. Vor allem das rentable Schweizer Geschäft der CS sollte meiner Meinung nach verkauft und eigenständig weitergeführt werden. Der Schweiz und ihrer Wirtschaft wären weiterhin zwei sich konkurrenzierende Grossbanken zu wünschen. Die UBS wird das aber vermutlich anders sehen und die Filetstücke der CS integrieren. Dies wird wegen Redundanzen dazu führen, dass es zu einem grossen Personalabbau kommt. Die UBS hat ja bereits angekündigt, bis 2027 8 Milliarden Franken pro Jahr einsparen zu wollen, 6 Milliarden davon an Personalkosten.
Muss sich die Schweiz vor der neuen «Monsterbank» UBS fürchten?
Es gibt einen Moloch mit einer Bilanzsumme von 1,5 Billionen Franken. Wir sprechen hier von einer unvorstellbar hohen Zahl; das ist mehr als das Doppelte des Schweizer Bruttoinlandsprodukts! Für die Schweiz würde eine erneute Rettungsaktion äusserst schwierig, wenn die neue Bank einmal in Schwierigkeiten käme.
Mit dem Zusammenbruch von kleineren amerikanischen Banken und nun dem Aus für die CS kommt das Gefühl auf, der Welt stehe eine Finanzkrise bevor. Täuscht das?
Eine Finanzkrise kann immer kommen. Eine Krise an sich ist jedoch kein Weltuntergang und für die Schweiz erachte ich die Gefahr als klein, weil unsere Finanzinstitute gesund dastehen. Was meiner Meinung nach aber ansteht, ist eine Korrektur an den Finanzmärkten.
Die Börsen haben weltweit seit Corona ja bereits stark nach unten korrigiert. Noch zu wenig?
Ja. Es ist in letzter Zeit etwas untergegangen, dass Tech-Konzerne wie Google, Facebook, Twitter, Amazon, Microsoft und so weiter massiv Stellen abbauen mussten. Das könnten erst die Vorboten sein. Meiner Meinung nach sind heute immer noch viele Unternehmen überbewertet.
Auch in der Schweiz?
Ich sehe das so. Der SMI war vor eineinhalb Jahren bei fast 13 000 Punkten, heute ist er bei rund 10 500. Ich denke, dass der Index nochmals weiter sinken und ein wirtschaftlicher Abschwung damit einhergehen könnte. Vielleicht müssen wir in der Schweiz irgendwann wieder mit höheren Arbeitslosenzahlen leben.
Zur Person
tho. Fredi Zwahlen, 71, ist Finanzfachmann und Strategieberater. Angefangen hatte er einst als Banker bei der BLKB, wirkte später in der Geschäftsleitung einer Privatbank mit und wurde mit 45 Jahren geschäftsführender Partner einer Unternehmensberatungsfirma, die in Deutschland und der Schweiz aktiv ist. Seit 2011 ist er selbstständiger Strategieberater mit Mandaten unter anderem im Gesundheitswesen oder in der Automobilbranche.
Von 2011 bis 2021 wirkte er als Verwaltungsratspräsident bei der Raiffeisenbank Liestal-Oberbaselbiet. In dieser Zeit wirkte er federführend bei der Reorganisation der Raiffeisengruppe mit. Zwahlen lebte lange Zeit in Rickenbach und wohnt heute in Allschwil.