«Das Auto hat eine wahnsinnige Zukunft» – «wahnsinnig sind nur neue Strassen»
24.03.2023 Baselbiet, VerkehrBraucht es einen Autobahn-Ausbau, wie das der Bund in der Region Basel plant? Florian Schreier (VCS) und Christian Greier (VCS) und Christian Greif (ACS) im Streitgespräch
David Thommen
Herr Schreier, mit einigen Projekten für den Ausbau der ...
Braucht es einen Autobahn-Ausbau, wie das der Bund in der Region Basel plant? Florian Schreier (VCS) und Christian Greier (VCS) und Christian Greif (ACS) im Streitgespräch
David Thommen
Herr Schreier, mit einigen Projekten für den Ausbau der Autobahnen soll es in der Region Basel vorwärtsgehen: Mit der N18 durchs Laufental, mit dem Rheintunnel bei Basel und dem Spurausbau bei Augst auf der A2. Das sind alles Stauschwerpunkte, richtig?
Florian Schreier (VCS): Ich bestreite das nicht.
Christian Greif (ACS): Das lässt sich ja auch nicht bestreiten. Und es ist kein Wunder: Die Schweiz hat das Nationalstrassennetz irgendwann um 1960 herum geplant und fertig gebaut wurde es bis heute nicht. Seit damals hat sich der Verkehr auf den Nationalstrassen verfünffacht! Und die Bevölkerungszahl ist stark gewachsen, wir sind heute bei 9 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern. Unsere Verkehrsinfrastruktur hinkt daher restlos hinter der Realität hinterher. Wer auch nur leicht in die Zukunft blickt, der weiss: Wir werden neue Verkehrsinfrastrukturen brauchen.
Herr Schreier, der VCS hat sich vehement gegen diese Autobahn-Projekte ausgesprochen.
Schreier: Der grosse Unterschied zwischen Herrn Greif und mir ist, dass ich unter Verkehr nicht nur Autos verstehe. Der ACS hat da einen einseitigen Fokus, doch Verkehr ist mehr. Der öV, Fussgänger und Velos gehören ebenfalls dazu. Wenn die Nationalstrassen nun noch weiter ausgebaut werden, führt das dazu, dass zusätzlicher Autoverkehr erzeugt wird. Das wiederum führt an vielen anderen Stellen zu neuen Problemen. Man kann heute nicht im Sinne der 1960er-Jahre weitermachen und so tun, als hätten wir seither nichts gelernt.
Strassenraum fehlt Ihrer Meinung nach also trotz unbestrittener Stauproblematik nicht?
Schreier: Nein. Der Punkt ist: Staus haben wir am Morgen und am Abend zu den Spitzenzeiten. Das ist dann, wenn alle alleine in ihrem Auto sitzen und zur Arbeit wollen oder von der Arbeit kommen. Die Autos sind extrem schlecht ausgelastet, hier gibt es eine enorme Ineffizienz. Jetzt will man probieren, die Strassen auf diese Maximalbelastung auszubauen. Das ist sinnlos. Man muss akzeptieren, dass es zu Spitzenzeiten einmal stocken kann. Auch auf den Bahnhöfen gibt es am Morgen ein Gedränge, das ist doch normal.
Sie haben also kein Mitleid mit denen, die im Stau stehen?
Schreier: Nicht, solange alle allein im Auto sitzen. Wenn ich am Morgen in den Zug steige, habe ich auch nicht die Erwartung, dass mir die SBB ein Viererabteil für mich alleine zur Verfügung stellen. Auf der Strasse scheint dieser Anspruch zu bestehen.
Greif: Viele sind auf das Auto angewiesen. 2021 hatten wir in der Schweiz auf dem Nationalstrassennetz mehr als 32 000 Staustunden – 90 Prozent davon ausschliesslich wegen Überlastung. Das sind mehr als vier Jahre Stau, was ein ökonomischer und ökologischer Blödsinn ist. Da verpufft sinnlos viel Treibstoff, was auch der Umwelt schadet. Hier verstehe ich den VCS nicht.
Schreier: Wir sollten heute nicht noch mehr in den Autoverkehr investieren, der nachweislich sehr umweltschädlich ist.Wir haben ein 1,5-Grad-Ziel, das der Kanton Baselland verpflichtend eingegangen ist. Wir werden das aber nie erreichen, wenn wir munter weiter Strassen bauen. Auch wegen der Lebensqualität müssen wir darauf verzichten: Autos sind gefährlich in den Wohnquartieren, verursachen Lärm und so weiter. Wir müssen umdenken. Es gibt mehr als nur Autos und Strassen …
Greif: Ich muss widersprechen. Autos waren früher einmal umweltschädlich, heute sind sie es nicht mehr. Wir haben im Moment nur noch die CO2-Problematik, damit hat es sich aber auch.
