«Fährimaa» mit Hang zum Seelsorger
30.12.2022 Basel, Verkehr, KulturRémy Wirz hat während mehr als 18 Jahren die «Ueli-Fähr en die «Ueli-Fähre» gesteuert
An Silvester steuert der Fährmann Rémy Wirz die «Ueli-Fähre» ein letztes Mal über den «Bach». Die «Volksstimme» hat ihn besucht und erfährt: Ein «Fährimaa» hat viel zu erzählen. Er ...
Rémy Wirz hat während mehr als 18 Jahren die «Ueli-Fähr en die «Ueli-Fähre» gesteuert
An Silvester steuert der Fährmann Rémy Wirz die «Ueli-Fähre» ein letztes Mal über den «Bach». Die «Volksstimme» hat ihn besucht und erfährt: Ein «Fährimaa» hat viel zu erzählen. Er wird fehlen.
Robert Bösiger
Die St.-Johann-Fähre – auch «Ueli-Fähre» genannt – liegt am Steg, der Rhein ist ruhig und stockdunkel wie die Nacht. Ein paar Meter oberhalb steuern vereinzelte Gäste den Gastro-Tempel «roots» an; Küchenchef Pascal Steffen hat sich vor Kurzem den grandiosen zweiten Michelin-Stern erkocht.
Wir treffen uns mit Rémy Wirz (65) auf der Fähre. Wirz, Fährmann seit 18 ½ Jahren, hat sein Schiff dank eines Gasofens wohlig beheizt. Auf dem langen Holztisch breitet er diverse Esswaren und Getränke aus. Wir wollen uns mit ihm über seinen Beruf, sein Befinden und seine Gedanken unterhalten – im Wissen, dass er an Silvester seine letzte Fahrt als «Fährimaa» bestreiten wird.
Damals in den 1960er-Jahren, als er noch die Schulbank gedrückt hat, habe er Tierarzt oder Psychiater werden wollen. Doch Wirz verpasst einen Schulabschluss («Ich bin ein beruflicher Sans-Papier») und macht stattdessen viel anderes: Er verdingt sich drei Jahre im Landdienst, macht eine therapeutische Ausbildung und jobbt bei den damaligen PTT. Er ist ein Dutzend Jahre therapeutisch tätig und führt in Deutschland 15 Jahre lang eine Zimmerei/ Schreinerei. Er heuert zwischendurch in Freiburg, Berlin und Hamburg als Türsteher an und lebt vier Jahre in einem Ashram, einem klosterähnlichen Meditationszentrum. Kurz: Sein Lebenslauf könnte abenteuerlicher kaum sein.
Oberbaselbieter Wurzeln
Bis er am 1. Juli 2004 als frischgebackener Pächter auf der «Ueli-Fähre» steht. Zuvor hat er das Fährifahren beim «Fährimaa» Walter Zimmerli und als zeitweiliger Ablöser auf diversen Basler Fähren gelernt. Unterbrochen von gelegentlichem Funkkontakt mit anderen Schiffern, erzählt uns Rémy, dass seine Wurzeln im Oberbaselbiet liegen. Dass seine Heimatorte in Basel und Rothenfluh liegen, er aber noch nie in Rothenfluh gewesen sei. «Mein Herz ist zerrissen», sinniert er. Stark beeinflusst habe ihn sein Grossvater Eduard Wirz-Bürgin (1891–1970). Dazu sollte man wissen: Eduard Wirz war Lehrer und Lokalhistoriker, Journalist und Schriftsteller. Er besuchte die Bezirksschule Böckten, wurde ab 1919 Lehrer in Riehen und schrieb in seiner Freizeit für die «Basellandschaftliche Zeitung», die «Basler Nachrichten» und – vor allem – für die «Volksstimme» jeden Dienstag die «Inlandumschau». Und die Grossmutter war übrigens eine der sieben Töchter von Schneidermeister Bürgin in Sissach (Schneideratelier Emil Bürgin).
Sein Grossvater sei ihm als bester Freund sehr nahe gewesen, erinnert sich Rémy. Weil dieser Rössli-Stumpen geraucht habe, rauche er selber auch so gerne, allerdings die Selbergedrehten.
Dienen und helfen
Die St.-Johann-Fähre ist und bleibt eben eine Quartierfähre zwischen dem St.-Johann- und dem Matthäusquartier. Doch Rémy beklagt sich nicht. Ganz im Gegenteil: «Das Geldverdienen steht für mich nicht im Vordergrund, sondern mein Dienst an den Fährigästen und der Stadt Basel.» Und: «Auf einer Fähre wird man nicht reich, aber reich an Erfahrung.» (Siehe Interview.) Er könne dafür sich selbst sein. Zudem «habe ich die allerbesten Fahrgäste überhaupt».
