Der Meister wollte es noch einmal wissen
01.04.2022 Bezirk Sissach, Wirtschaft, Kultur, SissachEin Besuch im Geigenbauatelier von Michael Bosshart
Vom Geigenbauer wurde Michael Bosshart immer mehr zum Reparateur von Geigenbögen. Die Pandemie hat den Meister aber vorübergehend wieder zum gelernten Kunsthandwerk zurückgeführt. Er fertigte zwei Geigen und einen Bildband über diese ...
Ein Besuch im Geigenbauatelier von Michael Bosshart
Vom Geigenbauer wurde Michael Bosshart immer mehr zum Reparateur von Geigenbögen. Die Pandemie hat den Meister aber vorübergehend wieder zum gelernten Kunsthandwerk zurückgeführt. Er fertigte zwei Geigen und einen Bildband über diese Produktion an.
Elmar Gächter
Schön geordnet stehen oder hängen sie in Reih und Glied im Empfangsraum und im Atelier. Dutzende von Instrumenten warten darauf, gemietet, gekauft, abgeholt oder repariert zu werden. An der Wand Hobel in den verschiedensten Grössen, Schnitzmesser, Feilen, Raspeln, in der Ecke ein ehemaliger Drogerieschrank mit Harzen, Lacken, Farben und Leimen. Aus dem Lautsprecher sind angenehme Töne einer klassischen Sonate zu hören. Nicht schwer zu erraten, dass hier ein Meister seines Fachs einem speziellen Handwerk nachgeht. Michael Bosshart ist Geigenbauer, seit mehr als 40 Jahren, davon 35 Jahre als selbstständiger Einmannbetrieb.
Dass ihm die Geige quasi in die Wiege gelegt wurde, wäre leicht übertrieben. Aber der Wunsch, Geigenbauer zu werden, offenbarte sich schon in seinen Kinder- und Jugendjahren. «Ich hätte mir auch vorstellen können, Archäologe zu werden. Die lange Schul- und Studienzeit wäre jedoch nicht mein Ding gewesen», blickt Michael Bosshart zurück. Zeichnen, basteln, etwas mit den eigenen Händen erschaffen – dies war es, was ihm Freude machte. Bereits in der 7. Klasse baute er im Bastelraum seines Vaters die erste einfache Geige. Der Berufswunsch war klar vorgezeichnet, die Aufnahme in die einzige Ausbildungsstätte für Geigenbauer jedoch alles andere als einfach. «Ich bin noch heute stolz darauf, dass ich als einziger von 30 Prüflingen eine Stelle in der Lehrwerkstatt für Geigenbauer in Brienz ergattern konnte.» An die Lehrzeit hat er gute Erinnerungen. «Die vier Lehrjahre sind wie im Flug vergangen und ich habe nie daran gezweifelt, den richtigen Beruf erlernt zu haben», so Bosshart. Der Beruf des Geigenbauers umfasst den Neubau, die Reparaturen und aufwendige Restaurationen der ganzen Streichinstrumentenfamilie – Violine, Viola, Violoncello, Kontrabass – und der dazugehörenden Streichbögen.
Muskeln sind gefragt
Er spricht von einem Handwerk, das vor mehr als vier Jahrhunderten entstanden ist und dessen Grundkonzept im Lauf der Zeit eine Vollkommenheit, eine Art Perfektion erfahren habe. «Die Arbeitsschritte sind praktisch immer noch dieselben wie früher, man weicht nicht gross davon ab. Der Kreativität sind beim Geigenbau Grenzen gesetzt», sagt Bosshart. Der Geigenbauer sei der Feinmechaniker, der mit Holz arbeite, absolute Präzision sei unabdingbar. Dies gelte auch für die eher gröbere Arbeit, wenn es darum gehe, dem Holzkörper die richtige Wölbung zu verpassen. Da seien Muskeln gefragt und Blasen an den Händen nicht selten.
