MEINE WELT
30.12.2022 RegionZusammen
«Ich verstehe das einfach nicht!», kopfschüttelt Kollege K. B. aus L. wegen der am Wegrand liegenden Robidog-Säckli. Auf ihn wirken sie wie aus dem Auto geschleuderte PET-Flaschen. Als ich ihm erkläre, dass die Säckli nur deponiert ...
Zusammen
«Ich verstehe das einfach nicht!», kopfschüttelt Kollege K. B. aus L. wegen der am Wegrand liegenden Robidog-Säckli. Auf ihn wirken sie wie aus dem Auto geschleuderte PET-Flaschen. Als ich ihm erkläre, dass die Säckli nur deponiert sind, damit sie nicht eine Stunde lang aus der Jackentasche in die Nase müffeln, auf dem Rückweg jedoch aufgeklaubt und entsorgt werden, schlägt er sich mit der flachen Hand an die Stirn. Ich stelle fest: Sogar K. B. , einer der verständnisvollsten Menschen, die ich kenne (siehe meine Kolumne vom 9. Dezember 2016), geht offenbar automatisch von der Schlechtheit seiner Zeitgenossen aus. Was ist bloss los mit uns?
Rückblende: Vor wenigen Zehntausend Jahren durchstreiften unsere Vorfahren eine Megafauna mit Raubtieren, die einen Homo sapiens locker zum Zmorge verspeisten. Gemäss Forscher und Historiker Yuval Harari gelang es uns, den Spiess umzudrehen, indem wir auf hohem Level kommunizierten und kooperierten. Kooperation hat uns innert weniger Tausend Jahre zuerst zu sesshaften Landwirten und später zu Treibern der industriellen Revolution gemacht. Aktuell stehen wir an der Pforte, zum Hyper-Individualisten Homo digitalis zu werden.
Klar, die Kooperation funktioniert noch: in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik. Aber kaum zwischen Individuen im komplexen Dschungel des Alltags. Der Einzelne versteht sich immer weniger als Teil eines grossen Ganzen, dem es sich auch einmal unterzuordnen gilt, sondern als Zentralgestirn mit ultimativen Ansprüchen an seine Trabanten. Entsprechend geht unsere Kooperationsbereitschaft, die unmoderne Dinge wie Altruismus und Kompromissbereitschaft beinhaltet, flöten. Bald pfeift jeder seine eigene Melodie, die Kakofonie wird ohrenbetäubend.
Gerade stiehlt sich die Lust, Seinesgleichen zu pflegen oder gar zu bedienen, vor aller Augen aus der Weltgeschichte. Denn wo fehlen oder erodieren die Arbeitskräfte? Dort, wo man intensiv mit anderen Menschen in Kontakt ist: Pflege, Polizei, Pädagogik, Gastronomie. Als empathisches Kontrastprogramm bunkern wir uns abends ein und streamen Serien und Filme, in denen wir den Protagonisten (trotz meist zweifelhafter charakterlicher Eigenschaften) bedingungslose Neugier, Sympathie und Faszination entgegenbringen – während für die leibhaftigen Nachbarn davon fast nichts übrig bleibt.
Dabei wären gerade unsere gegenwärtigen Herausforderungen immens. Stichworte: Klima und Biodiversität. Und wir haben durchaus noch eine Chance, dem schleichenden Zerfall Einhalt zu gebieten. Das Zauberwort wäre eben: Kooperation. Wieder mehr «zusammen»! Mehr Rücksicht, Entgegenkommen, Hilfsbereitschaft, Verständnis und Geduld füreinander.
Das wünsche ich uns allen fürs 2023.
Patrick Moser (48) ist ehemaliger Redaktor der «Volksstimme», heute Primarlehrer im Kanton Aargau und wohnt mit seiner Familie in Anwil. Er ist Sänger und Gitarrist von «Lion Minds» und betreibt einen Bild-Text-Musik-Blog (www.violettleu.weebly.com).

