«Aber natürlich mache ich auf»
16.04.2021 Baselbiet, Gastronomie
Anlass zu doppelter Freude hat Alain Goepfert. Der Inhaber des Restaurants Sissacherfluh und der Bar Lounge 11 zeigt sich über die Entscheide des Bundesrats ebenso überrascht wie erfreut: «Endlich können wir wieder etwas tun.» Die Bar am ...
Anlass zu doppelter Freude hat Alain Goepfert. Der Inhaber des Restaurants Sissacherfluh und der Bar Lounge 11 zeigt sich über die Entscheide des Bundesrats ebenso überrascht wie erfreut: «Endlich können wir wieder etwas tun.» Die Bar am Bahnhof wird Goepfert am Montag wieder in Betrieb nehmen. Sieben Tage die Woche werde sie jeweils ab 15 Uhr geöffnet sein. Auf der Terrasse werden 16 Tische für jeweils 4 Gäste vorbereitet.
In die Ausflugsbeiz auf der Fluh wird man ab kommendem Freitag wieder einkehren können. Die «Chalets» würden bis dahin abgebaut sein. Das Lokal mit dannzumal rund 100 anstatt 200 Plätzen wird die ganze Woche von 11 bis 20 Uhr geöffnet sein. Die Karte werde auf die beliebtesten Klassiker aus der «Sissacherfluh»-Küche eingedampft, wobei Goepfert das Fondue besonders hervorhebt, das auch bei kühlem Wetter im Freien gerne genossen werde. Zum Personaleinsatz kann Goepfert keine genaueren Angaben machen, da die Wetterabhängigkeit gross sei. Aus Kostenüberlegungen werde er das Minimum an Personal aufbieten. 14 Tage will Goepfert mit diesem Konzept arbeiten und dann beurteilen, ob die Betriebe so rentabel geführt werden können.
Freudig äussert sich Zeynep Kunduru von der Wystube Tschudy gleich beim Sissacher Bahnhof: «Aber natürlich mache ich auf», sagt sie. 70 Plätze im Freien kann sie anbieten. Sie habe eine treue Stammkundschaft und werde gleich am Montagmorgen mit dem gleichen Angebot wie vor der Schliessung starten. Ist es nicht zu kalt? «Was soll ich machen?», fragt sie zurück und meint, dass sich die Gäste davon nicht abschrecken liessen. Sie und zeitweise ihre Tochter werden vorerst alleine anpacken, drei Angestellte sind noch in Kurzarbeit: «Wenn wir sie brauchen, ist das rasch geändert.» Und jetzt, sagte sie am Donnerstagmorgen, mache sie sich ans Putzen, damit dann auch alles bereit sei.
Genau gleich tönt es beim Restaurant Sternen in Sissach: «Wir beginnen jetzt mit Putzen.» Vor dem Haus in der Begegnungszone gibt es gegen 30 Plätze, hinter dem Haus im grossen Garten sind es nochmals rund 70. Am Montag werde mit voller Karte und normalen Öffnungszeiten gestartet. Bereits während des Lockdowns hielt der «Sternen» den Betrieb mit einem Take-away-Angebot wenigstens halbwegs aufrecht.
«Wir werden auf jeden Fall öffnen und freuen uns», sagt Sasi Sellathurai vom Roseneck in Gelterkinden. Die Situation sei mit dem voraussichtlich kalten Wetter blöd, aber seine Terrasse, auf der er auch unter den geltenden Abstandsvorschriften noch 60 Personen bewirten kann, soll grundsätzlich von 9 bis 21 Uhr offen stehen. Er plant in dieser Phase mit einer Sommerkarte. Sein Take-away-Angebot hält Sellathurai aufrecht, wie er das Personal mit der wetterabhängigen Terrasse genau organisieren soll, bleibe allerdings eine Herausforderung. «Wir werden auf die äusseren Umstände reagieren müssen.»
Grösser sind die Sorgen bei Haci Abay im Kreuz. Er und seine Frau arbeiten zurzeit alleine im Restaurant, das einen Pizza-Lieferservice anbietet. Seine Terrasse ist sehr klein und die örtlichen Bedingungen mit der Küche und dem Restaurant, die sich zwischen Pizza-Ofen und Terrasse befinden, sind für reinen Aussenbetrieb ungünstig. «Ich bin noch nicht sicher, ob wir die Terrasse öffnen», sagt Abay: Ob sich der zusätzliche Personalaufwand für die drei Tische lohnt, sei fraglich.
