Mittendrin beim überraschenden Erfolg
29.01.2021 Baselbiet, SportSebastian Wirz
Von Leonard Grazioli können junge Sportlerinnen und Sportler einiges lernen – dabei ist der Sissacher Handballer vergangene Woche erst 20 Jahre alt geworden. Doch er hat im noch sehr jungen Jahr 2021 schon sehr viel richtig gemacht.
Lehre 1: ...
Sebastian Wirz
Von Leonard Grazioli können junge Sportlerinnen und Sportler einiges lernen – dabei ist der Sissacher Handballer vergangene Woche erst 20 Jahre alt geworden. Doch er hat im noch sehr jungen Jahr 2021 schon sehr viel richtig gemacht.
Lehre 1: Kommunikation lohnt sich
Alles ist Kommunikation. Und manchmal ist Kommunikation alles. Natürlich hat Leonard Grazioli ganz viel anderes tun müssen, um beim HSC Suhr Aarau in der Nationalliga A zwischen den Pfosten zu stehen und 2020 zu seinen ersten beiden Einsätzen in der Nationalmannschaft zu kommen. Dass er in den vergangenen beiden Wochen aber gar an den Weltmeisterschaften in Ägypten mit von der Partie war, hat nicht zuletzt mit Kommunikation zu tun.
Am Montag vor einer Woche erfuhr Grazioli von seinem Arzt, dass die Verletzung an der Hand wieder in Ordnung sei. Handballtrainings und -spiele seien wieder möglich. Der Sissacher informierte sofort Nationatrainer Michael Suter. «Ich halte ihn immer auf dem Laufenden, aber es ging nicht immer so schnell wie in diesem Fall», sagt Grazioli. Die Information sollte sich auszahlen. Zwei Teams sagten aus Pandemie-Gründen für die WM ab, die Schweiz rückte nach und Michael Suter musste in einer Nacht-und-Nebel-Aktion sein Kader zusammentrommeln. Mit dem Wissen, dass Grazioli wieder fit ist, lag das Telefonat nach Sissach nahe – und schon hatte Suter seinen dritten Torhüter für das WM-Abenteuer.
Lehre 2: Sei bereit – und bleib cool
Wer etwas erreichen will und die richtigen Karten in der Hand hat, muss «all in» gehen. Dass Grazioli Handball-Profi werden und einst im Ausland für Furore sorgen will, ist bekannt. Als er am Dienstag mit einem Gym-Kollegen daran ist, eine Präsentation für den Folgetag durchzugehen, ruft Nationaltrainer Suter an. Dass Grazioli zusagt, ist sofort klar. Danach musste alles schnell gehen. «Das ist schon toll in der Sportklasse», sagt der Gymnasiast, «ich habe den Verantwortlichen um 21.30 Uhr angerufen – und es war alles kein Problem.» Er durfte zur Nati, dabei hatte er aufgrund der Kurzfristigkeit nicht einmal ein offizielles Aufgebot, sondern nur eine provisorische E-Mail.
Grazioli packte seine Sachen, bat die Mutter, eine Rechnung zu bezahlen, was er am Folgetag erledigen wollte, und reiste nach Schaffhausen. «Als ich merkte, dass ich meinen Pass irgendwo verloren haben muss, wurde ich schon nervös», sagt Grazioli. Zu den Corona-Tests beim Zusammenzug kamen also vor dem eiligst organisierten Flug nach Nordafrika noch eine Verlustmeldung bei der Polizei und ein Besuch in Kloten, um sich einen Notfall-Pass ausstellen zu lassen. «Rückblickend kann ich über die Episode schmunzeln.» Das cool Bleiben hat sich gelohnt.