Schreier: Und Lärm? Gefahr? Und Stickstoff? Ist Ihnen der Dieselskandal ein Begriff, Herr Greif?
Greif: Gefahr? Nie war der Autoverkehr sichererer, schauen Sie einmal die Unfallstatistik an! Und mit den Abgasen haben wir kein Problem mehr. Wir haben in der Schweiz die weltweit strengsten Grenzwerte und die werden in der Region nur noch an zwei Messstellen in Basel selten knapp überschritten. Stickstoff ist so gut wie kein Thema mehr. Und die CO2-Problematik wird mit der Dekarbonisierung ebenfalls bald keines mehr sein.
Schreier: Das ist eine sehr verkürzte Sichtweise…
Greif: Nein, ein Fakt!
Schreier: Die E-Autos lösen das Problem nicht. Schwere Elektroautos, wie sie heute stark verkauft werden, sind nach 200 000 Kilometern in der Bilanz nicht besser als leichte Benzinfahrzeuge. Batterien und so weiter sind in der Herstellung so aufwendig, dass das CO2-Problem nicht kleiner wird.
Greif: Das ist einfach falsch! Moderne E-Autos sind pro Personenkilometer sogar energieeffizienter als die Bahn …
Schreier: Diese Behauptung stimmt nicht. Selbst der TCS bestätigt, dass der Bau von E-Autos enorme CO2-Mengen verursacht. Wir können uns das nicht mehr erlauben. Damit können wir die Klimakrise nicht aufhalten.
Greif: Das mit dem Aufhalten der Klimakrise ist eine Lachnummer! Sie verlieren die Grössenordnungen komplett aus den Augen! Die Schweiz emittiert weniger als 1 Promille des weltweiten CO2-Ausstosses. Wenn die beiden Basel das Gefühl haben, dass sie einen Einfluss auf das Klima haben, dann …
Schereier: Dann sollen wir also einfach nichts machen?
Greif: Das sage ich nicht. Aber Sie tun gerade so, als ob Sie mit Ihren Vorschlägen die Welt retten könnten.
Schreier: Die Autolobby hat in dieser Frage null Glaubwürdigkeit. Seit Jahrzehnten will sie uns weismachen, dass alles gut wird. Jetzt kommt sie mit den E-Autos, früher pries sie die Dieselautos als sauber an. Die Autolobby hat jahrzehntelang verhindert, dass wir Lösungen für die Umwelt finden. Jetzt behauptet sie, dass die Autos bis 2050 CO2-neutral sein werden. 2050 wird es dann heissen, dass es bestimmt bis 2070 klappt …
Greif: Die Klimastrategie des Kantons Baselland zeigt auf, dass wir auf dem Reduktionspfad sind und der motorisierte Verkehr die Klimaziele bis 2050 erreichen wird. Und dieses Strategiepapier hat weiss Gott nicht der ACS gemacht.
Schreier: Man könnte es aber fast meinen. Die Modelle hinter dieser Strategie sind fragwürdig. Eine wichtige Annahme darin ist, dass der Autoverkehr bereits bis 2030 um 2 Prozent zurückgeht. Das ist ja herzig, aber das ist reines Wunschdenken! Es ist heute schon klar, dass das Reduktionsziel dann bald nach hinten geschoben werden muss. Das ist eine Taktik, welche die fossile Autolobby schon seit Jahrzehnten verfolgt. Konstruktives zum Klima kommt von der Autolobby nie. Und jetzt hat sie mit Albert Rösti auch noch einen Vertreter im Bundesrat.
Greif: Herr Schreier, könnten wir jetzt endlich über Fakten sprechen? Tatsache ist, dass die Schweiz in den vergangenen 20 Jahren die CO2-Emissionen um 20 Prozent reduziert hat. Auch der Verkehr hat seine Ziele zumindest fast erreicht.
Hat sich die CO2-Diskussion nicht bald sowieso erübrigt? Es ist absehbar, dass die Elektroautos die Diesel und Benziner ablösen werden.
