«Es wird ein schwieriger Advent»
30.10.2020 GesellschaftAusgefragt: Eric Hub, Pfarrer der reformierten Kirchgemeinde Gelterkinden
«Es wird ein schwieriger Advent»
Livestream-Gottesdienste, Whatsapp, weitere Online-Angebote, Abstand halten und Maskenpflicht: Dies sind die Möglichkeiten der Kirchen, auch in Corona-Zeiten ...
Ausgefragt: Eric Hub, Pfarrer der reformierten Kirchgemeinde Gelterkinden
«Es wird ein schwieriger Advent»
Livestream-Gottesdienste, Whatsapp, weitere Online-Angebote, Abstand halten und Maskenpflicht: Dies sind die Möglichkeiten der Kirchen, auch in Corona-Zeiten aktiv zu sein. Pfarrer Eric Hub von der Reformierten Kirchgemeinde Gelterkinden schildert, mit welchen Herausforderungen sich die Kirche aktuell konfrontiert sieht.
André Frauchiger
Herr Hub, welche Vorkehrungen haben Sie im März getroffen? Wie haben Sie nach dem Lockdown die Kirche «belebt»?
Eric Hub: Wir haben wie alle anderen ohne Verzug die vorgeschriebenen Massnahmen getroffen. Dank technisch begabter freiwilliger Mitarbeiter konnten wir bald mit Livestream-Gottesdiensten beginnen. Viele kirchliche Anlässe mussten wir aber absagen. Der Maskenpflicht wurde Folge geleistet. Bei der Seniorenarbeit gab es in den vergangenen Monaten ein bisschen Spielraum. Eine Gruppe bietet wieder Spielnachmittage für Seniorinnen und Senioren an, andere Gruppen wollen noch zuwarten. Aber wir waren und sind vorsichtig: Wir haben als Vorsichtsmassnahme Seniorenferien zu einem Zeitpunkt abgesagt, als sie anderswo noch durchgeführt wurden. Hingegen findet das Mittwoch-Zmorge seit den Herbstferien wieder statt. Darüber hinaus haben wir das Angebot, dass jeden Tag zwischen 11 und 12 Uhr jemand für Besuchende in der Kirche ist, von Montag bis Freitag. Jetzt, in der kälteren Jahreszeit, wird dies im kleinen Häuschen neben dem Pfarrhaus angeboten.
Wie erleben Sie die derzeitige Situation?
Die Menschen leiden unter den Einschränkungen, nicht nur die Älteren. Die kommende Adventszeit wird sicher sehr schwierig. Früher war der Advent eine eher ernsthafte Zeit des Wartens auf das Licht. Das ist heute ganz anders. Aber wie es in diesem Jahr sein wird, ist schwer vorauszusagen. Vielleicht hilft uns der Advent, das Besinnen und Warten wieder aufleben zu lassen, zu zeigen, woher die Kraft kommt, nämlich von Gott.
Wie hat die Kirchgemeinde versucht, den Mitgliedern zu helfen?
Sehr gut war der Whatsapp-Gottesdienst meines Pfarrkollegen Samuel Maurer zu Zeiten des Lockdowns, da konnten die Beteiligten direkt miteinander reden und einander auch Trost zusprechen. Auch ältere Menschen sind heute oft digitial unterwegs, das wollen wir nutzen. Doch wir dürfen auch nie vergessen: Jetzt schüttelt es uns alle, die beiden Generationen vor uns haben aber zwei Weltkriege, wirtschaftliche Notzeiten und die Spanische Grippe erlebt. Wir hingegen müssen bisher «nur» Masken tragen.
Gibt es die Livestreams für die Gottesdienste und weitere Veranstaltungen noch, oder wurden sie bereits wieder abgesetzt?
Wir setzen die Livestream-Gottesdienste weiterhin einmal im Monat fort, neben mindestens einem Gottesdienst an jedem Sonntag mit Maskenpflicht.
Greifen die Schutzmassnahmen in den Gottesdiensten?
