«Es geht vielen gegen den Strich»
30.09.2021 Region, SportFitnesscenter | Zertifikatspflicht führt zu Konflikten und Einbussen
Seit mehr als zwei Wochen muss ein Zertifikat vorweisen, wer im Fitnesscenter trainieren will. Dort sorgt dies für angenehm viel Platz, aber auch für rote Köpfe und Druck auf die Mitarbeitenden sowie ...
Fitnesscenter | Zertifikatspflicht führt zu Konflikten und Einbussen
Seit mehr als zwei Wochen muss ein Zertifikat vorweisen, wer im Fitnesscenter trainieren will. Dort sorgt dies für angenehm viel Platz, aber auch für rote Köpfe und Druck auf die Mitarbeitenden sowie Kassen.
Sebastian Wirz
Die Atmosphäre im Fitnesscenter ist entspannt. Es gibt keine Signalisationen, keine abgesperrten Geräte, keine Masken. Die Mitglieder haben Platz fürs Training und sagen zu Oskar Achermann: «Es ist angenehm, dass weniger Menschen hier sind. Uns passt das so.» Der Regional-Manager der «Let’s go Fitness»- Gruppe, die Ableger in Lausen und Gelterkinden betreibt, könnte sich über solche positiven Rückmeldungen freuen. Doch er weiss, was die freien Plätze an den Geräten für die Kasse und für die Telefonleitung bedeuten.
Die Mitarbeitenden beantworten Anrufe und wissen: Da warten noch mehr in der Warteschlange. «Die Gespräche beginnen nicht mit einem fröhlichen ‹Guten Tag› oder einer Frage, ob es einem gut gehe», sagt Achermann. Viel eher fällt die Person am anderen Ende der Leitung mit der Tür ins Haus und schiessen böse Worte aus dem Hörer.
Seit dem 13. September gilt für weite Teile des öffentlichen Lebens die Covid-Zertifikatspflicht. Wer im Fitnesscenter trainieren möchte, muss geimpft, genesen oder getestet sein. Seither müssen die Betreibenden keine Geräte mehr absperren, die Personenzahl nicht mehr beschränken und keine Menschenströme per Signalisation in geordnete Einbahnen lenken. Wer trainiert, muss keine Maske tragen, die Duschen und Garderoben sind offen – es herrscht nach den groben Einschränkungen früherer Pandemiephasen Normalbetrieb, ausser dass beim Eingang das Zertifikat vorgewiesen werden muss. Wer kein Zertifikat hat, kommt nicht rein.
Mitleid mit den Jungen
«Die schlimmste Zeit waren die Wochen vor dem 13. September», sagt Achermann. Der Bundesrat hatte die Zertifikatspflicht in Aussicht gestellt, sie war in den Centern täglich Thema und sorgte für Spannungen. «Das Zertifikat ist ein sehr kontroverses Thema», sagt der Regional-Manager, «es geht vielen gegen den Strich und sorgt für Streit.» Angestellte, die über Jahre freundschaftliche Beziehungen zu Kunden aufgebaut hatten, mussten sich plötzlich anhören, was sie für «Unmenschen» seien, wenn sie ungeimpfte Kunden bald nicht mehr ins Center lassen würden.
«Der Filialleiter, der einen Kunden jahrelang mehrmals wöchentlich begrüsst hat, ihn zuerst mit Tipps betreut und dann mit ihm geplaudert hat, musste sich plötzlich harte Worte anhören», so Achermann. Auch er selber, der sich in den vergangenen Jahren strategischen Aufgaben in der Gruppe gewidmet hat, steht seither wieder mehr an der Front. «Einige Male hat es meine Anwesenheit in autoritärster Form gebraucht», drückt er es aus.
Doch auch jetzt gibt es im Center Konflikte. Einige Mitarbeiter sind geimpft, andere lassen sich testen, jene ohne Zertifikat tragen Maske. Die Frage «Bist du geimpft?» begleitet sie jeden Tag. «Ich bin neutral. Ob sich jemand impfen lässt oder nicht, muss jede Person für sich entscheiden. Und wir müssen das zulassen», sagt Achermann. Mühe macht ihm, wenn vor allem auf junge Mitarbeitende Druck ausgeübt wird. «Wir haben etwa minderjährige Lernende, deren Umfeld gegen die Impfung ist, die von der Kundschaft hören, dass sie sich zu impfen hätten.» Zum Leiter kämen Mitglieder, die forderten, er müsse doch seine Angestellten zum Impfen auffordern. «Ich habe Mitleid mit diesen jungen Menschen», sagt Achermann, der unter den Mitarbeitenden in der Region von einer Impfquote von rund 80 Prozent spricht.
Ein Drittel weniger Einnahmen
Als die Center wegen der Pandemie geschlossen wurden, konnten sie Härtefallhilfen und Corona-Kredite beziehen. Nun haben sie geöffnet, aber weniger Kundschaft und damit geringere Einnahmen. Damals wurde den Mitgliedern Aufschub beim Abonnement gewährt, die Center mussten also meist kein Geld zurückbezahlen, nahmen aber bei der Rückkehr der Trainierenden zunächst kein Geld ein, weil auf den «alten» Abos noch Trainingstage zu beziehen waren. Nun sind die Center offen, es fliessen keine Entschädigungen, aber Umsatz wird dennoch weniger generiert.
Mit jedem Tag, an dem die geimpften Mitglieder die grösseren Freiheiten im Center geniessen, entgeht den Betreibenden in dreierlei Weise Geld. Erstens werden jetzt im Herbst, wenn viele Menschen nach dem Sommer üblicherweise in die Center strömen, kaum neue Abonnements gelöst. Zweitens brauchen die Mitglieder ihre aufgeschobenen Abonnements auf und Ungeimpfte verlängern sie nicht. Drittens schliesslich müssen die Betreibenden um Abos streiten, deren Gültigkeit Daheimgebliebene aufschieben wollen. Das abzulehnen und diesen Beiträgen nachzurennen, kann aber für die Center gemäss Achermann kaum ein positives Ende haben: «Versuchen wir, dieses Geld einzutreiben, ist klar, dass wir diese Kunden für die Zukunft verlieren.»
Auf rund ein Drittel beziffert Achermann die Mindereinnahmen seit der Zertifikatspflicht. Beiträge vom Bund rechnet er sich dennoch keine aus: «Wir haben weder Hilfen in Aussicht, noch grosse Hoffnung darauf. Aber die Branche versucht, mit den zuständigen Instanzen im Gespräch zu bleiben. Ich glaube nicht, dass wir etwas erhalten.»
Haben Center weniger Kundschaft, können sie Kurzarbeit anmelden. Aber auch hier tun sich Spannungsfelder auf. Hat Achermann die Wahl, ob er einem ungeimpften oder einem geimpften Mitarbeiter Kurzarbeit verordnet, müsste er sich für den ungeimpften entscheiden. «Und das ist eine unmögliche Situation. Das ist ethisch nicht vertretbar.» Seine Angestellten befänden sich nicht in einer Hochlohnbranche. Am Ende könnten die fehlende Impfung und die kurzarbeitsbedingten Lohnausfälle zu existenzbedrohlichen Zuständen führen. «Und das darf nicht sein – auch wenn es dafür im Center schön luftig ist für die Anwesenden.»