«Das System des Kapitalismus ist gescheitert»
31.12.2019 Baselbiet, Politik, Bezirk Liestal, RegionFrenkendorf | Ronja Jansen bringt Politik auf die Strasse und umgekehrt
Wer immer fleissig arbeitet, kann irgendwann ganz oben landen – für Ronja Jansen eine Illusion, die dem Kapitalismus das Überleben sicherte. Dabei gehöre dieses System abgeschafft, findet die neue ...
Frenkendorf | Ronja Jansen bringt Politik auf die Strasse und umgekehrt
Wer immer fleissig arbeitet, kann irgendwann ganz oben landen – für Ronja Jansen eine Illusion, die dem Kapitalismus das Überleben sicherte. Dabei gehöre dieses System abgeschafft, findet die neue Juso-Präsidentin aus Frenkendorf.
Sebastian Schanzer
Frau Jansen, vor Ihnen liegt die neuste Ausgabe der «Bilanz», mit den 300 reichsten Personen in der Schweiz. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie sie durchblättern?
Ronja Jansen: Die Liste führt einem vor Augen, wie sich Reichtum und Macht auch in der Schweiz immer mehr auf eine kleine Elite konzentrieren. Dieser Trend ist skandalös. Die 300 Reichsten sind in diesem Jahr noch einmal um 24 Milliarden Franken reicher geworden. Diese Zahl liegt jenseits dessen, was jemand durch Arbeit verdienen kann.
Wie viel soll ein Mensch Ihrer Meinung nach denn verdienen können?
Genau beziffern kann ich das nicht. Klar ist aber: Normalverdiener müssten für solche Beträge Hunderte von Jahren arbeiten, während sich das Geld der Reichsten von alleine vermehrt. Deshalb fordern wir unter anderem eine gerechtere Verteilung der Löhne und höhere Besteuerungen von Gewinnen der Unternehmen und Kapitaleinkommen.
Diese alljährlich erscheinende Ausgabe der «Bilanz» wird gern gelesen. Warum interessiert uns das Leben der Reichen so sehr?
Das frage ich mich manchmal auch. Ich glaube, der Kapitalismus schafft die Illusion, dass wir alle einmal «dort oben» landen könnten, wenn wir nur fleissig genug arbeiten. Das führt zu einer falschen Solidarität mit den Reichsten. Die Wahrheit aber ist: Solch ein Aufstieg passiert extrem selten. In der Schweiz wird jedes Jahr eine Geldsumme in der Höhe von 10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) vererbt. Das zeigt: Oft führt nicht harte Arbeit zu Reichtum, sondern Privilegien, in die jemand hineingeboren wird – Reichtum ist oft Glückssache.
Ein erklärtes Ziel der Juso ist es, den Kapitalismus zu überwinden. Was wäre in einer nicht kapitalistischen Gesellschaft anders als heute?
Das System des Kapitalismus ist gescheitert. Es zerstört weltweit unsere Lebensgrundlage, verursacht Armut und Kriege. Die Vision der Juso ist eine Gesellschaft, in der alle Menschen über die Fragen, die sie direkt betreffen, demokratisch mitbestimmen – über den Boden genauso wie in der Wirtschaft. Die Belegschaft in einem Betrieb soll beispielsweise das Recht haben, mitzubestimmen, wie und was im Betrieb produziert wird und welche Arbeitsbedingungen herrschen. Die Regulierung von Mindestlöhnen oder die Verstaatlichung von Grossbanken wären gesamtgesellschaftliche Beispiele.
Was glauben Sie: Werden Sie diesen angestrebten Systemwechsel erleben?
Das ist schwer zu sagen. Gesellschaften funktionieren dynamisch. Man konnte das etwa beim Arabischen Frühling beobachten: Die Aktion eines Einzelnen, der sich selbst anzündete, hat eine Kettenreaktion ausgelöst. Für mich ist klar: Gesellschaftlicher Wandel ist eng verknüpft mit Hoffnung. Wenn ich mit Menschen auf der Strasse rede, bekomme ich oft zu hören, dass man ja eh nichts ändern könne. Wenn wir es aber schaffen, den Menschen Hoffnung auf einen Wechsel zu geben, dann kann es schnell gehen. Es gibt immer wieder Umfragen, wonach die Menschen das kapitalistische System eigentlich ablehnen oder negativ bewerten. Die Frage ist: Sehen sie Alternativen und haben sie die Hoffnung, dass es etwas bringt, sich gegen dieses System aufzulehnen?
