Keine Wundermittel gegen Spätfröste
31.05.2022 Bezirk Sissach, WintersingenBreitenhoftagung im Zeichen der Klimaerwärmung
An der Fachtagung von Agroscope nahmen die Massnahmen, wie die durch Spätfröste verursachten Schäden an den Kulturen gemindert werden können, breiten Raum ein. Den Obstproduzentinnen und -produzenten wird empfohlen, sich beraten zu lassen, ...
Breitenhoftagung im Zeichen der Klimaerwärmung
An der Fachtagung von Agroscope nahmen die Massnahmen, wie die durch Spätfröste verursachten Schäden an den Kulturen gemindert werden können, breiten Raum ein. Den Obstproduzentinnen und -produzenten wird empfohlen, sich beraten zu lassen, bevor sie kostspielige Investitionen tätigen.
Otto Graf
Die Klimaerwärmung bewirkt, dass das Wachstum der Vegetation jahreszeitlich früher einsetzt. Wie an der Breitenhoftagung von Agroscope in Wintersingen am Samstag zu erfahren war, hat sich der Zeitpunkt der Blüte der landwirtschaftlichen Kulturen in den vergangenen 100 Jahren um etwa einen Monat gegen den Jahresanfang verschoben. Kaum verändert haben sich im Kalender jedoch die gefürchteten Spätfröste. So fiel heuer am 4. April auf dem Breitenhof die Temperatur auf -7,5 Grad Celsius, was in der dortigen Aprikosenkultur zu einem totalen Ernteausfall führte.
Stark gelitten haben auch die frühen Kirschensorten. Andererseits präsentierte sich die Kalte Sophie am 15. Mai, im Volksmund der späteste Frosttag, als heisse Frau. Kurz darauf stiegen die Temperaturen in der Schweiz stellenweise über 30 Grad, gefolgt von einer kühleren Periode bis Ende des Monats.
Mehrere Faktoren
Auf dem Betriebsrundgang der landwirtschaftlichen Fachtagung, die auch für nichtbäuerliche Kreise interessant ist, setzte sich Daniel Neuwald vom Kompetenzzentrum Obstbau Bodensee eingehend mit der Frostbekämpfung und präventiven Massnahmen zum Schutz der Kulturen durch die Kälte auseinander.
Der Referent verwies einleitend auf die physikalischen Begebenheiten mit den Faktoren Wind, Wärmeabstrahlung und Verdunstungskälte. Um die kältebedingten Schäden an den Pflanzen zu begrenzen, empfahl Neuwald, auf dem Boden das Abstrahlen der tagsüber gespeicherten Wärme zu optimieren, etwa mit einer möglichst hohen Sonneneinstrahlung. Wesentlich effizienter, aber auch kostspieliger, rechnete er vor, seien technische Massnahmen, sei es durch Abdecken der Anlagen mit Folien, um die Wärmeabstrahlung zu vermindern, oder durch Windmaschinen das Bilden eines Kaltluftsees über dem Boden zu vermeiden. Weit verbreitet sind Kerzen, die sich als Sofortmassnahme einsetzen lassen, während für die Beregnungssysteme eine lange Planung und eine aufwendige technische Installation erforderlich sind. Das alles geht ins Geld und verursacht, je nach Methode, mehr oder weniger Personalaufwand.
Risiko nicht vorhersehbar
Wichtig, so Neuwald, sei auch der Zeitpunkt, wann mit dem Heizen, Beregnen oder Ventilieren begonnen wird und wie lange diese Phase dauert, um überflüssige Massnahmen zu vermeiden. Bei Hagel- und Foliendächern bestehe ausserdem die Gefahr, dass die Last von Nassschnee die Abstützungen zum Einsturz bringen könnte. «Alle Systeme sind mit Vorund Nachteilen behaftet und ein Wundermittel gegen Frostschäden gibt es nicht», hielt der Referent fest. Und der Boden mit der tagsüber gespeicherten Sonnenenergie sei in kritischen Nächten die einzige natürliche Wärmequelle. Schliesslich seien die Art der zu schützenden Kulturen, die Betriebsgrösse sowie die jährlich anfallenden Kosten zu berücksichtigen. Die hohe Variabilität des Wetters bewirke, dass die Prognosen über ein künftiges Schadenrisiko sehr unsicher sind.
Gewisse Anhaltspunkte, sagte Neuwald, liefere eine von der Technischen Universität Lissabon entwickelte Kosteneffizienzanalyse, die unter anderem die Wetterdaten der vergangenen Jahrzehnte enthält. Den Produzentinnen und Produzenten empfahl er, sich an Fachstellen zu wenden, bevor kostspielige Investitionen getätigt werden.
Die Breitenhoftagung befasste sich ausserdem mit dem innovativen Pflanzenschutz bei Kirschen, den Anbaumethoden von Zwetschgenanlagen sowie mit Aktualitäten in der Schweizer Steinobstproduktion und -vermarktung.