Bis zu einem gewissen Grad könne man Messgeräte einsetzen, dann aber beginne die eigentliche fachliche Freiheit, das Spüren und Fühlen des Materials – der Geigenbauer könne stilistisch und tonlich seine eigene Handschrift anbringen. «Jede Geige ist ein Unikat. Dies schon allein wegen des Holzes, das sich vom gleichen Stamm ganz unterschiedlich verhalten kann.» Die Hauptbestandteile des Instruments setzen sich aus Ahorn und Fichte zusammen, ein kleinerer Teil aus Ebenholz.
Stradivari – ein Begriff, der auch im Berufsleben von Michael Bosshart eine grosse Bedeutung hat. «Die meisten Geigenbauer arbeiten nach Stradivari- oder Guarneri-Modellen. Die Faszination dieser Künstler aus der Geigenbauerstadt Cremona begleitet einen ein ganzes Leben lang», so Bosshart. Für einzelne dieser einzigartigen Geigen würden an Auktionen Millionen bezahlt.
Bildband zur Produktion
Bei Michael Bosshart ist der Neubau von Instrumenten in den Jahren immer mehr in den Hintergrund gerückt, seine Haupttätigkeit sind heute Reparaturen und Restaurationen, die Vermietung von Instrumenten und vor allem die Reparaturen von Bögen der ganzen Streichinstrumentenfamilie. Dies sei schon seit längerer Zeit sein Steckenpferd gewesen. «Auch bei dieser Arbeit muss ich mich, wie beim Bau von Instrumenten, absolut auf meinen Gehör- und Tastsinn verlassen können. Es heisst ja Beruf, weil es eine Berufung ist.» Dabei kommt ihm auch seine grosse Erfahrung zustatten, zudem befasst er sich laufend mit der Fachliteratur.
Die Coronazeit hat auch den Geschäftsverlauf von Michael Bosshart stark betroffen. So musste er während des ersten Lockdowns seinen Betrieb schliessen. Vor allem die Nachfrage nach Mietinstrumenten sei plötzlich auf ein Minimum zurückgegangen. «Eigentlich total unlogisch, hätte man in dieser Zeit doch alle Zeit der Welt gehabt, Musik zu machen», fügt Bosshart an. Er spricht dennoch von einer relativ entspannten Zeit während des Lockdowns. Sie hat ihn ermuntert, sich einen schon länger gehegten Wunsch zu erfüllen: wieder selbst eine Geige zu bauen. «Es war wie eine Fügung. Als ich vor rund drei Jahren wieder einmal in Cremona war, hat es mich nach dem Duft frisch gehobelten Holzes, dem einmaligen Geruch nach Harzen, Ölen und Lack gelüstet, jenes Ambiente, das auch bei mir früher in der Werkstatt ganz normal war.» Herausgekommen sind zwei Violinen. Die erste nach einem Stradivari-Modell von Jérome Thibouville Lamy, nach welchem er schon manche Violine gebaut hat. Die zweite nach der «il Cremonese» Stradivari 1715, zu der er sich eingehend mit Büchern und Plänen befasste sowie Schablonen und Zargenform gefertigt hat.
Von seiner Arbeit hat Michael Bosshart rund tausend Fotos erstellt und in einem Bildband dokumentiert. Diese Bilder werden ihn stets an jene Zeit erinnern, als ein unsichtbarer Virus sein berufliches Wirken vorübergehend wieder in vermeintlich längst vergangene Bahnen gelenkt hat. Der Bildband ist erhältlich bei Bosshart Geigenbau.
Zur Person
emg. Der 60-jährige Michael Bosshart ist verheiratet, hat eine erwachsene Tochter und wohnt mit seiner Frau in Sissach. Er ist aufgewachsen in Bubendorf und Hölstein. Nach seiner Ausbildung zum Geigenbauer an der Geigenbauschule in Brienz übte er seinen Beruf zunächst im Anstellungsverhältnis aus, bevor er 25-jährig seine Werkstatt in Lausen eröffnete und drei Jahre später nach Sissach dislozierte. Er sagt von sich selber, dass er in erster Linie Handwerker sei und es nie sein Wunsch war, Musiker zu werden. Geige spiele er nur beim Ausprobieren seiner Instrumente. In seiner Freizeit ist Michael Bosshart begeisterter Zeichner, Kunstmaler und Siebdrucker und wie seine Frau sehr an Kunst und Kultur interessiert.