Greif: Ganz so schnell wird es nicht gehen. Wir werden es nicht schaffen, die vielleicht 350 Millionen Autos in Europa bis 2035 alle auf Elektromotor umzustellen. Das wäre ökologisch auch alles andere als sinnvoll. Die Entwicklung geht heute aber in die richtige Richtung: Bis 2025 werden die Hälfe aller Neufahrzeuge Elektrofahrzeuge sein. Für den restlichen Bestand werden CO2-neutrale synthetische Treibstoffe kommen – sogenannte Synfuels, die aus CO2, Wasser und Sonnenstrom produziert werden. Die Produktion läuft beispielsweise in Spanien im grossen Massstab an.
Schreier: Das Problem mit diesen synthetischen Treibstoffen ist, dass sie einen schlechten Wirkungsgrad haben. Es bleibt dabei, dass das Auto insgesamt unglaublich ineffizient ist. Schauen Sie: Wenn ich alleine mit dem Auto zur Arbeit fahre, bewege ich 1200 Kilo oder mehr Material. Ein Velo hat vielleicht 12 Kilo und ist damit unglaublich viel ressourcenschonender. Die Statistik zeigt, dass der grösste Teil der Autofahrten weniger als 5 Kilometer beträgt. Dafür kann man in den meisten Fällen problemlos das Velo oder das E-Bike nehmen. Ineffizient ist das Auto auch, was den Platzbedarf betrifft: Ein einziges parkiertes Auto beansprucht eine Fläche, auf der man gut zehn Velos abstellen könnte! Und das mit der Ineffizienz geht viel weiter: Wegen der Autos sind in vielen Dörfern und Quartieren die Läden verschwunden und man muss fürs Einkaufen heute viel zu viel Energie und Zeit aufwenden, um ins nächste Einkaufszentrum zu kommen. Für die Einkaufszentren sind zudem viele grüne Wiesen überbaut worden. Das Dorfleben hingegen verarmt.
Zurück in die Vergangenheit?
Schreier: Noch bis in den 1960ern und 1970ern hat das Modell mit den Läden in den Dörfern bestens funktioniert – fragen Sie die Menschen, die das noch erlebt haben. Die Lebensqualität war diesbezüglich höher.
Greif: Sie sprechen von Ineffizienz und blenden wieder die Fakten aus. In einem Auto sitzen im Durchschnitt 1,6 Personen, das entspricht einer Auslastung von 30 Prozent. Die SBB kommen beim überregionalen Verkehr auf die genau gleiche Auslastung, im Regionalverkehr beträgt sie hingegen nur 20 Prozent. Dass das Velo effizient ist, ist unbestritten, auch ich bin begeisterter Velofahrer, doch das Velo ist nicht für alles die Lösung. Und wir brauchen nicht irgendwelche Ideologen, die der Bevölkerung in unserer Demokratie vorschreiben wollen, wie man sich fortzubewegen hat. Ein Blick auf die Wirklichkeit: In der Schweiz werden pro Jahr 110 Milliarden Personenkilometer zurückgelegt. Mehr als drei Viertel der Verkehrsleistung wird motorisiert auf der Strasse erbracht. Dieser Anteil ist seit 30 Jahren konstant – trotz der Abermilliarden, die in den öV investiert worden sind.
Schreier: Das ist kein Wunder, da auch ungeheure Summen in den Strassenverkehr gesteckt worden sind.
Greif: Das Auto ist halt immer noch das Feindbild aller Linken. Doch dazu taugt es nicht mehr: Der Autoverkehr ist viel sicherer geworden, die Unfallzahlen sind im Vergleich etwa zu den 1970er-Jahren extrem zurückgegangen, und mit der Dekarbonisierung, der Elektrifizierung und der Automatisierung im Strassenverkehr wird die Energieeffizienz nochmals steigen. Es gibt heute keinen Grund mehr, gegen das Auto zu sein. Ich sage Ihnen sogar: Das Auto hat eine wahnsinnige Zukunft vor sich!
