Auch Schnaps hilft gegen Corona

Fr, 20. Mär. 2020
Für die Herstellung von Desinfektionsmittel destilliert Brennmeister Roland Buser von der Nebiker AG 2000 Liter Farnsburger Fasnachtsbier. Bilder Remo Schraner

Brennereien kämpfen kreativ gegen die Pandemie an

Die Idee, aus Farnsburger Bier Desinfektionsmittel herzustellen, ist auf ein grosses Echo gestossen. Jetzt hat es zwar wieder hochprozentigen Alkohol – aber keine Fläschchen mehr, um ihn abzufüllen.

Remo Schraner

Gestern war es so weit: Das Desinfektionsmittel, das aus einem Teil des überschüssigen Farnsburger Fasnachtsbiers hergestellt wurde (die «Volksstimme» berichtete), stand in der Strichcode Apotheke zum Verkauf bereit. Magdalena Schweizer war die erste Person, die ein solches Fläschchen ergattern konnte. «Ich habe es für unsere Angestellten gekauft. Denn je nach Auftrag kommen die Handwerker mit anderen Menschen in Kontakt», so Schweizer.

Die Freude und die Dankbarkeit der Leute für das Desinfektionsmittel ist gross: Seit die Apotheke gestern um 7.30 Uhr öffnete, klingelte das Telefon fast ununterbrochen. «Das ist noch gar nichts», sagte Geschäftsinhaber Marco Gonçalves. Allein am Mittwoch hätten rund 300 Leute nach dem Desinfektionsmittel gefragt.

Fläschchen-Notstand
Am Mittwoch wurde der lang ersehnte, hochprozentige Alkohol in die Apotheke geliefert. Die Brennerei General Sutter Distillery der Nebiker AG destillierte aus 1000 Litern des überschüssigen Fasnachtsbiers der Brauerei Farnsburg insgesamt 50 Liter Alkohol mit knapp 75 Volumenprozenten.

Für Marco Gonçalves begann erst jetzt die Arbeit. Denn dem Alkohol mussten noch einige Stoffe beigemischt werden, damit Desinfektionsmittel entsteht. «Rund vier Stunden lang, bis kurz vor 23 Uhr war ich am Mittwoch in der Apotheke und mischte das Desinfektionsmittel», so Gonçalves. Ein Problem zeichnete sich da schon ab: Die Apotheke hat zu wenig Glasfläschchen auf Lager, um die 50 Liter Desinfektionsmittel abzufüllen. Auch beim Lieferanten könnten keine mehr bezogen werden, sagte Marco Gonçalves. Bereits seit gestern Nachmittag muss die Kundschaft nun einen eigenen Behälter mitnehmen, denn die Fläschchen sind verkauft.

Damit das Desinfektionsmittel möglichst lange reicht, liegt das Bezugslimit pro Haushalt bei 100 Millilitern. Wer für Risikopatienten einkaufen geht, erhält mehr. So zum Beispiel Peter Hauser: «Meine Schwiegereltern gehören mit 92 und 88 Jahren zur Risikogruppe.» Er wusste bereits gestern Morgen, dass die Fläschchen knapp werden könnten und brachte eigene Behälter mit. Woher er das wusste? «Seit ein paar Wochen gehe ich jeden Tag in die Apotheke und frage wegen des Desinfektionsmittels nach», sagt Peter Hauser. Nun werde er seine Hände nach jedem Einkauf und immer, wenn er wieder zu Hause ankommt, desinfizieren.

Das «Corona-Paket»
In der Apotheke war auch Monika Probst anzutreffen, die froh um das Desinfektionsmittel war. «Ich bin nicht ängstlich, aber vorsichtig. Türen öffne ich wenn möglich nur noch mit meinem Ellenbogen», sagt sie. Das Virus beeinträchtige auch ihre Arbeit: Als selbstständige Reinigungskraft verlor sie viele Aufträge. Darum könne sie zurzeit nur noch 30 statt wie üblich 100 Prozent arbeiten. Den Humor hat sie aber nicht verloren: «Neben dem Desinfektionsmittel habe ich in der Apotheke für meinen Sohn noch ein paar Vitamine und Traubenzucker gekauft», sagt sie und lacht. Denn dieser habe bald Geburtstag und bekomme als Geschenk ein gesundes «Corona-Paket».

Brennen im Graubereich
Roland Buser, der Brennmeister der Nebiker AG, hätte gestern eigentlich frei gehabt. Doch die Brauerei Farnsburg belieferte ihn mit den restlichen 1000 Litern Bier, die wegen der Fasnachtsabsage übrig geblieben waren. Daraus wird Buser wiederum 50 Liter hochprozentigen Alkohol destillieren. «Wir bewegen uns im Graubereich», sagt Buser. Denn eigentlich müsste er den Alkohol bereits in der Brennerei denaturieren, also für den Verzehr ungeniessbar machen. Nur so entfalle die Alkoholsteuer. Aber die entsprechenden Mittel werden knapp, sodass der Alkohol erst in der Strichcode Apotheke denaturiert werden könne. Das Gesuch dazu sei bei der Zollverwaltung noch hängig, denn: «Ich kann niemanden erreichen. Die Verantwortlichen arbeiten im Homeoffice und deren Leitungen sind stark überlastet», erklärt Buser.

Die Nachfrage nach hochprozentigem Alkohol beziehungsweise nach Desinfektionsmitteln aber wächst. So bietet die Nebiker AG nun auch einen Teil ihres eigenen Schnapses den Apotheken zum Verkauf an. Buser: «Dabei handelt es sich um Schnaps der Qualitätsklasse zwei. Denn nicht immer ist das Aroma genug intensiv oder wir haben zu viel von gewissen Früchten, wie aus der Jahrhunderternte von 2018. Diese Destillate helfen nun bei der momentanen Desinfektionsmittel-Knappheit.»

Man könnte den Schnaps trinken
Auch andere Brennereien in der Region bieten für die Herstellung von Desinfektionsmitteln hochprozentigen Alkohol an – oder mischen es gleich selbst. Hansruedi Wirz, Obstbauer und Schnapsbrenner aus Reigoldswil, publizierte zum Beispiel auf der Facebookseite der Wirtschaftskammer Baselland ein Video. Darin zeigt er, wie man mit Zwetschgenwasser, Wasserstoffperoxid, Glycerin und Zitronenöl ein Desinfektionsmittel herstellt. Doch wer hat all diese Zutaten zu Hause? Darum verkauft Wirz nun das fertig gemischte Mittel gleich selbst – an Privatpersonen und Firmen, die es ihren Mitarbeitenden zur Verfügung stellen möchten.

«Jetzt geht die Post ab», sagte Wirz gestern am Telefon, «ich habe gerade viel Kundschaft. Die Leute wollen ihr Desinfektionsmittel. Sie sind froh, dass wir das anbieten.» Zudem brennt er gerade neuen Birnen- und Zwetschgenschnaps, den er anschliessend zu Desinfektionsmittel verarbeiten wird. «Klar, dieser Schnaps wäre auch zum Trinken gut», meint der Obstbauer. Aber die Nachfrage sei nun eine andere.

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