MEINE WELT
28.08.2020 GesellschaftDie grosse Tour
«Dann halt Frankreich!», meinte einer meiner drei Freunde, mit denen ich im Café sass, «das passt, weil ja auch die Tour de France jetzt losgeht!» Wir hatten Krisensitzung. Denn wir wollten – so ist es Tradition – im ...
Die grosse Tour
«Dann halt Frankreich!», meinte einer meiner drei Freunde, mit denen ich im Café sass, «das passt, weil ja auch die Tour de France jetzt losgeht!» Wir hatten Krisensitzung. Denn wir wollten – so ist es Tradition – im September nach Italien, nur wir vier Freunde mit den Rennvelos, zusammen ein paar Tage ohne Familie, Arbeit und Alltagslast verbringen, tagsüber über die Pässe radeln, abends mit surrenden Beinen im Restaurant hocken, einen Ripasso trinken und das kurz zuvor Erlebte nochmals Revue passieren lassen, kleinere und grössere Heldengeschichten inklusive.
Doch die Situation in Italien ist heikel. Wir wollten ja lockende Freiheit, nicht drohende Quarantäne. So kam Frankreich ins Spiel, grenznaher Jura genauer, damit man schnell wieder daheim wäre; einer kannte ein tolles Hotel am Doubs, aber auch da: Die Wolken am Coronahimmel verdunkelten sich, die Unabwägbarkeiten wuchsen, die Lust verging. Wohin also mit den Freunden, den Rennvelos, den freien Tagen?
Da kam mir eine Idee. Weshalb nicht in die alte Heimat reisen? Ich weiss ja aus Erfahrung, dass es dort ein paar recht schöne Flecken und topografische Erhebungen gibt. Und auf der Website von Baselland Tourismus – so kam mir in den Sinn – findet sich ja eine pfannenfertig geplante Route, die in Anspielung an die gerne bloss «Grand Boucle» genannte Tour de France den schönen Namen «La Grande Boucle de Baselland» trägt. Und dies nicht zuunrecht. Mit 125 Kilometern ist sie nicht übermenschlich, aber doch anständig lang – vor allem aber dank der auf diesen 125 Kilometern grosszügig verteilten 3400 Höhenmetern birgt diese Tour nachhaltiges Erinnerungspotenzial. Startpunkt der Rundfahrt ist Liestal, von dort geht’s gen Osten, immer weiter, bis Buus, dann nach Oltingen, abbiegen und nach Diegten, vorbei am Berg mit dem schönen Namen Ankenballen, weiter, weiter, rauf und runter, so sammelt man die Kilo- und Höhenmeter, Langenbruck, Liedertswil, nach dem Challpass im Laufental dann wieder zurück zum Ausgangspunkt nach Liestal, via Gempen selbstverständlich, wo man am finalen Aufstieg des Tages die letzte überschüssige Kraft loswerden kann. Als ich an diese Tour dachte, lief mir der Schweiss der Vorfreude an der Stirn runter.
So machte ich meinen Freunden den Vorschlag, «La Grande Boucle de Baselland» unter die Räder zu nehmen. Sie waren kritisch. «Unter Baselland kann ich mir nichts vorstellen», sagte der eine, «mal abgesehen von … von … ich weiss nicht mal, von was. Was wir brauchen, das sind Berge! In deinem Kanton gibt’s doch keine!» Doch in Ermangelung besserer Ideen willigten die Freunde schliesslich ein. Ich lächelte wissend und zufrieden. Statt nach Italien oder Frankreich ginge es also in die alte Heimat. Wenigstens für einen Tag. Und ich war mir sicher: Nach der «Grande Boucle de Baselland» und den vielen steilen Sauhunden dort wird sich jeder meiner Freunde etwas darunter vorstellen können – und auch die grösste Zürischnure wird dann eine Weile Ruhe geben.
Max Küng wurde 1969 geboren und ist auf einem Bauernhof in Maisprach aufgewachsen. Heute lebt er mit seiner Familie in Zürich und ist ein landesweit bekannter Kolumnenschreiber.


