«Ich möchte mich nicht verstellen»
31.12.2020 BaselbietFür Tamara Wernli kommt ein Einstieg in die Politik nicht infrage
Tamara Wernli schreibt Kolumnen über Themen, die sie selbst interessieren und zu denen sie etwas beitragen kann. Darum komme Donald Trump selten vor. Die ehemalige Fernsehfrau hofft, dass sich die Menschen mit der ...
Für Tamara Wernli kommt ein Einstieg in die Politik nicht infrage
Tamara Wernli schreibt Kolumnen über Themen, die sie selbst interessieren und zu denen sie etwas beitragen kann. Darum komme Donald Trump selten vor. Die ehemalige Fernsehfrau hofft, dass sich die Menschen mit der Corona-Impfung etwas entspannen.
Robert Bösiger
Frau Wernli, wie geht Ihnen?
Tamara Wernli: Mir gehts gut, besten Dank.
Wie war Ihr Jahr 2020?
Durchzogen. Wir sind alle gesund, und das ist gut so. Und grundsätzlich hat sich nicht viel geändert in meinem Leben – auch beruflich nicht. Als Selbstständige habe ich aber schon realisieren müssen, dass die Aufträge etwas zurückgehen und damit die Honorareinnahmen.
Nach welchen Kriterien suchen Sie sich jeweils das Thema der aktuellen Kolumne oder des Blogs aus?
Zunächst lese ich sehr viel. Dann überlege ich mir, was die Leute interessieren könnte, worüber sie gerade reden und was derzeit die Gemüter erregt. Ein Thema muss schon etwas Zündstoff drin haben, damit es mich reizt, darüber zu schreiben. Es sollte auch ein Thema sein, zu dem ich meine eigene Meinung einbringen kann. Und letztlich sollte es idealerweise ein Thema sein, das mich selber interessiert. Ein Beispiel: Über Donald Trump wurde in letzter Zeit sehr viel geschrieben. Ich habe, wenn ich mich richtig erinnere, bloss einmal über ihn geschrieben – auch deshalb, weil er mich nicht besonders interessiert.
Im laufenden Jahr haben Ihnen Corona und die Pandemie viel Stoff für Beiträge geboten.
Das ist richtig. Und Corona dürfte weiterhin Stoff liefern …
Wird es denn auf die Dauer nicht langweilig, immer diese Thematik zu bemühen?
Seit März habe ich nur fünf Mal über Corona geschrieben. Das ist wenig, vor allem in Relation zu dem, was die Medien über Corona schreiben und verbreiten. Ich habe ein relativ breites Themenspektrum. Ich decke alle möglichen Aspekte des gesellschaftlichen Lebens ab.
Führen Sie eine Statistik über die Themenbereiche, die Sie anpacken?
Nein, überhaupt nicht.
Wenn es eine solche Statistik gäbe: Welches «Sujet» würde die Hitliste wohl anführen?
Gefühlt ziemlich sicher etwas, das mit dem Verhältnis von Mann und Frau zu tun hätte.
Ihr Gefühl täuscht Sie nicht! Wir haben Statistik geführt über die publizierten Kolumnen 2020. Und siehe da: Der Themenbereich Mann-Frau-Verhältnis, Feminismus und Gleichstellung und so weiter führt mit Abstand.
Das ist sehr interessant. Das zeigt, dass es sich hier um eine Thematik handelt, die alle von uns betrifft.
Gibt es No-go-Themen?
Die gibt es per se nicht. Aber von Politik und Wirtschaft lasse ich eher die Finger. Mich interessieren die Menschen und die Gesellschaft.
Grundsätzlich aber machen Sie also um kein Thema einen Bogen – zum Beispiel, um eine bestimmte Lesergruppe nicht zu verärgern, oder?
Im Gegenteil! Ich schreibe ja nicht, weil ich möchte, dass mich alle lieben. Sonst müsste ich keine Kolumnen schreiben. Ich freue mich, wenn um eine Kolumne eine Kontroverse entsteht und nicht alle der gleichen Meinung sind wie ich.
Hand aufs Herz: Sie provozieren gerne und legen sich vor allem sehr gerne mit den Feministinnen an – oder, um mit Ihren Worten zu sprechen, der «erregungsaffinen Feministenfront».
Ich provoziere nicht einfach um der Provokation willen und weil ich sticheln möchte. Aber wenn ich etwas absurd oder unsinnig finde, halte ich mich nicht zurück mit gedämpften Worten und Samthandschuhen. Dann sage ich es so, wie ich es empfinde. Übrigens: Diese Gruppen – zum Beispiel die angesprochene Feministenfront – provozieren noch viel mehr als ich. Dagegen bin ich eine kleine Nummer.
