«Ich finde das Wort Influencer nicht so toll»
15.01.2021 Bezirk Sissach, RünenbergAdrian Vogt hat sich als Schweizer Youtuber selbstständig gemacht
Adrian Vogt (22) ist im Internet besser bekannt als «aditotoro». Vor einem Jahr hat sich Vogt selbstständig gemacht als Influencer. Gleich danach ist die Zuschauerschaft seines Youtube-Kanals dank des ersten ...
Adrian Vogt hat sich als Schweizer Youtuber selbstständig gemacht
Adrian Vogt (22) ist im Internet besser bekannt als «aditotoro». Vor einem Jahr hat sich Vogt selbstständig gemacht als Influencer. Gleich danach ist die Zuschauerschaft seines Youtube-Kanals dank des ersten Corona-Lockdowns im Frühling stark gewachsen.
Anouk Jordi
Herr Vogt, starten wir mit einer der wohl meistdiskutierten Fragen unter Ihren Zuschauern: Wieso haben Sie diesen Schnauz?
Adrian Vogt: Ich dachte, da kommt jetzt etwas anderes. Es hat damit angefangen, dass ich ein Bild gepostet habe, auf dem ich etwas unrasiert war. Da mir ein Bart nicht gefällt, haben Gian Maria Finger, ein Youtube-Kollege, und ich uns geeinigt, dass ich mir den Schnauz stehen lasse. Das war aber alles nur lustig gemeint. Gian und ich machten dann den Song «Marketing-Schnauz». Darin geht es scherzhaft darum, dass ich den Schnauz nur zu Marketing-Zwecken hätte. Nach dem Song musste ich ihn ohnehin noch zwei bis drei Monate behalten, und danach ist er gleich ganz geblieben.
Wie würden Sie den Begriff Influencer definieren?
Ich finde das Wort Influencer nicht so toll. Das ist nur der Marketing-Teil der Tätigkeit. Doch jeder Influencer muss irgendein Talent haben. Das ist klassischerweise Unterhalter, Sportler oder Model. Wenn eine Person dann eine gewisse Reichweite mit Videos im Internet hat, kommen Firmen auf sie zu, die Werbung mit ihr machen wollen.
Sind Sie denn ein Influencer?
Eigentlich ja, ich höre es einfach nicht so gerne. Ich finde es aber nicht schlimm, wenn ich so genannt werde. Ich bezeichne mich lieber als Youtuber oder Content Creator. Das Influencer-Ding kommt dann halt irgendwann dazu.
Sie haben sich im Januar 2020 selbstständig gemacht. Wie kann man sich Ihren Beruf vorstellen?
Das lässt sich sehr gut mit einer Zeitung vergleichen. Nur das Medium ist ein bisschen anders. Statt einen Text zu schreiben, mache ich ein Video. Mein Inhalt zieht dann Zuschauer an. Sobald sich viele Leute etwas anschauen, finden Firmen es interessant, Werbung darauf zu schalten. Es gibt heutzutage viele Firmen, die vielleicht sogar in der «Volksstimme» Werbung schalten, welche die Jungen durch Werbung in der Zeitung, im Radio oder im Fernsehen nicht mehr erreichen, beispielsweise Banken oder Versicherungen. Diese arbeiten immer öfter mit Influencern zusammen. Das ist ähnlich, wie wenn Roger Federer oder Wendy Holdener mit einer Marke zusammenarbeiten.
Nun zu Ihnen: Was machen Sie auf Youtube?
Ich würde es als Unterhaltung oder Comedy beschreiben. Manchmal mache ich auch etwas dumme Videos, Musik, Vlogs und so weiter.
Und auf dem Videoportal Tiktok?
Dort mache ich noch mehr Quatsch. Auf Tiktok mache ich meistens Wortspiele, «Top 5» oder ich nehme Dinge auf, die mir spontan einfallen. In «Top 5» zeige ich immer 5 Arten von Dingen oder Menschen einer bestimmten Kategorie. Anscheindend kommt das gut an. Ich habe auch angefangen, die Gesellschaft zu beobachten. Ich charakterisiere und schubladisiere die Menschen ganz grob. Ich meine das aber nicht böse, es soll nur lustig sein. Viele Zuschauer können sich selbst darin wiedererkennen, und das bringt sie zum Lachen.