Angelo Di Venere spricht von einem Chaos. «Die Unsicherheit nimmt mit diesem Öffnungsschritt noch einmal zu», sagt der Wirt des Gelterkinder Rössli nur ein paar Häuser weiter. Natürlich sei es für die Gäste toll, wenn die Terrassen öffnen. Für ihn hingegen schaffe das eher Probleme. «Ich arbeite nur mit frischen Produkten», sagt Di Venere, der den Take-away-Mittagsbetrieb in der Küche zurzeit alleine stemmt. «Wenn ich nun für den Terrassenbetrieb einkaufe, das Wetter aber nicht mitspielt, muss ich alles wegschmeissen.» Er hat Heizstrahler organisiert, weiss aber noch nicht, ob er sie verwenden darf. Wie er Einkauf und Personal organisieren soll, ist ihm ein Rätsel, aber er sagt: «Ja, wir werden alles einrichten draussen. Und dann sehen wir, was passiert.»
Angelo Di Veneres Bruder Pino war gestern Morgen bereits um sieben Uhr früh im «CC», um im Hinblick auf die Eröffnung der Terrassen einzukaufen. Und er sei nicht der Einzige gewesen, sagt er und lacht. Der Wirt des Restaurants Rössli in Itingen freut sich darauf, wieder für seine Gäste, insbesondere seine Stammkundinnen und -kunden, da sein zu können. Ab Montag wird er seine Gartenwirtschaft jeweils mittags und abends mit einem Kleinst-Personalbestand betreiben: Eine Person in der Küche, eine im Service, das heisst, am Take-away-Fenster zur Terrasse mit 50 statt der üblichen 90 Plätze. Wird es wärmer, werde er flexibel auf die Gästezahlen reagieren. Die «Rössli»-Karte wird vorderhand auf eine Selektion reduziert, um zu verhindern, dass Frischware verfällt.
Terrasse vorbereiten, einkaufen, die Gäste informieren … Es sei gerade sehr viel zu tun, deshalb habe er eigentlich gar keine Zeit, um mit der «Volksstimme» zu telefonieren, sagt Stefano Spata vom Hotel Bad Eptingen. Aber er nimmt sie sich. «Wir müssen aufmachen, das Bedürfnis der Gäste ist gross, wieder ins Restaurant gehen zu dürfen», erklärt er. Wie schon nach dem ersten Lockdown bietet die erweiterte Terrasse 60 statt der üblichen 100 Plätze. Das Menü werde auf eine schöne Auswahl reduziert, wobei Kundenwünsche «à la minute» wenn immer möglich erfüllt würden. Zunächst ist das «Bad Eptingen» sieben Tage die Woche fürs Mittagsgeschäft von 11 bis 15 Uhr geöffnet. Solange es nicht wärmer wird, bleibt das Lokal am Abend geschlossen. «Bei Bedarf können wir sehr schnell umstellen», versichert Spata.
Das Restaurant Bürgin in Wittinsburg verfügt über eine gepflegte, gedeckte Gartenterrasse, die – ohne Covid-19-Abstände – Platz für 50 Gäste bieten würde. Gestern war noch nicht klar, ob und wann dieser Bereich öffnen wird: Die Wetterprognose sehe nicht besonders gut aus, sagt Stefanie Bürgin. Und dies wäre Voraussetzung dafür, dass sich der Betrieb auch nur einigermassen lohnt. Eventuell heute Freitag oder sonst in den nächsten Tagen wolle man entscheiden, wie es weitergehen soll.
Im Homburger Stübli in Rümlingen ist das Wirtepaar «hin- und hergerissen»: Der Aussenbereich sei mit normalerweise rund 16 Plätzen recht klein und vor allem sei die Gartenbeiz ziemlich schattig, sagt Wirtin Tine Andersen. Wie viele Plätze es mit den Abstandsvorschriften noch sein dürfen, habe man noch nicht exakt ausgemessen. Solange die Temperaturen nicht entscheidend steigen, werde sich die Öffnung wirtschaftlich kaum lohnen. Zudem sei noch nicht klar, wie die Notfallhilfe geregelt sei, wenn man zwar öffne, aber nur sehr wenig Umsatz mache.
