HERZBLUT
31.05.2022 GesellschaftVergiftet
Wer sich heute im Kreuzfahrtschiff in die Wogen der Weltmeere wirft, beweist weit weniger Wagemut als ich kürzlich. Auf unserer Weinreise, als Rheinreisen getarnt, steigt mit jeder Seemeile, mit der wir uns dem Heimhafen in Basel nähern, die Gefahr, dass ...
Vergiftet
Wer sich heute im Kreuzfahrtschiff in die Wogen der Weltmeere wirft, beweist weit weniger Wagemut als ich kürzlich. Auf unserer Weinreise, als Rheinreisen getarnt, steigt mit jeder Seemeile, mit der wir uns dem Heimhafen in Basel nähern, die Gefahr, dass das Schiff in der nächsten Schleuse auf Grund bleibt, während das Wasser steigt. Ich sehe uns bereits auf dem Bug «My heart will go on» schmettern und höre die Loreley lallen. Deshalb schnell der Griff zur Hand der besten Ehefrau von allen (um wieder mal bei Kolumnen-Kaiser Kishon abzukupfern), aber sich ja nichts anmerken lassen.
Wenn ich an all das feine, unwiderstehliche Essen denke, das uns von der Bordküche rund um die Uhr angeboten wird, sowie an die quellenden Zusatzpfunde auf den Rippen und diese mit der Anzahl Passagiere multipliziere, so grenzt es an ein Wunder, dass uns die Wellen nicht einfach so gnadenlos schlucken wie Schillers bedauernswerten Taucher.
Das beste Gegenmittel, um dem eigenen Übergewicht an den Speck zu gehen: Ich lese vergiftet Krimis. Wenn die Autorin oder in diesem Fall der Autor Verstrickungen und Komplotte schmiedet, regt dies meine Fantasie an. Die vier Personen am Nebentisch, ein Ehepaar sowie eine bereits ältere Mutter mit ihrer Tochter, werden neu getauft. Er, der stämmige Innerschweizer, nennt sich Hubert, seine Frau heisst Sandy; die Tochter wird mit Mechthilde bestraft, die Mutter sei Trudi. Am ersten Abend wird abgetastet, am zweiten sind die vier bereits beim Du.
Ein kurzer Blickwechsel zwischen Hubert und Mechthilde verrät mir aber, dass sich die beiden längst kennen und das «zufällige» Zusammenkommen von ihnen gesteuert wurde, indem sie den zuständigen Kellner – jung, sportlich, 1,91 – bestochen haben (weil sie von seinem Techtelmechtel mit der Frau des Kapitäns wussten). Mama Trudi wollte auf der Reise offiziell den Tod ihres Ehemanns verarbeiten, aber in Wahrheit als lustige Witwe einen Mini-Anteil seines Vermögens verprassen, das er, ein alter, in die Schweiz geflohener Nazi, mit verkaufter Raubkunst anhäufte. Die Bilder hängen zwecks Lokalkolorit in Basel.
Auf seine Millionen schielen aber auch Mechthild und Hubert. Sandy, ständig am Handy und flüssiger wie fester Feinkost nicht abgeneigt, wird deshalb von Hubert nach dem Abschluss-Dinner zu einem romantischen Tête-à-Tête auf Deck aufgefordert und dort in die dunklen Fluten befördert; und dass es unten Witwe Trudi etwas schlecht wird, liegt nicht am Wellengang, wie alle beschwichtigen, sondern an den Tagesrationen Gift in der Schwarzwäldertorte. Gegen meinen Doppelmord auf dem Rhein, den ich gleich selber aufklären werde, ist Agatha Christies «Tod auf dem Nil» seicht.
«Darf es zum Dessert wieder etwas Käse sein?», unterbricht mich der Kellner. Aus dem Augenwinkel bemerke ich sein Zwinkern zur angeblich besten Ehefrau, die mir eben einen nächtlichen Spaziergang auf Deck vorgeschlagen hat. Ich täusche Magenprobleme vor und lehne dankend ab. Mag sein, dass ich eine Spur zu misstrauisch bin. Aber ich nehme so wenigstens nicht zu.
Jürg Gohl, Autor «Volksstimme»