Ihre Aufgabe als Juso-Präsidentin ist es also, diese Perspektiven den Menschen aufzuzeigen?
In der Juso versuchen wir einen Beitrag zur Hoffnung zu leisten. Es braucht eine Selbstermächtigung der Menschen. Sie müssen daran glauben, dass sie etwas bewegen können. Dazu muss für sie auch die Politik zugänglicher werden. Wir wollen Alternativen aufzeigen und den Rahmen des Denkbaren ausweiten. Das versuchen wir durch radikale Vorschläge, wie wir unsere Gesellschaft anders gestalten könnten.
Die Juso stellt selten mehrheitsfähige Forderungen, gibt sich aber gerne als Vertreterin des Grossteils der Bevölkerung. Wie nahe steht die Partei mit ihrer Politik denn dem Schweizervolk?
Klar, für viele Menschen ist die Juso zu radikal. Aber wie gesagt: Ich höre in Gesprächen niemanden, der dagegen ist, den Reichtum gerechter zu verteilen. Viele sind aber gefangen in der scheinbaren Alternativlosigkeit. Das ist ein Stück weit der Erfolg der Lobby jener, die ihre Privilegien verteidigen wollen. Sie reden uns täglich ein, dass alles richtig ist, wie es heute funktioniert, dass ihr Reichtum verdient ist und dass Sozialhilfeempfänger eben faul seien. Und sie reden uns ein, es ginge sowieso nicht anders.
Ein Mittel, gegen diese Lobby anzukämpfen, ist für viele junge Linke der Gang auf die Strasse. Wie oft im Jahr befinden Sie sich eigentlich an Demos?
Schwer zu sagen. Im laufenden Jahr habe ich bestimmt an mehr als zehn Demonstrationen teilgenommen.
Wie wichtig ist Ihnen das?
Es ist ein erhabenes Gefühl, zu sehen, dass wir viele sind. Wir wollen uns nicht nur im stillen Kämmerlein aufregen, sondern ein kollektives Gefühl schaffen. Es ist wichtig aufzuzeigen, dass gewisse Probleme in unserer Gesellschaft strukturell bedingt und nicht die Probleme der oder des Einzelnen sind. Es geht aber natürlich auch darum, Protest zu zeigen gegenüber den Verantwortlichen.
Besonders in den Städten ächzt man mittlerweile unter den vielen Demonstrationen. Schadet das nicht der Botschaft, wenn sich die Leute nur noch über Stau und Umleitungen nerven?
Nein. Es ist für uns wichtig, auf verschiedenen Ebenen für unsere Ziele zu kämpfen. Es ist zentral, dass sich auch Parteien an Demonstrationen beteiligen, damit wir eine Brücke schlagen können zwischen den Bewegungen auf der Strasse und der institutionalisierten Politik.
Wie haben Sie denn in die Politik gefunden?
Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, war Gerechtigkeit immer schon ein wichtiges Thema in meinem Leben. Ich kann mich heute noch an Dinge erinnern, die ich damals als ungerecht empfand. Zudem führten wir am Küchentisch immer schon politische Gespräche. Meine Eltern sind beide auch SP-Mitglieder, selbst die Grossmutter war es schon. Ausschlaggebend für mein politisches Engagement waren die Abstimmungen über die 1:12-Initiative und über den Mindestlohn. Dass in einem der reichsten Länder der Welt behauptet wird, man könne sich keine gerechten Löhne leisten, machte mich wütend. Dann trat ich der Juso bei.
2019 war Wahljahr. Sind Sie zufrieden mit den nationalen Ergebnissen?