Schreier: Wahnsinnig ist es nur, wenn man glaubt, dass man weitermachen kann wie bisher. Ich nehme Sie, Herr Greif, gerne einmal mit nach Kopenhagen, das würde Ihnen gefallen. Dort war der öV bislang noch schwach. Wohl genau deshalb sind in der Stadt mittlerweile unglaublich viele Velofahrerinnen und Velofahrer unterwegs. Man hat gemerkt, dass man gar nicht genügend Platz hat, damit jeder sein Auto vor seiner Wohnung abstellen kann. Bei uns im Baselbiet fehlt diese Einsicht noch. Wenn ich ein Wohnhaus baue, wird mir unverständlicherweise nach wie vor vorgeschrieben, dass ich eine gewisse Anzahl Parkplätze bauen muss. Schauen Sie die geplante umweltfreundliche «Kordia»-Überbauung in Sissach an: Die wollen überhaupt nicht so viele Parkplätze, werden aber zum Bau gezwungen! Selbst wenn man gar kein Auto will, wird man förmlich dazu eingeladen, eines anzuschaffen. Zwar wurde die Parkplatzvorschrift im Baselbiet nun leicht reduziert, aber viel zu wenig. Man hätte das total liberalisieren können. Aber hier macht sich nach wie vor der Einfluss der Baselbieter Politik bemerkbar, die ihre Hand schützend über den Autoverkehr hält und die Strassenkapazität ausbaut, wo immer es geht.
Greif: So so, dann sagen Sie mir, wo die Kapazität im Kanton Baselland zuletzt ausgebaut wurde. Wo, Herr Schreier?
Schreier: Die A22. Das war ein riesiger Kapazitätsausbau!
Greif: Ach ja? Dabei wissen Sie ganz genau, dass die A22 vor dem Schönthaltunnel jetzt schon komplett überlastet ist. Man ist sogar schon so weit, dass man erwägt, den Verkehr dort zu dosieren, weil es jeden Tag Stau gibt. In den vergangenen 30 Jahren ist für den Strassenverkehr in diesem Kanton kaum etwas gemacht worden. Wir haben die Umfahrung Augst nicht, wir haben den Zubringer Bachgraben nicht und auf den Autobahnen staut es. Und Sie erzählen hier tatsächlich, dass die Politik ihre schützende Hand über den motorisierten Individualverkehr hält. Das ist ein schlechter Witz!
Schreier: Zum Glück kann selbst der Autokanton Baselland nicht alle wilden Forderungen des ACS erfüllen … Nein, wir müssen nun neue Wege beschreiten: Der Verkehr darf nicht mehr das Klima zugrunde richten, es soll weniger Verkehrs- und Sicherheitsprobleme geben.
Greif: Der Begriff «Autokanton Baselland» ist ein Blödsinn, das ist nichts als Ideologie! Baselland hat unter den Schweizer Kantonen am fünftwenigsten Autos pro 1000 Personen. Ein modernes Elektroauto ist heute pro Personenkilometer energieeffizienter und umweltfreundlicher als der öV. Für den VCS ist es einfach ein Problem, dass er das Auto nicht mehr hassen kann, weil es eines der sichersten, effizientesten und natürlich bequemsten Verkehrsmittel ist.
Schreier: Sicher und bequem ist es nur für diejenigen, die drinsitzen, für alle anderen ist es gefährlich, lärmig und hat viele weitere Nachteile mehr. In den Wohnquartieren werden die Menschen von den Autos an den Rand gedrängt, gerade auch die Kinder, die sich nie sicher fühlen können. Und ich verbitte mir die ständige Unterstellungen, dass wir Autos hassen!
Baselland hat heute rund 290 000 Einwohnerinnen und Einwohner, 2050 werden es gemäss Prognosen 320 000 sein. Mehr Einwohner bedeuten noch mehr Verkehr, obwohl wir heute schon viel Stau haben. Ihre Rezepte?
Schreier: Wie gesagt: In Zukunft dürfen nicht mehr vier von fünf Plätzen in den Autos leer sein. Die Rezepte dazu haben wir: Es gibt beispielsweise grosse Pharmakonzerne in Basel, die nicht mehr bedingungslos Parkplätze zur Verfügung stellen. Die Arbeitnehmer müssen sich sinnvoll organisieren. Andere Arbeitgeber setzen ebenfalls aufs Carpooling oder betreiben für ihr Personal sogar eigene Buslinien. Wiederum andere unterstützen die Angestellten bei der Anschaffung eines E-Bikes. Das funktioniert und geht für die Firmen auch ökonomisch auf.
Greif: Herr Schreier will die Menschen bevormunden, aber das funktioniert nicht. Und vor allem sind solche Massnahmen nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Was bringt das? Ein Promille weniger Zuwachs, vielleicht zwei? Schauen Sie auf die tatsächlichen Verkehrsverhältnisse!
Sind solche Initiativen von privaten Firmen tatsächlich mehr als ein Tropfen auf den heissen Stein?
Schreier: Bei der Roche funktioniert es. Mit den neuen Türmen gab es dort im Quartier ungeheuer viel mehr Arbeitsplätze, der Autoverkehr hat aber nur wenig zugenommen.