Lehre 3: Nimm, was du bekommst
Grazioli kennt seine Rolle. Hinter Nikola Portner, der in Ägypten ein begeisterndes Turnier zeigte, und Aurel Bringolf reiste er als dritter Torhüter zur WM. «Es hätte durchaus passieren können, dass ich keine Einsatzminuten erhalte. Als dritter Torhüter bist du für Notfälle da», sagt der Realist. Am Ende wurde er gegen Norwegen eingesetzt, konnte die beiden Penaltys, die auf sein Tor flogen, aber nicht halten. «Das waren jetzt nicht grade schlechte Werfer, die mir gegenüberstanden. Ich habe mich davon aber nicht nervös machen lassen. Man darf nicht zu viel überlegen oder Respekt haben», sagt Grazioli. «Ich habe gearbeitet wie immer.»
Der Oberbaselbieter nimmt trotz wenig Einsatzzeit viel mit. «Abgesehen davon, dass ich jeden Tag mit diesen Leuten trainiert habe, war es ein grossartiges Erlebnis, an das ich wohl für immer denken werde.» Die Qualifikation für die Hauptrunde sei für die Schweiz nach mehr als 20 Jahren ohne WM-Teilnahme ein riesiger Erfolg. Und ein wegweisender: «Ich bin überzeugt: Das war nicht meine letzte WM. Ich werde wieder an solch einem Turnier spielen, vielleicht mit ein paar Einsatzminuten mehr.»
Lehre 4: Arbeite weiter
Grosses Erlebnis hin oder her: Leonard Grazioli ist wieder im Alltag angekommen. Die Präsentation am Gym muss nachgeholt werden, im Sommer steht die Matura bevor. Und bei Suhr Aarau geht es nach seiner Verletzung darum, sich wieder die gewohnte Einsatzzeit an der Seite des serbischen Profi-Goalies Dragan Marjanac zu erkämpfen. «Ich bin zweiter Torhüter in der Nationalliga A und sehe meine Perspektiven», sagt der Sissacher.
Nach dem Gym-Abschluss im Sommer will Grazioli noch stärker auf den Sport setzen. Den Militärdienst würde er gerne als Spitzensportler-Rekrut absolvieren. Danach sei ein Studium denkbar. «Aber der Handball wird im Vordergrund stehen», sagt Grazioli. Der Athlet hat seine Lehren gezogen. Er setzt voll auf die Handballkarriere.
«Spanien ist jetzt Favorit»
wis. Heute geht die Handball-Weltmeisterschaft in Ägypten mit den Halbfinals in die Endphase. Um 17.30 Uhr trifft Spanien auf Dänemark, um 20.30 Uhr machen Frankreich und Schweden unter sich aus, wer am Sonntag als zweites Team um Gold spielt.
Für Leonard Grazioli zeigt die spanische Nationalmannschaft den attraktivsten Handball. «Nach dem deutlichen 31:26-Sieg im Viertelfinal gegen Norwegen sind die Spanier Favorit», ist Grazioli überzeugt. Für Spanien wäre es nach den Europameistertiteln 2018 und 2020 der dritte Grosserfolg in vier Jahren.
Dänemark hat sich im Viertelfinal äusserst knapp gegen Gastgeber Ägypten durchgesetzt. «Sie hatten am Mittwoch einen Riesenkampf mit zwei Verlängerungen und dem Penaltyschiessen – und das nach so einem langen Turnier», sagt Leonard Grazioli, «sie werden es sehr schwer haben.» «Frankreich hat sich durchs Turnier geschlängelt», nennt es der Sissacher Torhüter. Zwar hat die eigentliche Handball-Macht ihre Vorrundengruppe gewonnen, aber die Schweiz unterlag zum Beispiel nur mit einem Tor, Island mit zwei Treffern. Gegen Ungarn ging es für die Franzosen im Viertelfinal in die Verlängerung. «Immer wenn es zählt, sind sie da und spielen stark. Ich gehe davon aus, dass sie sich für den Final qualifizieren», sagt Grazioli.
Im Halbfinal treffen die Franzosen auf Schweden. «Sie sind gut, aber ich hätte sie nicht unter den ersten vier erwartet», sagt der Sissacher über die Skandinavier. «Vielleicht reicht es für den Final, aber dass die Schweden Weltmeister werden, denke ich nicht.»