Save the Queen!
14.05.2020 SerienEine Reise in die Vergangenheit. Teil 4: Pitcairn für Kreuzfahrer
Pitcairn besteht aus vier Inseln: Pitcairn, Henderson, Ducie und Oeno. Nur Pitcairn-Island ist bewohnt. Bei den anderen handelt es sich um Atolle und Lagunen. In die Ferien fahren die Pitcairner mit ihren ...
Eine Reise in die Vergangenheit. Teil 4: Pitcairn für Kreuzfahrer
Pitcairn besteht aus vier Inseln: Pitcairn, Henderson, Ducie und Oeno. Nur Pitcairn-Island ist bewohnt. Bei den anderen handelt es sich um Atolle und Lagunen. In die Ferien fahren die Pitcairner mit ihren «Longboats» zum 121 Kilometer entfernten Oeno.
Hanspeter Gsell
Die Pitcairner besitzen zwei Boote aus Aluminium, sie lauten auf den Namen «Tub» und «Moss». Sie sind 12 Meter lang, können 10 Tonnen Last tragen und ähneln den früher eingesetzten, hölzernen Walfangbooten.
Auf Oeno campiert man drei Wochen, fällt Bäume für den Hausbau, sammelt Kokosnüsse und ruht sich zwischendurch mal aus.
Pitcairn ist seit 1838 britische Kronkolonie. Staatsoberhaupt ist Königin Elizabeth II., vertreten von einem Hochkommissar, der in Neuseeland residiert und auch Gouverneur der Pitcairn-Inseln ist. Da sich keine Sau wirklich um die Inseln kümmert, sind sie teilautonom; ein kleines Parlament wählt alle drei Jahre einen Bürgermeister. Dabei singt man – was auch sonst – «Save the Queen».
Adresse unbekannt
Die Menschen in Pitcairn sind Selbstversorger: Auf den Inseln wächst so ziemlich alles, was man braucht. Gemüse und Früchte in riesiger Auswahl, der Ozean ist voller Fische und Meeresfrüchte. Auch Kartoffeln wachsen in Hülle und Fülle: Stocki braucht man keinen zu kaufen. Nur mit Fleisch und frischer Milch hapert es: Weder Kühe, Schweine noch anderes Vieh tummeln sich auf den Wiesen, die mancherorts an Weiden im Jura erinnern.
Mehrere Male pro Jahr bringen Versorgungsschiffe aus Neuseeland und Französisch-Polynesien die benötigten Waren. Ob Zement oder Ziegelsteine, Nachschub für die Krankenstation, ein paar Kisten Bier oder ein lang ersehntes Steak: Alles muss frühzeitig bestellt werden. Da ist nix mit 24-Stunden-Hauslieferdienst. Bei Amazon und Konsorten kennt man die Inseln im Südpazifik nicht.
Unser Besuch jedoch war erwartet worden. An Bord der «Aranui» haben wir, zusammen mit etwas mehr als 100 Mitreisenden, die Insel Pitcairn erreicht. Aber noch sind wir nicht auf der Insel. Der Hafen ist kein wirklicher Hafen, alles, was länger als 12 Meter ist, hat keine Chance, am Pier anzulanden.
Berechnend
Auf Pitcairn gibt es keine Docks für grosse Schiffe. Nur wenige Gäste könnten mit bordeigenen Tenderbooten an Land gebracht werden. Diese Anlandungen sind allerdings nicht ganz ungefährlich und bei hoher See nicht möglich. Die Longboats, die Langboote der Bewohner von Pitcairn, könnten die Gäste zwar abholen. Aufgrund der Kosten verzichten die Reedereien dankend. Jetzt kommt Plan B zum Einsatz. Die Bewohner von Pitcairn packen Kind und Kegel, Palmen und Sand in ihre Boote und fahren ihrerseits zum Dampfer, der in der Zwischenzeit vor der Insel treibt.
Auf dem Schiff wird im Salon Bleu, oder wie er auch heissen mag, eine imaginäre Insel aufgebaut. Im Hintergrund wird ein grosses Werbebanner mit einem Foto von Pitcairn aufgehängt, links und rechts davon platziert man die Palmen. Den Sand leert man auf das Parkett, fertig ist die Insel. Auf der improvisierten Insel werden nun Souvenirs angeboten. Natürlich haben alle Waren einen Bezug zur Meuterei auf der «Bounty» oder zur Insel Pitcairn. An den Stränden Kenias werden geschnitzte Elefanten angeboten: Hier sind es handgezimmerte Schiffe. Grössere Exemplare werden auch nach Hause verschickt; den Ausdruck Lieferfrist kennt man nicht.
