Hoch über dem Mittelland
19.08.2021 Baselbiet, Gastronomie, Gesellschaft, RegionDavid Thommen
Wir erreichen das Bergrestaurant Chambersberg von der Challhöhe her, aus Richtung Eptingen. Das historische Gebäude schmiegt sich hier unweit des Jurakamms zusammen mit einigen moderneren landwirtschaftlichen Bauten an den Jurasüdhang. Wir befinden ...
David Thommen
Wir erreichen das Bergrestaurant Chambersberg von der Challhöhe her, aus Richtung Eptingen. Das historische Gebäude schmiegt sich hier unweit des Jurakamms zusammen mit einigen moderneren landwirtschaftlichen Bauten an den Jurasüdhang. Wir befinden uns auf 876 Metern über Meer, der Blick geht ins weite Mittelland. Und natürlich hat man von hier aus einen herrlichen Blick auf die Alpen; gute Fernsicht vorausgesetzt.
Der «Chambersberg» ist das (Zwischen-)Ziel für viele Wanderer. Die Routen hierhin sind ein Genuss, sofern man genügend Saft in den Beinen hat. Der Aufstieg ist aus allen Himmelsrichtungen streckenweise schweisstreibend, doch was gibt es Schöneres für Wandervögel, speziell im Spätsommer und Herbst. «Die meisten unserer Gäste sind Wanderer oder Ausflügler jeden Alters», sagen Tanja und Thomas Bader, die das Restaurant betreiben. Seit einiger Zeit dürfen sie auch immer mehr E-Bikerinnen und E-Biker begrüssen. Von diesem Boom scheinen die Bergbeizen besonders zu profitieren, wie auch schon in anderen Teilen unserer kleinen «Gratwanderung»-Serie zu lesen war.
Genau über dem Bölchentunnel
Die Gegend ist so schön, dass wir uns nachträglich einen Überblick auf Google-Maps auf dem Bildschirm verschaffen wollen. Dabei zoomen wir aus Versehen etwas zu nah das Gehöft heran – und landen unvermittelt eine paar Stockwerke tiefer im Bölchentunnel. Tatsächlich: Die eine Röhre der A2 führt exakt unter dem Keller des historischen Gehöfts hindurch. Nicht schlecht staunten schon Automobilisten mit Navigationssystemen, die den Chambersberg als Ziel programmiert hatten, wie Thomas Bader mit einem Lachen erzählt. Mitten im Tunnel hiess es dann: «Sie haben das Ziel erreicht …»
Tanja (32) und Thomas (36) Bader, die vor wenigen Monaten Eltern der Tochter Lia wurden, führen den Chambersberg seit einigen wenigen Jahren. Zuvor waren die Eltern von Thomas seit 1984 die Gastgeber. Mutter und Schwiegermutter Rita Bader hilft auch heute noch mit, sie ist auch für den schmucken Bauerngarten zuständig.
Gewirtet wird hier seit Jahrzehnten. Im Zweiten Weltkrieg waren an diesem strategisch wichtigen Punkt zwischen der Region Basel und dem Mittelland viele Soldaten stationiert. «Fast auf jedem Hof wurde damals ausgeschenkt», sagt Thomas Bader. Vor der Übernahme durch seine Eltern sei der Hof ziemlich heruntergekommen gewesen. Das Mauerwerk sei am Zerfallen gewesen, die Fenster waren mit Plastik abgedeckt. Ausgeschenkt wurde trotzdem weiter. Ältere Gäste erzählten noch heute amüsiert von den damals fragwürdigen hygienischen Zuständen: Nicht selten seien Hühner auf den Tischen umherstolziert – und hätten dort auch ihr Geschäft verrichtet …
Ein uraltes Gehöft
Der Hof wurde von der Familie Bader wieder auf- und auch ausgebaut. Das ursprüngliche Gebäude ist eines der ältesten bestehenden im ganzen Kanton Solothurn. Einzelne Mauern stammen vom Ende des 15. oder vom Anfang des 16. Jahrhunderts. Kürzlich wurde das Haus von einem Bauernhausforscher inventarisiert. Die Annahme der Familie Bader, dass es sich ursprünglich um ein Kloster gehandelt haben könnte, teilte er nicht: Vermutlich sei es seit Beginn ein Sennhof gewesen.
In der Gaststube mit 35 Plätzen – sie ist 2008 nochmals aufgefrischt worden – ist viel vom historischen Ambiente zu spüren. Gemütlich ist es hier wie auch im Garten mit gleich vielen Plätzen. Die Besucherinnen und Besucher schätzen die einfache Küche, die geboten wird – und vor allem das Fondue, für das der Chambersberg bekannt ist (siehe auch «Nachgefragt»).
Für das junge Ehepaar Bader ist das Bergrestaurant nur das eine Standbein, das zweite ist der Bauernbetrieb. Thomas Bader absolvierte einst die Landwirtschaftliche Schule Ebenrain und bewirtschaftet nun 19 Hektaren landwirtschaftliche Nutzfläche in der Bergzone 2. Zählt man den Wald hinzu, kommt man auf 30 Hektaren. Tanja Bader packt mit an. Sie hat nach ihrer Ausbildung zur Detailhandelsfachfrau die eidgenössische Bäuerinnenschule absolviert. Betrieben wird vor allem Milchwirtschaft, Kälbermast und Aufzucht. Alles in allem sind rund 50 Kühe und Kälblein auf dem Hof.
