MEINUNG
30.10.2020 Gesellschaft70 Jahre
Zum Artikel «90 Sekunden Kritik, Frust und Verständnis» in der «Volksstimme» vom 20. Oktober, Seite 3
Jetzt, da wir uns mit einer zweiten Covid-Welle konfrontiert sehen und in Waldenburg laut und deutlich über deren Folgen und ...
70 Jahre
Zum Artikel «90 Sekunden Kritik, Frust und Verständnis» in der «Volksstimme» vom 20. Oktober, Seite 3
Jetzt, da wir uns mit einer zweiten Covid-Welle konfrontiert sehen und in Waldenburg laut und deutlich über deren Folgen und die Massnahmen der Behörden Klage geführt wird, wäre es an der Zeit, vielleicht einmal grundlegendere Gedanken über diese Krise anzustellen. Ein Virus denkt und spricht nicht. Es kann uns nichts sagen. Aber es könnte uns denkenden Menschen Anlass sein, darüber nachzudenken, in welche Lage wir denkenden Menschen uns gebracht haben.
Es ist ziemlich genau 70 Jahre her, seit die industrialisierten Länder auf der Nordhalbkugel unseres Planeten auf breiter Basis damit begonnen haben, ihr Wirtschaftswachstum auf Öl zu bauen, die Umwelt mit Abgasen, Abwässern und Abfällen zu belasten und gemeinsam Lift zu fahren. Dieser Lift führte zu Wohlstand, den nicht länger nur die reichen, sondern zunehmend auch die ärmeren Schichten geniessen konnten. Sinnbild dieser Entwicklung ist das Automobil. War dieses anfänglich noch ein Luxusobjekt weniger reicher Leute, so kann und muss es sich heute jeder und jede leisten. Auch touristische Gewohnheiten zeigen auf, was sich in diesen 70 Jahren getan hat: Wenn man sich überhaupt Ferien leisten konnte, dann verbrachte man diese noch vor wenigen Jahrzehnten in der Schweiz oder Italien. Heute fliegt man auf die Malediven und müssen die Schweizer Hotels mit chinesischen Touristen gefüllt werden.
Diese Entwicklung der vergangenen 70 Jahre hat ihre Kehrseite. Dabei denke ich nicht an den Klimawandel oder daran, dass wir uns unsere Lebensweise zulasten anderer Weltgegenden und künftiger Generationen leisten. Nein, ich denke an uns selbst und an die Klagen, wie sie in Waldenburg in teilweise dramatische Worte gefasst wurden. Als Kehrseite möchte ich einmal die hochgradige Abhängigkeit in den Vordergrund rücken, in die wir mit unserer Lebensweise geraten sind. Wir können nur so leben wie wir heute leben, wenn die Maschinerie auf Hochtouren läuft, wenn weiter mehr konsumiert wird als zum Leben nötig ist, wenn weiter Abgase, Abwässer und Abfälle ausgestossen werden, wenn weiter ausschliesslich aufs Wirtschaftswachstum gesetzt wird. Unsere Abhängigkeit ist inzwischen derart gross, dass ein Virus genügt, um uns ins Stolpern zu bringen und dreissigjährige Lebenswerke in den Abgrund zu reissen. Dafür ist nicht allein das Virus und sind nicht die Behörden, sondern dafür ist unsere Lebensweise verantwortlich.
Auch frühere Generationen hatten mit Krisen zu kämpfen. Sie erlitten Ernteausfälle, die Pest oder andere Epidemien. Kriege suchten sie heim. Aber – so würde ich behaupten – sie waren besser auf solche Krisen vorbereitet. Erstens setzten sie nie nur auf ein Pferd. Sie waren nie nur Schmiede, Schreiner oder Posamenterin, sondern nebenbei immer auch Bäuerin oder Gärtner. Selbst in den Städten wurde gepflügt und gepflanzt. Heute nennt man eine solche Strategie «Diversifikation».
Zweitens strebten sie nicht nach mehr und noch mehr, sondern waren bereits glücklich und zufrieden, wenn das, was sie hatten, zum Leben reichte. Liefen ihre Geschäfte einmal gut oder war der Lohn reichlich, nutzten sie die Gunst der Stunde nicht in jedem Fall dazu, ihren Wohlstand zu steigern, sondern für schlechte Zeiten vorzusorgen oder der Musse zu frönen. Unter den Arbeitern der frühen Industrie kannte man etwa noch den «blauen Montag». Drittens schliesslich waren jeder Frau und jedem Mann die Risiken des Lebens bewusst. Sie wussten, dass jederzeit schlechte Zeiten einkehren konnten. Für diesen Fall setzte man – ob kollektiv oder indviduell – auf das «do ut des», auf die gegenseitige Hilfe in Notlagen: Seid ihr in Not, helfen wir euch, so wie ihr uns helft, geraten wir in Not.
Wir können das Rad der Zeit nicht einfach zurückdrehen. Es wird Jahre brauchen, bis wir die Maschinerie so umgebaut haben, dass unsere Abhängigkeit durch Diversifikation auf ein erträgliches Mass gesunken ist. Was uns jedoch sofort zur Verfügung stände, wäre eine Lebenseinstellung, die sich mit weniger zufrieden gibt. Es brauchen nicht die Malediven zu sein, Samnaun könnte genügen. Es muss nicht ein Wohnmobil sein, auch ein Velo brächte uns vorwärts. Auch die gegenseitige Hilfe in Notlagen kennen wir: Unser Staat kann und muss dafür sorgen, dass die unvermeidlichen Folgen der Krise gerecht verteilt werden.
Es geht nicht an, dass die einen oben bleiben und die anderen mit dem Lift nach unten fahren müssen. Wie die Fahrt nach oben, so muss auch die Fahrt nach unten gemeinsam erfolgen. Selbst ein Krisenopfer der Reichsten unter den Wohlhabenden muss man ins Auge fassen. Das Baselbiet kannte während einiger Jahre eine sogenannte «Reichtumssteuer».
Es ist wahrscheinlich, dass den fetten jetzt die mageren 70 Jahre folgen. Der Umund Mitwelt, dem Klima, aber auch uns selbst könnte es nur guttun. Denn nehmen wir nicht ernst, was uns die zweite Welle und das Virus bewusst machen können, werden weitere Wellen und Corona wird ein Covid-23 oder -24 folgen. Hören wir auf, die Verantwortung noch länger einem Virus, den Behörden oder den anderen zuzuschieben. Es ist höchste Zeit, uns selbst an der Nase zu nehmen und friedlich und gemeinsam die Maschinerie, die uns in Abhängigkeit hält, in eine neue Richtung zu lenken.
Ruedi Epple, Sissach
