Ein Dorf räumt auf
29.06.2021 Augenschein, ZunzgenThomas Ditzler
«Es ist deprimierend», sagt Zunzgens Gemeindepräsident Hansruedi Wüthrich am Freitagabend bei seinem Rundgang durch die Gemeinde. Das Bild, in welchem sich sein Dorf rund zwei Tage nach dem Unwetter präsentiert, ist ernüchternd. An vielen Orten ...
Thomas Ditzler
«Es ist deprimierend», sagt Zunzgens Gemeindepräsident Hansruedi Wüthrich am Freitagabend bei seinem Rundgang durch die Gemeinde. Das Bild, in welchem sich sein Dorf rund zwei Tage nach dem Unwetter präsentiert, ist ernüchternd. An vielen Orten stehen grosse Mulden vor den Liegenschaften, in denen die Bevölkerung ihr beschädigtes Hab und Gut entsorgt. Das Hochwasser vom vergangenen Mittwochabend hat zahlreiche Gebäude stark in Mitleidenschaft gezogen oder gar unbewohnbar gemacht. «Ein Bild der Verwüstung», sagt Wüthrich sichtlich gerührt und spricht dabei auch jenes Bild an, das sich ihm im Lasmatt-Gebiet präsentiert hat: In einer Einstellhalle wurden mehrere Autos von den Wassermassen regelrecht zusammengedrückt.
In vielen Gemeinden des Diegterund Waldenburgertals hat der Starkregen von vergangener Woche Schäden angerichtet (die «Volksstimme» berichtete). Von den Wassermassen aber besonders stark in Mitleidenschaft gezogen wurde die Gemeinde Zunzgen. «Mein Bedauern mit der Bevölkerung ist gross, wenn ich sehe, wie stark das Wasser gewütet hat», sagt ein nachdenklicher Gemeindepräsident. Waren es vor fünf Jahren vor allem die Bewohner in der Region Hardstrasse und Bachtelenweg, die von den Wassermassen des Nästelbaches geschädigt wurden, so ist das Ausmass dieses Mal um einiges grösser. «Wir gehen davon aus, dass rund die Hälfte des Dorfes vom Unwetter betroffen ist», sagt Wüthrich. Vor allem die an den Diegterbach angrenzenden Liegenschaften seien massiv geschädigt.
Dorfvereine helfen mit
Eines der stark betroffenen Gebiete ist die Mühlegasse am südlichen Dorfeingang. Bei Wüthrichs Rundgang stehen dort gerade die Mitglieder des Turnvereins Zunzgen im Einsatz und helfen den Bewohnern bei den Aufräumarbeiten. «Eine sehr tolle Geste der Vereine», sagt Hansruedi Wüthrich. Denn neben den Turnenden standen bereits am Abend zuvor die Mitglieder des EHC Zunzgen-Sissach im spontanen Helfereinsatz. «Dass sich die Vereine engagieren, wird von der Bevölkerung sehr geschätzt», sagt der Gemeindepräsident.
Erfreut sei er auch über die gute Zusammenarbeit mit der Feuerwehr und dem Zivilschutz gewesen. Diese seien unmittelbar nach dem Unwetter während 24 Stunden im Dauereinsatz gestanden und haben Keller und Häuser vom Wasser und Schlamm befreit. Rund 250 Einsatzkräfte waren es allein in Zunzgen. «Alle haben gute Arbeit geleistet», lobt Wüthrich. Dies zeigt sich auch daran, dass 48 Stunden nach dem Unwetter bereits viele Schäden, die auf den ersten Blick ersichtlich waren, bereits weggeräumt wurden: «Es ist eindrücklich, was in dieser kurzen Zeit bereits alles gegangen ist.» Wüthrich ist sich aber bewusst: «Die wirklichen Aufräumarbeiten und Instandsetzungen bei den Liegenschaften werden noch viele Wochen andauern.»
Schäden an Häusern und Strassen
Ein Schadensmass abzugeben, sei deshalb zum jetzigen Zeitpunkt unmöglich, «ich rechne aber mit mehreren Millionen Franken». In Zunzgen sind jedoch nicht nur Hausbesitzer, sondern auch die Gemeinde an sich zu Schaden gekommen. So hat das Wasser im Gebiet Lasmatt auf einer Länge von rund zehn Metern das ganze Bachbord mitgerissen. Im Gebiet Mühleholde deuten mehrere Murgänge auf das Ausmass des Unwetters hin, während in den Gebieten Hefleten, Hinterhorn und Zunzgerberg der komplette Strassenbelag weggerissen wurde. «Erste Schätzungen an Strassenschäden belaufen sich auf rund 500 000 Franken», sagt Wüthrich.
Hätte man in Zunzgen nach 2016 bessere Lehren ziehen müssen? Der Gemeindepräsident verneint: «Die beiden Unwetter können nicht miteinander verglichen werden.» Zumal nach 2016 im Gebiet Nästel bei einigen Liegenschaften bauliche Massnahmen getätigt wurden, die sich bei gewissen Einwohnern nun bezahlt gemacht haben. «Wenn das Wasser aber in einem solchen Ausmass kommt, dann ist es kaum möglich, dieses zu kanalisieren», sagt Wüthrich. Hinzu kommt, dass es dieses Mal im ganzen Oberbaselbiet während kurzer Zeit stark geregnet hat. «Das Wasser aus dem ganzen Diegtertal hat sich letztlich in Zunzgen angestaut», so Wüthrich.
Der Gemeinderat werde sich nach den jüngsten Ereignissen aber erneut Gedanken machen. So, wie er es auch nach dem Jahr 2016 getan hat, und daraufhin Massnahmen beim Nästelbach budgetiert wurden. Was neben den Schäden aber bleibt, ist die grosse Betroffenheit des Gemeindepräsidenten. Auch wenn einige Geschädigte es bei seinem Rundgang nüchtern als Schicksal bezeichnet haben, «so gab es auch solche, die am Boden zerstört sind», sagt Hansruedi Wüthrich.
Zahlreiche Schäden auch in Ormalingen und Rothenfluh
og. Wie das Diegtertal wurde auch das Ergolztal, namentlich Ormalingen und Rothenfluh, vom Starkregen getroffen. Die Meteostation «Holingen» in Rothenfluh registrierte am vergangenen Mittwoch knapp 71 Millimeter Regen, so viel wie sonst in einem ganzen Monat. Der Dübach trat über die Ufer und überflutete die Untergeschosse zahlreicher Häuser bis hinunter zum Pfarrhaus.
Betroffen waren auch das Archiv und die Schnitzelheizung der Rothenflüher Gemeindeverwaltung. Stellenweise verliess auch die Ergolz ihr Bett. Wasser von den Hängen verursachte weitere Schäden, so an der Mehrzweckhalle sowie an anderen Gebäuden und Kulturen, auch im Gebiet Säge.
In Ormalingen führte die überlastete Strassenentwässerung der Kirchgasse im Oberdorf an der Hauptstrasse und an der Mühlegasse zu überfluteten Untergeschossen und spülte grosse Mengen Geröll und Sand auf die Strasse. Weiter unten waren unter anderem die Gemeindeverwaltung sowie der Werkhof und die Garage Buser betroffen, weil die Ergolz über die Ufer trat und mehrere Autos zerstörte.