«Die beiden Begegnungszonen sind nicht zu vergleichen»
09.04.2021 Bezirk Liestal, SissachBeim «Strichcode» hat das Flanieren keine Priorität
Liestal wurde für die Erneuerung der Rathausstrasse zu einer Flaniermeile mit dem wichtigsten Preis des Fussverkehrsvereins Schweiz ausgezeichnet. In Sissach würden die Prioritäten offenbar anders ...
Beim «Strichcode» hat das Flanieren keine Priorität
Liestal wurde für die Erneuerung der Rathausstrasse zu einer Flaniermeile mit dem wichtigsten Preis des Fussverkehrsvereins Schweiz ausgezeichnet. In Sissach würden die Prioritäten offenbar anders gesetzt, sagen Präsidentin und Geschäftsführerin des Vereins.
Sander van Riemsdijk
Der «Flâneur d’Or – Fussverkehrspreis Infrastruktur» wird seit dem Jahr 1987 schweizweit im Dreijahresrhythmusverliehen. «Fussverkehr Schweiz», der Fachverband der Fussgängerinnen und Fussgänger, zeichnet damit Infrastrukturen im urbanen öffentlichen Raum aus, die den Fussverkehr im speziellen Mass fördern und die Qualität, Attraktivität und Sicherheit des Gehens erhöhen. Bei nicht weniger als 43 vorgelegten Projekten – Sissach hat kein Dossier eingereicht – ging der mit 10 000 Franken dotierte Hauptpreis für das Jahr 2020 an Liestal.
Der Baselbieter Kantonshauptort, der im Jahr 2017 die Rathausstrasse erneuerte, vom Durchgangsverkehr befreite und in eine Fussgängerzone umwandelte, überzeugte die zehnköpfige Jury mit seinem Projekt unter dem Motto «Schönes Flanieren braucht gutes Sanieren». Nationalrätin und Mitglied der Verkehrskommission, Marionna Schlatter, seit Mai 2020 Präsidentin von «Fussverkehr Schweiz», schätzt am Projekt Liestal insbesondere die gelungene Umsetzung mit der neuen, durchgehenden Fläche. «Zusammen mit dem Verzicht auf Kopfsteinpflaster wurde die Strasse zu einer einzigen barrierefreien und flachen Flaniermeile ohne Schwellen. Dazu in der Mitte eine Leitlinie für Sehbehinderte.» Sie würdigte an der Preisverleihung die Bemühungen, die Rathausstrasse in einen lebendigen und schönen Stadtraum ohne motorisierten Verkehr zu verwandeln.
Es scheint, dass Liestal seinen städtischen Frieden als «bodenständige Grandezza» mit dieser Auszeichnung gefunden hat. Dies im Gegensatz zu Sissach. Seit vielen Jahren wird die Diskussion um die Ausrichtung des stark durch Motorfahrzeuge frequentierten «Strichcode» kontrovers und nicht selten polemisch geführt. Die Begegnungszone, die je nach Interesse und Vorstellung unterschiedlich beurteilt wird, sorgt immer wieder für grosse Wellen im städteplanerischen Wasserglas. Einen Vergleich zu ziehen zwischen den «Flaniermeilen» der beiden Ortschaften in Sachen Aufenthaltsqualität sei aufgrund der unterschiedlichen Voraussetzungen schlicht nicht möglich, sagt Monika Litscher, Geschäftsleiterin von «Fussverkehr Schweiz» und fügt an, dass «offensichtlich die Aufenthaltsqualität für Fussgänger in Liestal eine andere Priorität hat als in Sissach».
Würde man diese Qualität auch in Sissach anstreben, müsste aus ihrer Sicht der motorisierte Verkehr massiv zurückgebunden werden. Aufgrund der jetzigen Gegebenheiten steht die zwischenmenschliche Begegnung im Sinne einer Flaniermeile mit Gartenwirtschaften und anderen Sitzgelegenheiten in Sissach offensichtlich nicht im Vordergrund, meint sie. Möchte Sissach ähnlich wie Liestal die Aufenthaltsqualität für Fussgänger in seiner Begegnungszone erhöhen, empfiehlt sie, die Prioritäten anders zu setzen und neu zu bestimmen, welche Verkehrsmittel künftig eine Zufahrtsberechtigung haben sollen.
Dem Gewerbe die Angst nehmen
Auf die Interessen der Gewerbetreibenden angesprochen, meint Litscher, eine Angst vor massiven Einbussen durch die Verbannung des motorisierten Verkehrs aus der Einkaufsmeile sei unbegründet. Und nimmt dazu die Welschschweiz zum Vorbild, wo in vielen Ortschaften die Verbannung des motorisierten Verkehrs aus den Einkaufsstrassen zu keinen finanziellen Einbussen bei den Geschäften geführt hat. «Im Gegenteil. Die Menschen verweilen viel länger vor den Läden und tätigen entsprechend mehr Einkäufe.» Wobei zu beachten sei, dass die Parkmöglichkeiten für Autos rund um die Begegnungszone in Liestal momentan um einiges grösser sind als in Sissach. Monika Litscher findet, Sissach sollte sein Konzept für die Begegnungszone überdenken, um die zwischenmenschliche Begegnung im Sinne einer gemächlichen Flanier- und Einkaufsmeile ohne Barrieren wieder vermehrt in den Vordergrund zu stellen. Prioritär sollte den Gewerbetreibenden die Angst vor Einnahmenverlusten genommen werden. Und sie fügt im Sinne einer Empfehlung an: «Vielleicht sollte man mal mit Liestal reden.»