Stellen Sie sich auch staatlich verordnete Einschränkungen für den Autoverkehr vor?
Schreier: Es braucht Regeln, aber nicht unbedingt einen Zwang. Beispielsweise könnte man Pendler finanziell belohnen, die andere Personen mitnehmen. Und der Kanton muss Infrastrukturen schaffen, die das Umsteigen erleichtern. Beispielsweise Velovorzugsrouten. Sobald es solche gibt, wird man feststellen, dass der Veloverkehr explodiert.
Greif: Seien Sie ehrlich, Herr Schreier, am Ende des Tages wollen Sie den Menschen die Parkplätze wegnehmen und sie damit aufs Velo oder in den öV zwingen. Sie wollen, dass die Menschen nicht mehr selber entscheiden können.
Schreier: Nein. Aber wenn wir mit dem Kapazitätsausbau auf der Strasse so weitermachen, nimmt der Verkehr weiter zu und wir brauchen bald vierspurige Strassen bis in die hintersten Tälchen. Das kann es einfach nicht sein!
Greif: Das will ja auch kein Mensch. Aber gerade weil wir die Nationalstrassen zu wenig ausgebaut haben, gibt es vielerorts eine Rückverlagerung des Verkehrs bis auf die Quartierstrassen. Autobahnen sind äusserst sinnvoll: Sie machen nur gerade 3 Prozent aller Verkehrsflächen aus, es werden aber 40 Prozent der gesamten Verkehrsleistung darauf abgewickelt.
Und wie steht der ACS zum Ausbau des öffentlichen Verkehrs?
Greif: Selbstverständlich sind wir dafür. Wir brauchen insgesamt mehr Infrastrukturen. Beim öV darf man aber nicht übertreiben. Er ist per Definition ein Massentransportmittel; wenn viele Menschen gleichzeitig von Basel nach Zürich wollen, ist der öV die perfekte Lösung. Wir Schweizer sind beim Bahnfahren ohnehin Weltmeister, in keinem anderen Land werden pro Einwohner mehr Kilometer in der Bahn zurückgelegt. Wenn es aber darum geht, auch noch das kleinste Örtchen im Kanton perfekt zu erschliessen, ist das nicht sinnvoll, weil das wegen der geringen Nutzung nicht effizient ist.
Schreier: Der öV ist das Rückgrat der umweltfreundlichen Mobilität in der Region, da können wir noch deutlich mehr tun. Im Baselbiet bestehen Fahrplanlücken, die geschlossen gehören – und das auch in kleinen Dörfern.
Greif: Es ist einfach nicht energieeffizient, einen Bus für nur ganz wenige Fahrgäste in den hintersten «Chrachen» fahren zu lassen. Es steht ansonsten auch allen frei, an einen anderen Ort umzuziehen, wenn einem das Angebot nicht passt.
Schreier: Das ist nicht mein Verständnis. Es gibt viele Menschen, die keinen Zugriff auf ein Auto haben, im Baselbiet beispielsweise jede dritte Frau. Wir dürfen diese Menschen nicht von der Mobilität ausschliessen. Im Gegenteil müssen wir die Zugänglichkeit zum öV noch verbessern, nicht zuletzt auch, was die hohen Tarife anbelangt.
Meine Herren, bitte ein Schlusswort.
Schreier: Wir können in den kommenden zehn oder zwanzig Jahren eine Verkehrszunahme verhindern und eine Transformation hinbekommen. Schauen wir das Beispiel Begegnungszone in Sissach an: Als der Einbahnversuch durchgeführt wurde und der Verkehr abnahm, waren alle glücklich darüber, obwohl es zuvor ein riesiges Tamtam gegeben hat. Es braucht manchmal nicht viel, kleine Schrittchen reichen.
Greif: Das sind reine Wunschvorstellungen. Wir leben in einem Land, in dem die Menschen selber entscheiden können, wie sie unterwegs sein wollen. Ich bin einverstanden, dass wir Velowege und öV vernünftig ausbauen. Man darf sich aber nicht der Illusion hingeben, dass damit ein grosser Wechsel bewirkt wird. Wir brauchen bei weiter wachsender Bevölkerung ohne Wenn und Aber auch zusätzliche Strasseninfrastruktur. Nur das bringt die sinnlosen Staustunden zum Verschwinden.
