«Fusionen sind nicht das Allheilmittel»
31.12.2020 Baselbiet«Breesi» Markus Miescher über Fusionen und den Strassenlärm im Dorf
Sind Gemeindefusionen unbaselbieterisch? Nicht unbedingt, sagt der Arisdörfer «Breesi» Markus Miescher. Anders als im benachbarten Aargau setze der Kanton aber kaum Anreize dafür.
Sebastian ...
«Breesi» Markus Miescher über Fusionen und den Strassenlärm im Dorf
Sind Gemeindefusionen unbaselbieterisch? Nicht unbedingt, sagt der Arisdörfer «Breesi» Markus Miescher. Anders als im benachbarten Aargau setze der Kanton aber kaum Anreize dafür.
Sebastian Schanzer
Herr Miescher, im September haben die Arisdörfer einen Kredit gesprochen, um den Zusammenschluss mit Hersberg zu prüfen. 1882 wurde der Baselbieter Teil der Aargauer Gemeinde Olsberg mit Arisdorf fusioniert. Wie ist das heute: Unterscheidet man zwischen Baselbieter Olsbergern und Arisdörfern?
Markus Miescher: Soviel ich weiss, war diese Fusion vom Kanton verordnet. Für den Arisdörfer sind das heute die Leute vom «Ländli». Ursprünglich waren das wenige Familien. Vor etwa 20 Jahren wurden zwei zusätzliche Wohnblöcke gebaut. Die Menschen, die dort wohnen, fühlen sich wahrscheinlich eher als Olsberger. Sie schicken ihre Kinder vielfach ins aargauische Dorf zur Schule. Wenn man sich die Karte anschaut, leuchtet dies auch ein. Olsberg erscheint als ein Dorf, lediglich entzweit durch den Violenbach, der gleichzeitig auch die Grenze zwischen Baselland und Aargau markiert.
Ist diese Geschichte ein Grund, warum die Arisdörfer offenbar kaum Berührungsängste gegenüber einem weiteren Zusammenschluss haben?
Das glaube ich nicht. Den wenigsten Einwohnern ist bewusst, dass hier im 19. Jahrhundert eine Fusion vorgenommen wurde. Ein enger Jugendfreund von mir kam aus dem «Ländli». Er sah sich durch und durch als Arisdörfer und ist jeden Tag über den Hügel zur Schule gegangen.
Auf welchem Stand befindet sich das Projekt Zusammenschluss mit Hersberg derzeit?
Der Kredit zur Prüfung wurde in Arisdorf mit coronabedingter Verspätung im September gesprochen. Die Referendumsfrist ist mittlerweile auch ungenutzt abgelaufen. Der Ausschuss hat nun die erste Sitzung durchgeführt. Mehr ist noch nicht passiert.
Haben Sie schon Widerstand aus der Bevölkerung erfahren?
In Hersberg ging einmal ein Flugblatt um, in dem kritische Fragen aufgeworfen wurden. Das ist meiner Meinung nach aber zu begrüssen. Alle Meinungen sollen auf den Tisch, denn umso gründlicher werden auch unsere Abklärungen sein. Und nichts Weiteres als abzuklären ist das, was wir tun. Wir wollen herausfinden, ob ein Zusammenschluss sinnvoll ist oder nicht. Und ich bin überzeugt: Wenn er sinnvoll ist, werden auch beide Gemeinden zustimmen. Wenn nicht, dann eben nicht. Das Einzige, was wir falsch machen könnten, wäre, keine Abklärungen zu treffen. Denn dann wüssten wir auch nicht, ob es sinnvoll wäre.
Im Baselbiet sind Zusammenschlüsse von unpopulär. Das zeigt allein die Anzahl freiwillig vorgenommener Fusionen: eine. Warum ist das so?
Ganz einfach: Das Baselbiet fördert solche Bestrebungen nicht. Der Kanton Aargau steht dafür ein, dass Fusionen gefördert werden. Er tut dies auch mit finanzieller Unterstützung und mit Beratung der Gemeinden. Eine konkrete Knacknuss in unserem Fall ist zum Beispiel der unterschiedliche Steuerfuss von Hersberg und Arisdorf. Wenn der Kanton hier für einen Ausgleich sorgen würde, wie man es im Aargau tut, dann wäre es deutlich einfacher, eine Fusion zu realisieren.
