HERZBLUT
29.05.2020 GesellschaftFluchtpläne
Am 15. Juni soll das Reisen wieder möglich sein. Endlich! Die 150 Pferde unter der Motorhaube meines Wohnmobils scharren schon länger mit den Hufen. Und ich ehrlich gesagt auch. Die Öffnung kommt keinen Tag zu früh, denn mein Hirn hat ...
Fluchtpläne
Am 15. Juni soll das Reisen wieder möglich sein. Endlich! Die 150 Pferde unter der Motorhaube meines Wohnmobils scharren schon länger mit den Hufen. Und ich ehrlich gesagt auch. Die Öffnung kommt keinen Tag zu früh, denn mein Hirn hat unter Corona bereits erheblich gelitten. Schuld daran war die Unterbeschäftigung der grauen Zellen. Viele von ihnen haben sich von alleine in die Kurzarbeit verabschiedet.
Das ist kein Wunder, wenn man bedenkt, dass die meisten Entscheidungen der vergangenen Wochen Dinge betrafen wie: Ziehe ich mich heute an oder bleibe ich bis um drei Uhr nachmittags in Unterhosen? Esse ich Müsli oder beginne ich den Tag gleich mit Schoggi? Wasche ich mir die Haare oder warte ich damit noch ein, zwei Wochen?
Vor lauter Langeweile war ich ganz kurz davor, mich einer der Protestbewegungen anzuschliessen. Und weil da ja alle mitmachen dürfen, die eine vom Internet beglaubigte Verschwörungstheorie vertreten, habe ich mir auch eine ausgesucht. Sie lautet: Ehemalige DDR-Funktionäre haben uns Corona geschickt, weil sie sich nach geschlossenen Grenzen, Schlange stehen vor den Läden, halb leeren Regalen und Versammlungsverboten zurücksehnen.
Und da zu diesem Szenario auch der eine oder andere Fluchtversuch gehört, habe ich mir überlegt, wie ich mit dem Wohnmobil über die Grenze komme. Irgendwo im Jura vielleicht. Ein Waldweg bei Nacht. Ein Nachtsichtgerät würde mir durch den dunklen Wald helfen. Und wenn ich mich in der Wildnis verfahre, hätte ich genug Proviant dabei, um den harten jurassischen Winter zu überleben.
Was mich bisher von diesem Plan abgehalten hat, sind meine Kinder. Sie würden eine Vermisstenanzeige aufgeben und in ihrer Verzweiflung irgendein Foto von mir dafür verwenden. Wahrscheinlich dasjenige, das meine Schwester nachts um drei an Onkel Herberts 85. Geburtstag von mir gemacht hat (nach reichlichem Konsum von selbst gebranntem Quittenschnaps). Darauf sehe ich aus, als hätte ich eine seltene Form von Gesichtslähmung.
Am Tag nach meinem Verschwinden würde vor der Tagesschau dieses Bild über den Bildschirm flimmern und eine Stimme würde dazu sagen: «Die Polizei bittet um Ihre Mithilfe. Vermisst wird seit gestern Morgen Frau Z. aus O. Sie ist spurlos aus ihrer Wohnung verschwunden. Frau Z. ist fortgeschrittenen Alters, hat kurze dunkelbraune Haare mit Grauansatz. Sie ist 1,70 Meter, trägt Jeans und eine beige Bluse, die ihren Teint sehr unvorteilhaft zur Geltung bringt. Frau Z. ist mit einem Wohnmobil unterwegs. Wir bitten um schonendes Anhalten, da angenommen wird, dass sie völlig durchgeknallt ist.»
Zum Glück brachte mich dieser Gedankengang wieder in die Realität zurück. Nein, so etwas vollkommen Unverantwortliches würde ich meinen Kindern nie antun. Natürlich würde ich dafür sorgen, dass sie im Album ein Foto finden, auf dem ich aussehe wie eine Göttin.
Yvonne Zollinger ist ehemalige «Volksstimme»- Redaktorin und lebt derzeit noch in Oltingen.


