Logistik muss angepasst werden
29.04.2022 Baselbiet, Gemeinden, GesellschaftErhöhte Aufnahmequote für Asylsuchende ist eine Herausforderung
Die Baselbieter Regierung hat auf die steigende Zahl von ukrainischen Geflüchteten reagiert und die Aufnahmequote für Asylsuchende von jetzt 1,4 auf 2,6 Prozent der jeweiligen Wohnbevölkerung in den Gemeinden erhöht. ...
Erhöhte Aufnahmequote für Asylsuchende ist eine Herausforderung
Die Baselbieter Regierung hat auf die steigende Zahl von ukrainischen Geflüchteten reagiert und die Aufnahmequote für Asylsuchende von jetzt 1,4 auf 2,6 Prozent der jeweiligen Wohnbevölkerung in den Gemeinden erhöht. Diese sind gezwungen, ihre Logistik anzupassen.
Sander van Riemsdijk
Dem Baselbiet sind innert kürzester Zeit etwa 1600 Personen aus der Ukraine mit Schutzstatus S zugewiesen worden. Dabei ist unbekannt, wie viele Geflüchtete sich im Kanton aufhalten, die sich noch nicht haben registrieren lassen.
Damit der Kanton trotz der grossen Zunahme weiterhin handlungsfähig bleiben kann, sieht er sich gezwungen, die Aufnahmequote von bisher 1,4 Prozent der Wohnbevölkerung der Gemeinden auf neu 2,6 Prozent zu erhöhen. Dies, um den aktuellen Gegebenheiten gerecht zu werden, Engpässe zu vermeiden und eine Reserve sicherzustellen, wie er verlauten lässt. Umgerechnet in Zahlen bedeutet dies, dass die Anzahl ukrainischer Flüchtlinge auf 3000 Personen anwachsen könnte. Befanden sich Ende 2021 3400 Asylsuchende im Baselbiet, erwartet der Kanton, dass das gesamte Volumen dieses Jahr auf 7100 anwachsen könnte. Die Aufnahmequote ist in den meisten Gemeinden schon heute erreicht beziehungsweise überschritten. Nur im Bezirk Sissach mit 1,2 Prozent liegt sie noch etwas unter der ursprünglich festgelegten Aufnahmequote von 1,4 Prozent.
Logistische Herausforderung
Die Erhöhung der Quote kommt zwar nicht unerwartet, bedeutet für die Oberbaselbieter Gemeinden jedoch unter Umständen eine grosse logistische Herausforderung. «Wir benötigen mit einer jetzigen Quote von 1,57 Prozent, Tendenz steigend, mehr Ressourcen in personeller und finanzieller Hinsicht», sagt der Lausner Gemeindepräsident Peter Aerni. In Gelterkinden mit einer Quote von 1,74 (Stand 22. April) rechnet man mit einer erheblichen Budget-Belastung.
Der Gelterkinder Gemeinderat Thomas Persson sieht die Flüchtlingssituation für seine Gemeinde als «eine neue und belastende Situation». Und er fügt an: «Die Arbeitsbelastung der Sozialen Dienste war schon hoch, jetzt ist sie noch zusätzlich gewachsen.» Es gehe nicht nur darum, dass die neu angekommenen Flüchtlinge ein Dach über dem Kopf haben. «Da diese Menschen unmittelbar aus einem Krieg zu uns kommen, stellen sich viele Fragen zu psychischer Gesundheit, Krankenversicherung, finanzieller Unterstützung, Eröffnung eines Kontos oder zu möglichen Arbeitsplätzen und so weiter.»
Diese Fragen stellt sich auch die Gemeinde Oberdorf. «Irgendwann ist die Betreuungskapazität mal ausgeschöpft», sagt Gemeindepräsident Piero Grumelli, «auch weil man nicht weiss, wie viele Flüchtlinge noch kommen.» Problematisch werde es bei einem grösseren Zulauf für den zuständigen Sozialdienst, die Unterbringungen zu organisieren. «Allenfalls müssten wir eine Stelle ausschreiben, um diesen Zulauf dann bewältigen zu können», so Grumelli.
Mit dieser Problematik wird auch die Gemeinde Ormalingen konfrontiert, wo Esther Kilchmann, Präsidentin der Sozialhilfebehörde, davon ausgeht, dass die persönliche Betreuung der Flüchtlinge allenfalls eine personelle Aufstockung um 150 Stellenprozente erfordern könnte.
Wohnraum ist ein knappes Gut
Da (bezahlbarer) Wohnraum ein knappes Gut ist, gleicht die kurzfristige Suche nach Unterbringungsmöglichkeiten für die Flüchtlinge in den Gemeinden einer Herkulesaufgabe. In Lausen sind die ukrainischen Flüchtlinge zu zwei Dritteln bei Privaten und zu einem Drittel in Wohnungen untergebracht, in Gelterkinden weitgehend bei Gastfamilien. In Oberdorf gibt es noch Unterbringungsmöglichkeiten in Form von Wohnungen, wie Grumelli berichtet. Unterdessen beherbergt das Dorf drei Familien.
In Ormalingen stehen zwei Wohnungen zur Verfügung, bei einer markanten Zunahme müsste jedoch auf den Raum oberhalb des Feuerwehrmagazins ausgewichen werden, im schlimmsten Fall sogar auf die Turnhalle oder die Zivilschutzanlage. «Aber dies wirklich im äussersten Notfall», sagt Esther Kilchmann. Sie rechnet zudem saisonbedingt – im Sommer kommen in der Regel noch Flüchtlinge aus anderen Ländern dazu – bald mit noch mehr hilfsbedürftigen Menschen.
Es ist davon auszugehen, dass der Flüchtlingsstrom aus der Ukraine nicht abbrechen und der Druck auf die Gemeinden dadurch steigen wird. In Gelterkinden ist man darauf vorbereitet. Thomas Persson erläutert: «Die Verwaltung klärt verschiedene Varianten ab, damit wir bereit sind, wenn uns neue Flüchtlinge zugewiesen würden.» Er verknüpft diese logistische Zusatzaufgabe mit der Erwartung an den Kanton, dass dieser die Flüchtlinge so auf die Gemeinden verteilt, dass sich die Aufnahmequoten angleichen. «Diese unterscheiden sich im Moment noch stark. Alle müssen mithelfen, kleine und grosse Gemeinden.»
So berichtet Gemeinderätin Franziska Wehrlin in Anwil, dass ihrer Gemeinde zwar noch keine Flüchtlinge zugewiesen worden sind, «sich unterdessen jedoch zwei Familien bereit erklärt haben, solche aufzunehmen». Für Lausen liegt die Schmerzgrenze für weitere Aufnahmen zwar bei der vorgeschriebenen Quote von 2,6 Prozent, trotzdem sieht man dem erwarteten Zustrom gelassen entgegen. «Aber schauen wir dann, wie es weitergeht», so Peter Aerni. Mit dieser Planungsunsicherheit werden die Gemeinden vorläufig noch leben müssen.
Betreuungsangebot für Gastfamilien
svr. Für Gastfamilien in Konfliktfällen steht seit Montag, 25. April, das telefonische Betreuungsangebot des Roten Kreuzes Baselland zur Verfügung. Die Nummer der Anlauf- und Beratungsstelle lautet 061 905 82 91. Die Sprechzeiten sind jeweils Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag von 8.30 bis 10.30 Uhr. Weiter sind Austauschtreffen für Gastfamilien geplant, die durch Fachpersonen begleitet werden.