Vielleicht ist im Baselbiet auch einfach der Leidensdruck noch nicht gross genug.
Wenn dem so ist, dann wird sich das sicher noch ändern. Die Gemeinde Hersberg denkt über den Zusammenschluss nach, weil sie immer wieder Probleme hat, ihre Behörden vollständig zu besetzen. Dieses Problem wird sich akzentuieren, auch in anderen Baselbieter Gemeinden. Ich bin mir sicher: In 25 Jahren sieht die Gemeindelandschaft auch im Baselbiet nicht mehr so aus wie heute.
Gefällt Ihnen diese Vorstellung?
Ich habe mich auf jeden Fall gefreut, dass die beiden Gemeinden diese Prüfung vornehmen wollen. Ich sage aber nicht, dass Fusionen das Allheilmittel seien. Es gehen bestimmt auch Dinge verloren dabei. Und da kommen eben die Emotionen ins Spiel. Obwohl den Menschen heute Begriffe wie Heimat nicht mehr so wichtig scheinen: An ihren Wappen und Ortsnamen hängen viele trotzdem. Umso wichtiger ist eine fundierte Abklärung. Will man etwas verändern, muss man mit Fakten belegen, warum diese Änderung gut sein soll.
Themenwechsel: Vor 50 Jahren wurde in Eptingen die heutige Autobahn A2 zwischen Augst und dem Mittelland eröffnet. Bei der Routenplanung entschied man sich für die «Variante Arisdorf». Wie hat die Strasse das Dorf verändert?
Zunächst einmal bedeutet sie für die Einwohner einen guten Anschluss an die Städte Basel, Zürich, Bern oder andere Ecken der Schweiz. Allerdings: Die eigene Ein- und Ausfahrt bestand nicht von Anfang an. Bekommen haben wir sie wegen der Deponie Elbisgraben. Heute wird sie auch für die Deponie Höli benutzt. Das ist der positive Aspekt. Natürlich bedeutet die Autobahn auch eine grössere Belastung durch Lärm und Abgase.
Wie gross ist diese Belastung für die Einwohner?
Das ist sehr unterschiedlich. Nicht alle Menschen nehmen die Belastung gleich wahr. Es gibt jene, die stark darunter leiden. Manche sind deswegen sogar aus Arisdorf weggezogen. Andere nehmen den Lärm einfach in Kauf und beschweren sich nicht darüber. Zu denen gehöre ich. Ich schätze den Anschluss an die Autobahn sehr, auch wenn der Lärm je nach Windlage unerträglich ist. An sich steht ja schon seit Längerem die Totalsanierung der Autobahn an. Es wurde uns einmal gesagt, zwischen 2021 und 2023 sollen die Arbeiten ausgeführt werden. Dieses Ziel ist mittlerweile aber in weite Ferne gerückt. Das Bundesamt für Strassen tut sich schwer damit.
Eine andere Strasse, nämlich die Hauptstrasse durch das Dorf, ist da schon weiter. Hier ist der Kanton zuständig. Nach einem langen Vorgeplänkel inklusive Rechtsstreitereien konnten im Jahr 2019 endlich die Sanierungsarbeiten beginnen. Auf welchem Stand befindet sich der Bau derzeit?
Wir haben jetzt das zweite von insgesamt sechs Jahren Bauzeit hinter uns. Wenn also alles nach Plan läuft, sind wir in vier Jahren durch.
Zum Lärm von der Autobahn kommt im Moment also noch der Baulärm auf der Hauptstrasse hinzu. Sorgt das nicht für eine gereizte Stimmung im Dorf?
Der Baulärm ist verkraftbar, auch weil klar ist, dass er, anders als bei der Autobahn, irgendwann vorübergeht. Die meisten Leute haben Verständnis dafür, dass es bei Bauprojekten auch Unannehmlichkeiten gibt. Und umgekehrt zeigt der Kanton, genauer das Tiefbauamt, als Bauherr meines Wissens das nötige Fingerspitzengefühl und Verständnis für die Anliegen der Anwohner – im Rahmen des finanziell und technisch Möglichen.