Die Geschäftsführer
tho. Christian Greif – er erreicht in zwei Monaten das ordentliche Pensionsalter – ist seit 12 Jahren Geschäftsführer des Automobilclubs (ACS) beider Basel, zuvor war er in gleicher Funktion beim TCS tätig. Er wohnt in Muttenz und ist parteilos: «Parteiisch bin ich trotzdem: Ich bin Vertreter einer vernünftigen Mobilität», sagt er.
Florian Schreier (34) ist Geschäftsführer des Verkehrsclubs der Schweiz (VCS) beider Basel seit 2019. Er ist Mitglied der SP und bewirbt sich derzeit um einen Sitz auf der Baselbieter Nationalratsliste. Er wohnt in Birsfelden.
Die «Volksstimme» hat die beiden Protagonisten zum Streitgespräch eingeladen, nachdem der VCS in einem Communiqué den Bund scharf dafür kritisiert hatte, den N18-Abschnitt Basel–Delémont in die Botschaft über die weitere Entwicklung des Nationalstrassennetzes aufzunehmen. In der gleichen Mitteilung wandte sich der VCS mit markigen Worten gegen den Plan eines neuen A2-Rheintunnels bei Birsfelden und Basel sowie gegen den geplanten Spurausbau auf der A2/A3 zwischen der Hagnau und Augst. Tenor im Communiqué: Die Bemühungen zur Bekämpfung des Klimawandels sowie zum «Schutz der Biodiversität und der Gesundheit aller Lebewesen» würden mit solchen Plänen torpediert.
Beim Streitgespräch zwischen Schreier und Greif auf der Redaktion der «Volksstimme» flogen zuweilen die Fetzen – und das während eineinhalb Stunden. Häufig redeten beide in «Arena»-Manier durcheinander. Beide zeigten sich streitlustig im besten Wortsinn: Bei allem lautstarken Streit bleib es im Grunde stets lustig. Wortgefechte endeten nicht selten in Gelächter, beispielsweise, wenn Greif auf ein Votum seines Gegenübers «Sie erzählen einen fertigen Blödsinn, Herrgott nochmal!» ausrief und Schreier gelassen konterte: «Florian Schreier ist mein Name, nicht Herrgott …»
Weniger Tempo, mehr Kapazität
tho. Ist der 2013 eröffnete Schönthaltunnel der A22 beim Eingang auf Prattler Seite zu Stosszeiten bereits restlos überlastet? Diese Aussage macht Christian Greif im Streigespräch auf dieser Seite und spricht von einem möglichen Dosiersystem. Bei der Baselbieter Bau- und Umweltschutzdirektion erklärt man sich für Anfragen zur A22 als nicht zuständig und verweist auf das Bundesamt für Strassen (Astra), in dessen Besitz sich die A22 seit Anfang 2020 befindet. Bei der dortigen Pressestelle heisst es: «Unseres Wissens und unsererseits ist aktuell keine Rampendosierung auf der A22 in Prüfung.» Auch bauliche Massnahmen, um den Verkehrsfluss verbessern zu können, seien nicht in Planung.
Generell sei dem Astra bewusst, dass die Verkehrslast auf den Nationalstrassen im Raum Basel(-Landschaft) sehr hoch sei, heisst es bei der Pressestelle weiter. Daher würden derzeit mehrere Massnahmen umgesetzt. Angeführt wird die Pannenstreifenumnutzung auf der A2/A3 zwischen der Ausfahrt Liestal und Rheinfelden, die Ende April 2023 in Angriff genommen werde. Die neue Fahrspur soll die häufigen Staus bei der Verzweigung von A2 und A3 beseitigen. Zudem werden aktuell die Erneuerung und der Bau eines Systems zur «Geschwindigkeitsharmonisierung und Gefahrenwarnung» (GHGW) zwischen den Verzweigungen Hagnau und Augst umgesetzt. Es hat zum Ziel, den Verkehrsfluss zu verbessern und die Sicherheit zu erhöhen. Das System erfasst die Verkehrssituation mit Sensoren und passt die zulässige Höchstgeschwindigkeit mit elektronischen Signaltafeln an. Bei viel Verkehr wird das Tempo schrittweise gesenkt, um Staus zu vermeiden. Laut Untersuchungen besteht die höchste Kapazität auf Autobahnen, wenn gleichmässig Tempo 80 gefahren wird. Zudem, so das Astra, ist zur Verbesserung des Verkehrsflusses ein Lastwagen-Überholverbot auf der Bölchen-Nordrampe und im Tunnel selber bereits vor einigen Jahren in Kraft gesetzt worden.