Geflochtenes, Gemaltes, Gestricktes, Geschnitztes mit oder ohne «Bounty»-Aufdruck, T-Shirts, Sand in kleinen Glasfläschchen (mit Zertifikat), Ansichtskarten, Inselkarten und Kaffeebohnen. Man hat CDs mit wehmütigen Liedern aus Pitcairn dabei. Beliebte Souvenirs sind Briefmarken. Aufgrund eines alten Gesetzes dürfen die Einwohner Pitcairns diese immer noch selbst herausgeben. Sie werden weltweit akzeptiert. Offizielle Währung ist im Übrigen der neuseeländische Dollar.
Wenn man an den aufgebauten Marktständen eingekauft hat, darf man sich vor der «Insel» fotografieren lassen.
Unberechenbar
Es gibt nebenbei immer noch Reedereien, die behaupten, ihre Kreuzfahrtschiffe würden vor Pitcairn ankern. Ha! Für solche Meerestiefen gibt es keine geeigneten Ankerketten! Wir hatten ausgesprochen Glück: Die See war relativ ruhig, wir wurden in die massiven Landungsboote der «Aranui» verfrachtet. Im Gegensatz zur Relativitätstheorie ist die Ruhe der See jedoch unberechenbar. Das Einsteigen vom Frachter auf die Landungsboote wurde jedenfalls zum Spektakel.
Vor der Ausstiegsluke hatte sich eine lange Schlange von Reisenden gebildet. Beim Ausstieg angekommen, mussten die Passagiere auf Befehl eines Matrosen die Arme ausstrecken, Haltung annehmen und sich in die Arme zweier Seemänner fallen lassen. Kaum hatten diese die menschlichen Griffe umfasst, rissen sie den Gast mehr oder weniger sanft ins Landungsboot. Jeder gelungene Sprung wurde beklatscht und bejubelt.
Wie bereits gesagt: Die See an sich war ruhig. Die Dünungswellen jedoch hatten eine Höhe von etwa 2 Metern. Das Landungsboot befand sich deshalb, je nach Wellenstand, 2 Meter unter oder 2 Meter oberhalb der Ausstiegsluke.
Kaum im Boot gelandet, musste sich der Reisende sofort auf die ihm zugewiesene Bank setzen. Die nächste Welle hätte ihn sonst ins Wasser gespült. Nun wurde abgelegt und der Steuermann fuhr im geraden Winkel auf den Hafen in der «Bounty» Bay zu. Habe ich eben Hafen geschrieben? Es gibt keinen Hafen auf Pitcairn! Zwei Meter vor der hoch aufragenden Felswand riss der Seemann das Steuer um 90 Grad nach links. Immer noch in einem Affentempo umrundete er eine Art Mole, drehte das Boot erneut um 90 Grad und hielt auf den Pier zu. Leinen wurden an Land geschmissen und von hilfreichen Händen um kleine Poller gelegt.
Willkommen auf Pitcairn
Da standen sie nun, die noch ahnungslosen Touristen und sahen sich vorsichtig um. Der Landing Point besteht aus einem Bootshaus mit zwei Langbooten darin. Daran befestig ist eine Tafel mit der Aufschrift «Willkommen auf Pitcairn, der Heimat der ‹Bounty›- Meuterer.» Eine Fahne zeigt den Union Jack und verweist damit auf die Zugehörigkeit zum Vereinigten Königreich. Rechts auf der Flagge sieht man den Anker der ‹Bounty› und die «Bounty»-Bibel.
Im Hintergrund des Areals waren einige Männer mit Quads, Miniatur-Traktoren mit Rasenmäher-Motoren, zu sehen. Sie boten den Gästen an, für 50 Dollar in die Hauptstadt, nach Adamstown, zu fahren. Nein, der Preis gelte nur für die Hinfahrt, sagte einer der Taxifahrer auf die Frage eines Touristen. Und ja. Der Preis gelte nur für eine Person. Aber der Weg, er heisst Hill of Difficulty, der schwierige Hügel – für manchen wohl auch der Hügel der Mühseligkeit – sei eigentlich gar nicht so weit, meinte er weiter. Luftlinie knapp 1 Kilometer. Die Höhendifferenz von 150 Metern erwähnte er nicht. Und so machten sich Heerscharen von Touristen auf, nicht im Frühtau, jedoch im leichten Regen, den glitschigen Berg zu besteigen.Wir würden ihnen unterwegs begegnen.
Natürlich war unsere Ankunft angekündigt worden. Sowohl der «Bounty-Club Schweiz» als auch wir selbst hatten uns weit im Voraus angemeldet. Nach kürzerem Suchen fanden wir auch unsern Gastgeber, Jay Warren.