Was machen Sie ausser Tiktok und Youtube noch?
Ich hatte einen Podcast, beim SRF moderiere ich das Format Youngbulanz und neu mache ich auch wöchentlich Livestreams. Es kommt also einiges zusammen.
Das älteste Video auf «aditotoro» ist von 2015. Was lief vorher auf Youtube?
Im Jahr 2013 habe ich angefangen, deutsche Youtuber zu schauen. Also habe ich dann ebenfalls versucht, «Lets Plays» auf Hochdeutsch zu machen, das war aber nicht wirklich gut. «Lets Plays» sind Videos, in denen der Youtuber Videospiele spielt und diese kommentiert. Vor meinem Kanal «aditotoro» hatte ich etwa vier oder fünf andere Kanäle. Ich weiss das selber gar nicht mehr so genau. Irgendwann habe ich auf schweizerdeutsche «Lets Plays» umgestellt. Das war aber immer noch ziemlich komisch und unprofessionell. Dann setzte ich mich vor die Kamera. Der Kanal «aditotoro» war der erste, mit dem ich ein bisschen Erfolg hatte. Wie so oft habe ich also in Deutschland etwas gesehen, was mir gefiel, und machte es selber auf Schweizerdeutsch.
Und das nicht gerade erfolglos. Seit Anfang 2020 haben Sie Ihre Abonnentenzahl auf Youtube mehr als verdreifacht. Was machen Sie richtig?
Ich kann mir auch nicht vorstellen, was ich genau richtig gemacht habe. Ich mache keinen anderen Content als vorher. Ich glaube, es war ein Zusammenspiel zwischen dem ersten Lockdown im März und ein paar guten Videos, die ich genau dann gemacht habe. Mein Corona-Song beispielsweise ging voll durch die Decke. Der Lockdown hat mir aber extrem geholfen. Meine ganze Zielgruppe, wovon die meisten noch zur Schule gehen, war für drei Monate praktisch nur zu Hause. Das habe ich gemerkt. Auch auf Tiktok bin ich während Corona gross geworden.
Und wie können Sie damit Geld verdienen?
In erster Linie gar nicht. In zweiter Linie durch die Youtube-Werbung, die vor meinen Videos geschaltet wird. Das ist in der Schweiz aber nahezu nichts. Wir reden von ein paar bis vielleicht etwa 100 Franken pro Monat, wenn es ganz gut läuft. Ich arbeite noch 10 Prozent beim SRF, das ist aber auch ein sehr kleiner Job. Vor allem arbeite ich mit Unternehmen wie Red Bull, Samsung, Schweiz Tourismus oder einzelnen Skigebieten zusammen. Ich darf so beispielsweise die Produkte der Firma testen und benutzen, wenn ich sie in ein Video von mir einbaue, und bekomme Geld von der Firma. Oder mir wird eine Reise bezahlt, wenn ich diese in meinen Videos dokumentiere und die Sponsoren nenne. Das ist meine Haupteinnahmequelle.
Was machen Sie in Ihrer Freizeit?
Hobbys habe ich keine. Das ist ein bisschen ein Problem. Mit Youtube ist mein Hobby zum Beruf geworden. Ich mache aber sehr gerne Sport. Das ist mir wichtig als Ausgleich, weil ich sonst nur zu Hause rumsitze. Ich jogge sehr gerne oder gehe spazieren, und im Winter fahre ich Ski. Auch Squash, Badminton und sogar Darts spiele ich hin und wieder. Sonst unternehme ich gerne etwas mit Freunden, das ist aber kein Hobby.
Was halten Sie von einer Zeitung?
Ich habe sogar einmal für eine Woche bei der «Volksstimme» gearbeitet. Bei den Zeitungen, die meine Eltern abonniert haben, lese ich meistens nur den Sportteil. Es ist schon cool, eine Zeitung in der Hand zu halten und sie zu lesen. Sie ist halt nicht mehr zeitgemäss. Warum sollte ich am nächsten Tag eine Zeitung lesen, wenn ich alles schon am Tag vorher online erfahren konnte? Wenn es eine bessere und schnellere Möglichkeit gibt, etwas zu erfahren, nutze ich das doch. Irgendwie ist es logisch, dass das Internet die Zeitung ablöst. Wenn ich aber etwas gegen Zeitungen hätte, hätte ich für das Interview gar nicht zugesagt.