Der Chambersberg ist vom Oberbaselbiet aus ein lohnendes Ziel, gerade auch, wenn man im Winter gerne einen Blick aufs Mittelland-Nebelmeer werfen will. Die Idylle hier ist perfekt, oder wenigstens fast. Denn zuweilen wird sie auch ziemlich gestört: Gleich angrenzend an den Chambersberg liegt der Spittelberg, wo die Armee zu Übungszwecken häufig schiesst. Auch mit schwerem Geschütz wie mit Radschützenpanzern. Zudem, so die junge Familie Bader, werde gesprengt. Früher sei mit den Sprengladungen manchmal übertrieben worden, was Risse in der Fassade des historischen Hofs zur Folge gehabt habe.
Sie selber hätten sich an die Knallerei gewöhnt, sagen Tanja und Thomas Bader, und noch nie habe sich ein Gast des Restaurants deswegen beschwert. Anders als damals im Zweiten Weltkrieg, als das Restaurant wegen der Soldaten eröffnet worden war, hat der Chambersberg heute von der Armee nichts mehr ausser dem Lärm. Truppen sind hier oben längst nicht mehr stationiert. Der Ausgang findet andernorts statt.
Öffnungszeiten: Mittwoch und Donnerstag sind Ruhetage.
Ende unserer kleinen Serie mit Ausflugszielen an der Grenze des Baselbiets. Bisher erschienen: Das Turmstübli auf dem Sonnenberg (20. Juli); Das «Pintli» in Hauenstein-Ifenthal (27. Juli); Das Waldgasthaus Chalet Saalhöhe (6. August) und Das Berggasthaus Obere Wechten in Mümliswil (13. August).
Wandertipp: Tüüfelsschlucht und Bölchenfluh
tho. Der Chambersberg liegt zwar abgelegen am Jurasüdhang auf 876 Meter über Meer. Gleichwohl sagen die Betreiber des Bergrestaurants: «Wir liegen zentral.» Denn viele Wege führen auf den Chambersberg. Vom Norden her erreicht man ab Eptingen die Bergbeiz auf Schusters Rappen via Challhöchi in rund eineinhalb Stunden, wobei es ziemlich viele Höhenmeter zu erklimmen gibt. Von Osten her ab Läufelfingen dauert die Wanderung etwas länger, doch ganz so steil ist der Weg nicht. Vom Westen her ist Langenbruck ein guter Ausgangspunkt, die Wanderung dauert rund zwei Stunden. Von Süden her führt der Weg ab Hägendorf via Tüüfelsschlucht hoch zum Bergrestaurant. Unsere Wanderrouten-App rechnet aus, dass man für diesen Weg zwei Stunden und zehn Minuten benötigt.
Ist man auf dem Chambersberg, lohnt es sich auf jeden Fall, den etwas mehr als zwei Kilometer langen Weg auf die Bölchenfluh ebenfalls noch unter die Wanderschuhe zu nehmen.
NACHGEFRAGT | THOMAS UND TANJA BADER, GASTGEBER AUF DEM «CHAMBERSBERG»
Herr und Frau Bader, der «Chambersberg» ist für sein Fondue bekannt. Was macht die Spezialität aus?
Tanja Bader: Der Geschmack natürlich. Und viele Gäste sagen, es sei sehr bekömmlich und liege nicht schwer auf. Das ist natürlich von Vorteil, wenn man nach dem Essen wieder ins Tal wandern will.
Welche Käsesorten hat es drin?
Thomas Bader: Die Mischung stammt von einer kleinen Käserei in Mümliswil, einer der beiden letzten selbstständigen Käsereien im Kanton Solothurn. Was genau drin ist, wissen selbst wir nicht. Es ist ein Geheimrezept, das sich sehr bewährt. Unser Bergrestaurant bezieht die Mischung seit mindestens 20 Jahren von dort. Fondue gibt es bei uns übrigens während des ganzen Jahres. Hier oben schmeckt das immer, und die Gäste haben immer Lust darauf.
Sie sind ja eigentlich Landwirte. Haben Sie auch eine Kochausbildung?
Tanja Bader: Nein. Unsere Gäste verlangen auch gar nicht nach aufwendigen Menüs. Hierher kommt man wegen Käse, Speck und warmen Würsten. Dazu gibt es eigenes Bauernbrot, das meine Schwiegermutter im Holzofen bäckt. Unsere Gäste mögen es hier oben in der Natur gerne einfach.
Und wie ist es im Winter? Ist das Restaurant geschlossen, wenn es viel Schnee hat?
Thomas Bader: Wir hatten auch schon eineinhalb Meter Schnee hier. Wir bleiben dennoch fast immer auch mit dem Auto erreichbar: Wir räumen die Strasse. Vor allem aber wandern im Winter mittlerweile viele Gäste mit Schneeschuhen zu uns. Früher kamen sie auf Tourenskier, doch das scheint etwas ausser Mode geraten zu sein.
Wird es hier oben bei schlechtem Wetter nicht manchmal sehr einsam?
Tanja Bader: Nein, nie. Genug zu tun gibt es auf dem Landwirtschaftsbetrieb immer. Und jetzt sorgt ja auch unser Töchterlein Lia für Betrieb.