Ich habe es natürlich begrüsst, dass mit den Erfolgen der Grünen das linke Lager gesamthaft gestärkt wurde.Aber die Verluste der SP, unserer Mutterpartei, haben schon geschmerzt. Profitiert haben die Parteien, die «grün» im Namen tragen. Grüne Politik funktioniert aber nur, wenn sie auch Wirtschafts- und Sozialpolitik ins Auge fasst und dazu braucht es eine starke SP. Die Frage, die sich beim Klimawandel stellt, ist nicht jene nach der technologischen Machbarkeit, sondern ob wir die Menschen mitnehmen.
Was macht die SP Ihrer Meinung nach falsch? Was könnte Sie besser machen?
Der Partei ist es nicht gelungen, ihre eigenen Visionen zu präsentieren. Die SP ist zu fest in ihrer Kompromiss-Politik verhaftet. Sie schaffte es nicht, umfassende linke Alternativen zur herrschenden Gesellschaftsordnung aufzuzeigen und damit ihre Wählerinnen und Wähler zu begeistern. Man begeistert niemanden mit 2 Franken mehr Kinderzulage. Die neue Realpolitik muss radikaler sein, sonst wird sie den heutigen Herausforderungen nicht gerecht.
Themawechsel: Weil Comedian Michael Elsner in der SRF-Sendung «Late Update» Sie «Miss Juso» genannt und als «heiss» bezeichnet hat, haben sie sich wegen Sexismus beschwert. Elsners Figur könnte man auch als Karikatur oder Persiflage verstehen. Warum verstehen Sie hier keinen Spass?
Das war kein Spass für mich. Ich finde, es hat nichts mit Satire zu tun, wenn man gesellschaftliche Probleme, die bestehen, einfach reproduziert – zum Beispiel, indem man Frauen auf ihr Äusseres reduziert. Ich fand das daneben und habe mich entsprechend beschwert. Der SRF-Ombudsmann hat mir ja auch recht gegeben. Satire muss die herrschenden Verhältnisse kritisieren, sie soll nicht nach unten treten.
Sie forderten sofort eine Kontrollstelle gegen Sexismus in den Medien.
Ich will niemandem den Mund verbieten. Aber wenn Beiträge sexistisch oder rassistisch sind, soll es nicht in der Verantwortung der betroffenen Personen liegen, sich dagegen zu wehren und sich möglicherweise einem Shitstorm auszusetzen. Die Medien müssen dafür sorgen, dass ihre Inhalte frei von Sexismus und Rassismus sind. Dafür sollen sie entsprechend Ressourcen einsetzen.
Haben Sie selbst schon einen Shitstorm erlebt?
Ich habe einige sehr sexistische Reaktionen bekommen. Aber Opfer eines Shitstorms wurde ich zum Glück noch nie.
Gerade als Juso-Präsidentin könnten Sie in Zukunft Zielscheibe von Angriffen in den sozialen Medien werden. Sind sie darauf vorbereitet?
Ich habe diesbezüglich schon Vorbereitungen getroffen. Es ist wichtig, dass man ein Umfeld hat, das einen in solchen Situationen unterstützt und dass man gegebenenfalls sein Handy und seine Mails auch abgeben kann, wenn es zu viel wird. Solange ich aber glaube, auf dem richtigen Weg zu sein, lasse ich mich auch nicht durch irgendwelche Personen im Netz beirren.
Haben Sie eigentlich Angst davor, einmal eine kompromissbereite SP-Politikerin zu werden?
Ich bin nicht grundsätzlich gegen alle Kompromisse (lacht). Aber ich hoffe sehr, dass utopisches und hoffnungsvolles Gedankengut auch in Zukunft in meinem Kopf Platz haben wird und ich nicht irgendwann resigniere. Darüber mache ich mir im Moment aber keine Sorgen.
Zur Person
ssc. Ronja Jansen ist Ende August als Nachfolgerin von Tamara Funiciello in das Präsidium der Schweizer Jungsozialisten (Juso) gewählt worden. Die 24-jährige Frenkendörferin hat seit 2015 an der Universität Basel Soziologie und Wirtschaft studiert, mit dem Amt an der Juso-Spitze hat sie das Studium aber unterbrochen. Jansen ist auch Mitglied der Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA), gehört zur Kerngruppe des linken «Thinktanks Denknetz» und engagiert sich in der Frenkendörfer Gemeindekommission.