Vor den Herbstferien haben wir die Maskenpflicht eingeführt. Vorher musste Abstand gehalten werden. Beim Mittwochabendgottesdienst mit «A-cappella-Singen» haben wir Maskenpflicht erlassen. Es kamen danach nicht mehr alle, aber die Lage hat sich seither etwas beruhigt. Die ganz grosse Mehrheit unserer Kirchenmitglieder ist bisher gut mit den Corona-Vorschriften umgegangen. Drei Konfirmationen wurden nach den Sommerferien nachgeholt – mit Maskenpflicht. Dasselbe galt bei Hochzeiten und Beerdigungen. Mit Familien ist das kein Problem.
Gibt es aufgrund von Corona Menschen, die nicht mehr in die kommen und allenfalls auch nichts mehr von der Kirche wissen wollen?
Nein, ich habe keinen solchen Fall festgestellt.
Können Sie wieder in die Altersund Pflegeheime zu betagten Menschen gehen und Seelsorge betreiben?
Wir Pfarrer können zurzeit Menschen in den Alters- und Pflegeheimen besuchen, wenn dies gewünscht wird. Aber in den Heimen wird die Besuchsregelung zum Teil etwas unterschiedlich gehandhabt, was nicht ganz einfach ist.
Wie hat sich Ihre Arbeit in diesen acht Monaten in Bezug auf die Begleitung von Trauerfamilien und Senioren seit dem Lockdown verändert?
Für Trauerfamilien war es schon schwierig. Schwierig war insbesondere, dass Familien zum Teil ihre sterbenden Betagten nicht besuchen durften. Dies bei allem Verständnis für die notwendigen Schutzmassnahmen, die ich voll unterstütze. Eine perfekte Lösung gibt es bei diesem Problem aber nicht. Ich hoffe hier auf die Weisheit der Verantwortlichen. Denn eines ist klar: Niemand wünscht sich, allein zu sterben. Dieses Wissen sollte Teil der Gesamtabwägungen sein.
Welche Veränderungen ergeben sich für Sie mit den neuen Bestimmungen des Bundesrats?
Es hat Auswirkungen. Die über 12-Jährigen haben in unserer Kirchgemeinde Veranstaltungen, die jetzt betroffen sind. Zum Beispiel der Teenagerclub. Klar ist: Apéros fallen aus, auch das Abendmahl. Generell wollen ältere Menschen, wenn irgend möglich, die geplanten Veranstaltungen – mit Maske – durchführen. Mit Maske ist es aber auch schwieriger, einander zu verstehen, denn die Mimik ist nicht sichtbar. Leider mussten wir jetzt ein grosses ökumenisches Weihnachtsmusical mit Kindern und den Auftritt des Kirchenchors diesen Sonntag absagen.
Wie sehen Sie Ihre Arbeit in den kommenden Monaten? Was möchten Sie noch verändern?
Wir sind dabei, Möglichkeiten zu finden, wie Advents-Anlässe stattfinden können – über verschiedene Kanäle. Wir wollen den Menschen beim Durchhalten in dieser schwierigen Zeit beistehen. Darum werden wir laufend überlegen, was hilfreich sein könnte. Eines ist sicher: Es wird ein schwieriger Advent. Darauf versuchen wir zu reagieren. Einerseits werden alle reformierten Kirchgemeinden des Oberbaselbiets zusammen einen digitalen Adventskalender anbieten – für jeden Tag ein kurzes Wort der verschiedenen Pfarrpersonen. Es kann auch sein, dass bald wieder Bedarf für einen Einkaufsdienst besteht, dann hoffen wir auf helfende Hände. Menschen in der Quarantäne brauchen dann Hilfe. Doch Isolation ist nur ein Thema, andere Gemeindemitglieder haben existenzielle Ängste um ihr Geschäft, und wieder andere verstehen die ganzen Massnahmen nicht. Als Kirche können wir nur versuchen, in Wort und Tat Sinn, Mut, Kraft und Hoffnung weiterzugeben.
Zur Person
fra. Eric Hub (46) war früher als Selbstständigerwerbender im Eventbereich tätig. Er studierte Geschichte und Germanistik und sammelte mehrere Jahre Berufserfahrung als Lehrer. Später absolvierte er ein Theologiestudium in Basel und Heidelberg. Heute ist Eric Hub Pfarrer in der Reformierten Kirchgemeinde Gelterkinden. Er ist verheiratet und Vater zweier Kinder.