Wenn wir Ihre Kolumnen in dieser Sache lesen, zeigt sich etwas wie ein roter Faden: Sie ärgern sich darüber, dass Frauen häufig in eine Opferrolle gedrängt werden – oder freiwillig darin aufgehen. Ist das so?
Das stimmt. Obwohl ich präzisieren muss: Ich spreche ja von Frauen hierzulande beziehungsweise bei uns im Westen und nicht von solchen etwa im Iran. Dort haben sie allen Grund, auf Diskriminierung hinzuweisen, und sind tatsächlich häufig Opfer eines ungerechten, frauenfeindlichen Systems.
Es liegt auf der Hand, dass Sie gerade von dieser Seite Widerspruch ernten. Und vermutlich Schlimmeres: Hass, Anfeindungen, Verunglimpfungen. – Wie gehen Sie um damit?
Widerspruch erlebe ich selbstverständlich und je nach Kolumne ernte ich vor allem in den sozialen Medien Kritik. Aber Schlimmeres zum Glück kaum. Einen echten Shitstorm habe ich bisher noch nicht erlebt. Aber Kritik und Widerspruch gehören zum Geschäft. Ich möchte ja nicht nur für Leute schreiben, die meiner Meinung sind.
Wie wehren Sie sich dagegen?
Gar nicht. Denn ich lese ja auch nicht alles, was kommentiert und geschrieben wird als Reaktion auf das, was ich publiziere. Ich versuche, abfällige Kommentare von fremden Leuten ebenso wenig meine Psyche beeinflussen zu lassen wie Lob und Zuspruch. Ich bin überzeugt: Wer auf den sozialen Medien aktiv ist, muss mit beidem leben und es wegstecken können. Aktiv wehren würde ich mich dann, wenn ich bedroht würde oder bei übler Nachrede.
Durch Ihr Engagement zum Beispiel gegen die «Feministenfront» und für die Männer haben Sie sich von den ein paar Prädikate erarbeitet. Zum Beispiel «Die Männerversteherin». Oder «Antifeministisches It-Girl». Ist das einfach Berufsrisiko?
Die «Männerversteherin», das war doch sehr nett von der «Neuen Zürcher Zeitung». Antifeministisch aber, das bin ich nicht. Denn Feminismus ist grundsätzlich etwas sehr Gutes und ich bin allen Feministinnen dankbar, die vor Jahrzehnten für die Rechte der Frauen gekämpft haben. Ich kritisiere nur gewisse Auswüchse des modernen Feminismus.
Geben Sie uns ein Beispiel bitte?
Ein einziges Beispiel, machen Sie Witze? Wenn man in allem und an jeder Ecke Sexismus ortet, weil etwa ein Bild den nackten Rücken oder das schöne Dekolletee einer Frau zeigt oder ein Gedicht über Frauen und Blumen angeblich «frauenverachtend» sein soll – über solche «Probleme» muss ich lachen.
Welches ist das schönste Kompliment, das Sie in den Medien erhalten haben?
Ich höre es gerne, wenn jemand sagt, ich spräche ihm aus der Seele. Und ich habe auch gern, wenn jemand anerkennt, dass ich auch ernste Themen mit einer Prise Humor beschreibe.
Wenn Sie eine Kolumne schreiben oder einen Videobeitrag machen, was möchten Sie damit erreichen?
Ich möchte die Leute unterhalten. Also nicht aufklären und nicht belehren. Dafür unterhalten. Oder noch besser: Ich möchte sie zum Schmunzeln bringen. Und wenn es mir gleichzeitig gelingt, den Menschen einen anderen Blickwinkel näherzubringen, dann ist es umso besser.
Wie wichtig ist Ihnen der Applaus?
Ich freue mich selbstverständlich, wenn meine Kolumnen gelesen und die Videos geschaut werden. Man möchte ja wahrgenommen werden. Und ich freue mich über Feedback – und über Komplimente. In diesem Sinn ist mir Applaus wichtig, doch.
Gehen wir doch nochmals zurück zu Covid-19. Was hat das Virus mit uns, mit unserer Gesellschaft gemacht?
Ich glaube, unsere Gesellschaft ist in zwei Lager gespalten. Die eine Gruppe, die sich unwidersprochen an die verordneten Regeln hält und vielleicht noch mehr staatliche Eingriffe und Verbote wünscht. Und da ist die andere Gruppe, welche die ganze Sache eher kritisch sieht und den verordneten Massnahmen entsprechend skeptisch gegenübersteht. Das Virus ist gefährlich und wir müssen uns unbedingt an die Hygiene- und Abstandsregeln halten. Gewisse Massnahmen hinterfrage ich dennoch: Zum Beispiel, ob es verhältnismässig ist, dass man Restaurants schliesst, zumal ja gar keine fundierten Untersuchungen existieren, wie viele Infektionen in einem Restaurant passieren, das die Schutzmassnahmen streng umsetzt. Auch die Widersprüche im Teil-Lockdown stimmen mich nachdenklich: Im öV oder im Flieger sitzen ist okay, im Fitnessstudio Sport machen, ist nicht okay. Ich stelle leider fest, dass entgegen meiner Erwartung die Menschen durch diese Pandemie nicht näher zusammengerückt sind.