Wie viel arbeiten Sie?
Ich habe das Gefühl, bei mir ist es mehr als der Durchschnitt von 45 Stunden. 30 bis 35 Stunden arbeite ich vielleicht konkret an meinen Projekten. In der restlichen Zeit denke ich über neue Ideen nach. Ich kann sehr schlecht das Private von der Arbeit trennen, wie das beispielsweise mit einem Büro möglich ist. Ich zeige fast alles in meinen Videos. Jeden Tag, von Montag bis Sonntag, habe ich meinen Beruf im Kopf, mache täglich etwas dafür und habe kein Wochenende. Ich versuche dennoch, dass ich unter der Woche alles geschnitten habe und sicher am Wochenende weniger arbeiten muss. Trotzdem muss ich dann Ausschnitte aus meinem Privatleben posten. Manchmal gibt es auch noch ein Video zu filmen oder eben trotzdem noch etwas zu schneiden. Ich habe auch schon fast drei Tage durchgearbeitet für ein neues Musikvideo. Wenn ich bis um 4 Uhr nachts schneide und um 10 Uhr wieder aufstehe und weiterarbeite, komme ich gut auf 60 bis 70 Stunden pro Woche.
Was war bisher Ihr grösster Erfolg?
Ich denke, dass ich es geschafft habe, seit Anfang 2020 selbstständig zu bleiben. Mir hat das niemand beigebracht, weder den Marketing-Teil, noch das Schneiden von Videos oder alles andere, wovon ich jetzt leben kann. Ich habe mir alles in den Jahren zuvor aufgebaut. Klar, ich habe den Swiss Comedy Award gewonnen oder vielleicht mal ein Video mit 500 000 Aufrufen gehabt. Aber was ich am besten finde, ist, dass ich von dem leben kann, was ich mir selbst aufgebaut habe. Das ist mein Ding.
Und was erhoffen Sie sich von der Zukunft?
Ich hoffe, dass ich so lange wie möglich davon leben kann und dass es mir weiterhin Spass macht. Die Gefahr ist, dass der Spass verloren geht, sobald etwas zum Beruf wird. Ausserdem hoffe ich, dass ich nie in einem Büro arbeiten muss. Das hat für mich nicht richtig geklappt. Chefs waren nie mein Ding. Mit einem Vorgesetzten darf ich nichts gross anders machen, als er es gesagt hat. Wieder in ein Büro arbeiten zu gehen, habe ich in Zukunft nicht vor. Jetzt kann ich mich aber nicht beklagen, und wenn es so weitergeht, dann ist alles gut.
Mit Youtube Geld verdienen
ajo. In den Jahren 2007 und 2008 wurde das «Youtube-Partnerprogramm» lanciert. Damit beteiligt Youtube die Content Creators auf seiner Plattform an den Einnahmen der Werbung, die vor deren Videos geschaltet wird. Dafür müssen aber einige Kriterien erfüllt sein, wie eine gewisse Regelmässigkeit, in der die Videos hochgeladen werden, oder ein Minimum von 1000 Abonnenten auf dem Kanal. Da das Geld gemessen an der Anzahl Aufrufe der Videos ausbezahlt wird, können die Youtuber in Deutschland damit jedoch viel mehr verdienen als die in der Schweiz. Der deutschsprachige Markt ist schlicht viel grösser als der in der Deutschschweiz, und englische Videos haben entsprechend noch viel mehr Potenzial. Folglich gibt es kaum Schweizer, die von Youtube leben können.
Zur Person
ajo. Adrian Vogt wird morgen Samstag 22 Jahre alt und lädt seit vier Jahren regelmässig schweizerdeutsche Unterhaltungsvideos auf seinen Youtube-Kanal aditotoro hoch. Er ist in Rünenberg aufgewachsen und hat die Wirtschaftsmittelschule in Liestal im Jahr 2018 erfolgreich abgeschlossen. Als Teil davon hat Vogt ein einjähriges Praktikum in einer Bank absolviert und nach seinem Abschluss eines bei Radio Basilisk. Nach dem Zivildienst in einer Kita in Basel machte er sich im Januar 2020 selbstständig mit seinem Youtube-Kanal – als einer der ersten Schweizer Youtuber.