Über ein prächtiges Gartenrestaurant verfügt das Restaurant Jägerstübli in Anwil. Wirtin Gabriela Mohler: «Wir werden ein paar wenige Tische anbieten, falls jemand einen Kaffee trinken will.» Allerdings werde kein zusätzliches Personal dafür aufgeboten. Es lohne sich nicht, den Betrieb «richtig» hochzufahren und gross einzukaufen. Bereits jetzt gibt es im «Jägerstübli» ein Take-away-Angebot – und dabei wird es im Moment bleiben. Dass die Gäste bald schon ab der grossen Karte im Gartenrestaurant speisen wollen, hält sie für wenig wahrscheinlich: «Wir sind auf 600 Metern über Meer und laut Prognose werden wir noch tagelang Bise haben.» Gemäss jetziger Planung soll der Betrieb im Garten Anfang Mai regulär aufgenommen werden – allerdings sei dies abhängig vom Wetter.
Noch mehr als die Dorfbeizen sind die abgelegeneren Bergrestaurants auf gutes Wetter angewiesen, wenn sie ihre Terrassen für das Wandervolk öffnen. Sowohl das Bergrestaurant Stierenberg in Bretzwil als auch der Vogelberg in Lauwil wagen den Schritt trotzdem. Ab Montag, 10 Uhr, bietet der «Stierenberg» seine 16 Tische für rund 60 Personen und eine reduzierte Speisekarte an. Grund dafür seien weniger Hoffnungen auf guten Umsatz als vielmehr die Sehnsucht nach Kontakt mit den Gästen, sagt Wirtin Andrea Kämpfer, die das Restaurant auf dem Stierenberg erst seit einem guten Jahr mit ihrem Partner Koni Andermatt führt. «Wir vereinsamen hier auf dem Berg zusehends.»
Ab Dienstag wird auch Armando Baumgartner vom Bergrestaurant Vogelberg wieder in der Küche stehen, sofern die Kundschaft anklopft. Rund 60 Plätze stehen bereit. Im Angebot ist eine reduzierte Speisekarte «mit den typischen Hausspezialitäten», sagt er auf Anfrage.
Umfrage: ssc., wis., tho., ch.
Kulturbetrieb weiterhin auf Eis
jg./chr. Die Lockerungen auch für Kulturbetriebe ändern nichts an der Planung des Vereins «SissachLive». Alle geplanten Anlässe in der Oberen Fabrik bleiben abgesagt. Erst am 28. August wollen die Veranstalter mit dem «Kulturkarussell» ihren Normalbetrieb wieder aufnehmen. Vereinspräsidentin Anita Crain nennt mehrere Gründe, weshalb für sie kein früherer Start infrage kommt. «Mit den einschränkenden Massnahmen wie dem Verzicht auf Getränkeausschank, der beschränkten Besucherzahl und der Maskenpflicht kann die Stimmung, wie wir sie uns erwünschen, erst gar nicht aufkommen», sagt sie, «und das sagen uns auch die Künstler, mit denen wir in Kontakt stehen.» Ausserdem erachtet sie es mit Blick auf die aktuellen Fallzahlen als wenig sinnvoll, trotz der Auflagen ihre Anlässe durchzuboxen.
Ebenfalls weiter Pause machen wird das Gelterkinder Marabu. Nachdem der Betrieb seit längerer Zeit coronabedingt geschlossen ist und der Kulturraum ab Sommer umgebaut wird, lohne es sich nicht, für nur zwei Monate wieder einen Kulturbetrieb zu etablieren, sagt Vorstandsmitglied Hans Buser auf Anfrage. Aber: Unter dem Motto «Marabu fliegt aus» werde der Verein verschiedene Anlässe ausserhalb des Marabus stattfinden lassen: Zum einen in der ehemaligen Garage Singeisen (ab August/September), zum anderen mit «Kultur im Garten» und «Konzert im Garten» im Garten von Marianne Knecht und Hans Buser am Gartenweg (Mitte Mai bis Mitte Juni).
Das Sissacher Kino Palace nimmt dagegen den Betrieb bereits am kommenden Donnerstag wieder auf. Betreiber Oscar Schönenberger: «Klar, machen wir auf. Man kann nicht nur jammern und wenn es Lockerungen gibt, einfach nicht reagieren.» Ob sich die «Übung» aber lohne, sei fraglich. Denn die umliegenden Länder hätten ein generelles Filmvorführverbot. So kämen die grossen Produktionen auch nicht in die Schweiz. Am Donnerstag, wenn die Filmwoche startet, möchte Schönenberger einen Blockbuster präsentieren. Mit einem Augenzwinkern sagt er: «Gerne bin ich auch offen für Anregungen meines geschätzten Publikums.»