Sie würden Ihre besten Texte schreiben, wenn Sie wütend seien, haben Sie mal in einem Interview gesagt. Braucht es das heutzutage auch noch?
Ja, das hat was. Wenn ich «hässig» bin, geht mir ein Text tatsächlich am einfachsten von der Hand.
Lassen wir das Jahr ausklingen. Was haben Sie auf Ihrer persönlichen «Bucketlist», der Liste der Dinge, die man erreichen oder erleben möchte, im 2020 abhaken können?
Ich führe keine solche Liste. Ich nehme jeden Tag, wie er kommt, habe kaum grosse Pläne. Ich versuche, jene Ideen zu verwirklichen, die mich gerade umtreiben und jede Kolumne so gut wie möglich und jedes Video so spannend und gut recherchiert wie möglich zu realisieren. Nicht auf der Bucketlist war, dass ich einmal auf der Frontseite einer grossen Zeitung bin. Dieses Jahr war ich auf Seite 1 der deutschen «Bild.de», das war eine grosse Überraschung. Hintergrund war übrigens eine Diskussion um US-Präsident Donald Trump, an der ich teilnahm.
Was erwarten Sie vom Jahr 2021?
Den Corona-Impfstoff. Wobei dies unsere derzeitige Situation rund ums Virus nicht von heute auf morgen gross ändern dürfte. Aber wer weiss: Vielleicht werden die Menschen dann etwas entspannter sein. Das wäre schön. Für mich, meine Familie und für alle von uns hoffe ich, dass wir gesund bleiben. Ein Ziel für 2021 hätte ich schon: Mit meinem Youtube-Kanal möchte ich die 100 000er-Abo-Schwelle knacken. Diese magische Zahl würde ich wirklich gern erreichen.
Haben Sie Vorsätze fürs kommende Jahr?
Keine! Sehen Sie: Abnehmen muss ich nicht. Genügend Bewegung habe ich. Und freundlicher werden zu meinen Mitmenschen muss ich auch nicht wirklich, ich bin es ja jetzt schon. So gesehen brauche ich keine Vorsätze zu fassen.
Wie sieht es denn mit einem Einstieg in die Politik aus? Vor etwa zwei Jahren ist Ihnen von den Basler Freisinnigen ein Platz auf der Nationalratsliste angeboten worden. Damals haben Sie abgewunken. Und heute?
Das ist für mich noch immer kein Thema. Ich könnte das enge Korsett, das man als Politikerin trägt, wohl nicht ertragen. Ich spreche gern so, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Ich möchte mich nicht verstellen oder verbiegen, möchte auch nicht diplomatisch sein, wenn ich dazu keine Lust verspüre, oder ständig Kompromisse eingehen müssen. Vielleicht bin ich diesbezüglich einfach zu egoistisch. Zudem könnte ich nicht mehr so frei meine Kolumnen schreiben wie bisher. Seit 22 Jahren bin ich selbstständig und ich habe alle meine Freiheiten, die ich nicht aufgeben möchte mit einem Einstieg in die Politik.
Themawechsel: Wie halten Sie es mit dem Älterwerden? Wir behaupten: Das ist kein Thema für Sie, oder?
Aber sicher doch. Hie und da ist die Schrift auf einem Zettel zu klein und ich kann sie nicht lesen. Oder dann habe ich das Gefühl, ich könne mich manchmal nicht mehr so lange am Stück konzentrieren wie früher; dann mache ich Pausen. Deshalb: Doch doch, ich merke schon, dass ich älter werde.
Zur Person
rob. Tamara Wernli, 1972 in Basel geboren und aufgewachsen, macht das eidgenössische Handelsdiplom, absolviert eine Schauspielausbildung in Los Angeles und studiert am Schweizerischen Public-Relations-Institut. Erst kürzlich hat sie im Fernstudium an einer britischen Universität Geschichte (europäische Geschichte vom Mittelalter bis zum Fall der deutschen Mauer) studiert und mit dem Bachelor abgeschlossen. Wernli war 15 Jahre lang Newsmoderatorin bei «Telebasel» sowie Realisatorin und Produzentin eigener Talkshows. Heute ist sie selbstständige Kolumnistin (unter anderem in der «Weltwoche») und Webvideoproduzentin mit eigenem Youtube-Kanal sowie Referentin und Beraterin im Bereich soziale Medien. Sie ist verheiratet und wohnt bei Basel.