Rémy Wirz ist nicht nur «Fährimaa», sondern auch so etwas wie ein Therapeut oder Seelsorger. Denn es kommt oft vor, dass ihm die Leute buchstäblich ihr Herz ausschütten. Diese Vertrautheit bereitet auch ihm Freude, zeigt ihm, dass er von seinen «Fähri»-Freunden respektiert und geliebt wird.
Selbstverständlich hat auch ein «Fährimaa» viel zu erzählen. Zum Beispiel davon, wie er an einem Januartag anno 1980 eine ertrinkende Frau aus den kalten Fluten des Rheins gerettet hat. Damals war er gerade auf Ablöse auf der Klingentalfähre. Rémy berichtet: «Plötzlich habe ich aus allen Richtungen Sirenen gehört und gesehen, wie viel Volk in den Rhein hinabgeschaut hat. Dann habe ich den Punkt gesehen unter der Brücke, der immer wieder aufgetaucht und dann wieder verschwunden ist. Da wusste ich, dass jemand um sein Leben kämpft.» Rémy springt kurzentschlossen ins Wasser, schwimmt zur Person hin, bekommt sie zu fassen, kann sie letztlich retten. «Ich habe mich in einem völlig anderen Zustand befunden», erinnert er sich.
Zum Ruhestand gezwungen
Besonders stolz ist Rémy, dass seine Fähre während den 18 ½ Jahren komplett unfallfrei geblieben ist. Bloss er selber sei einmal verunfallt, als er bei Hochwasser bei einem Landemanöver einmal durch einen Schwengelschlag heftig verletzt wurde. «Da habe ich wahnsinnig Glück gehabt», erzählt er. Aber bei ihm auf der «Ueli-Fähre» habe stets gegolten: Sicherheit vor Pünklichkeit.
Handkehrum bezeichnet sich Wirz als Chaoten, vor allem, was das Administrative anbelange. So sei es tatsächlich vorgekommen, dass er hie und da unpünktlich auf der Fähre erschienen sei oder etwas vergessen habe. Dies hätten ihm seine Gäste – er bezeichnet sie als seine «Fähri-Freunde» – aber nie wirklich nachgetragen.
Etwas, was auf seiner Fähre auch immer Gesetz war: alle Menschen sind gleich wichtig. Auch dann, wenn sich zuweilen Prominenz (etwa Lionel Richie mit Moritz Suter) oder ein wichtiger Politiker (Regierungspräsident Beat Jans) oder Wirtschaftsmann (Jacques Herzog) auf die Fähre verirren. Wirz: «Die geniessen es, dass ich alle gleich behandle.»
Auf die Frage nach seiner Zukunft berichtet uns der «Fährimaa» mit dem markanten Bart davon, dass ihn der Stiftungsrat quasi in den Ruhestand abgeschoben hat. Dies, obwohl er sehr gerne unter einem neuen Pächter ab 2023 zumindest weiterhin und temporär als Ablöser hätte arbeiten wollen. Wir spüren: Es schmerzt ihn sehr, so behandelt zu werden, obwohl er sich handkehrum in den vergangenen Wochen und Monaten mit dem Umstand auch etwas hat anfreunden können. Denn er hat sich zur Aufgabe gemacht, sich fortan auf die Pflege seiner betagten und kranken Mutter (89) zu fokussieren, mit der er im selben Haus lebt. Ein «Fährimaa» ist eben dazu da, da zu sein für andere Menschen.
Bei unserem Besuch auf der «Ueli-Fähre» sind wir berührt und beeindruckt von der aussergewöhnlichen Sozialkompetenz und Liebenswürdigkeit von Rémy Wirz, aber auch davon, wie offen und ehrlich er uns Rede und Antwort steht (siehe Interview). Gleichzeitig können wir auch gemeinsam lachen. Zum Beispiel, wenn er auf unsere Frage, ob er nicht ein «Fährimaa»-Lied kenne, schmunzelnd singt: «Und wett emol ein nid zahle, denn schloot er gar kei Krach. Er packt en halt am Chraage und tunggt en rasch in Bach… – dr Fäährimaa, dr Fäährimaa…»
Lieber Rémy, eine gute Fahrt im 2023!