«Werther» multimedial
22.10.2019 Bezirk Sissach, GelterkindenMusik, Laut- und Gebärdensprache – ein Theater für Prävention
Was ist, wenn Lotte mit Werther in Gebärdensprache kommuniziert? Und ihr Verlobter Albert für Live-Musik auf der Bühne zuständig ist? Das Künstlerkollektiv Flex Colectivo brachte eine neue Fassung von Goethes ...
Musik, Laut- und Gebärdensprache – ein Theater für Prävention
Was ist, wenn Lotte mit Werther in Gebärdensprache kommuniziert? Und ihr Verlobter Albert für Live-Musik auf der Bühne zuständig ist? Das Künstlerkollektiv Flex Colectivo brachte eine neue Fassung von Goethes «Werther» ins Marabu, zwecks Suizidprävention.
Barbara Saladin
«Werther – Reden rettet Leben» ist am vergangenen Samstag im Marabu in Gelterkinden über die Bühne gegangen. Altbekannt die Protagonisten aus Goethes Werk: Werther, Lotte und Albert sowie deren Dreiecksbeziehung, die nur in der Katastrophe enden kann. Doch obwohl jede und jeder im Publikum wusste, wie die Geschichte enden muss – schliesslich ist der dramatische Schluss dieses Stücks Weltliteratur seit bald 250 Jahren bekannt –, tat dies der Spannung keinen Abbruch.
Das Basler Künstlerkollektiv Flex Colectivo stellte sich der Herausforderung einer Neufassung jenes Dramas, in welchem der junge Werther sich leidenschaftlich in Lotte verliebt, diese aber bereits mit Albert verlobt ist und nicht vorhat, ihn zu verlassen. Doch nicht nur die im Suizid endende Geschichte war zentraler Bestandteil des Theaters, sondern auch dessen Multimedialität. Denn die Schauspielerin Lua Leirner, die Lotte verkörpert, ist schwerhörig und kommuniziert auf der Bühne in Gebärdensprache – manchmal als Figur, manchmal als Simultanübersetzerin. Ihr Text sowie jener von Ilja Baumeier, der den Werther mimt, läuft manchmal auch als Übertitel über den Hintergrund der Bühne. Derweil sorgt Yannick Frich, der zwischendurch in die Rolle des ziemlich emotionslosen Albert schlüpft, für Live-Musik in diesem Strudel aus Liebe und Verzweiflung.
Die Kombination aus Musik, Lautsprache (inklusive Gefühlsausbrüche) und Gebärdensprache ergibt eine spannende Kommunikationsmischung. Dazu kommen Filmsequenzen – die Ménage à trois eingefangen bei Alltagssituationen wie Einkaufen, Velofahren oder Grillieren – und später, als Werther weggeht und auch beim Grafen nicht glücklich wird, auch eine Direktübertragung aus dem Publikum mittels Video. Während Werther sich verzweifelt nach Lotte sehnt, sorgt diese neben ihm auf der Bühne für die Simultanübersetzung in Gebärdensprache. Und liebt Albert.
Teil einer nationalen Kampagne
Es kommt, wie es kommen muss. Werther erschiesst sich. Mit Alberts Pistole, die Lotte selber Werthers Diener mitgegeben hat. Hier setzt wieder das Zeitlose ein, denn obwohl die Geschichte aus dem 18. Jahrhundert stammt, ist sie aktuell: Der Suizid kam nicht aus heiterem Himmel. Er wurde schon angesprochen. Aber nicht ernst genommen. Wie es auch heute noch geschieht.
Und genau hier will das Theater ansetzen, denn die Produktion ist Teil der nationalen Kampagne «Wie geht’s dir?» zur Suizidprävention der Stiftung Pro Mente Sana Schweiz im Auftrag der Gesundheitsförderung Schweiz. «Das Leiden beenden und nicht das Leben», steht dazu im Begleitflyer der Agentur Psy Promotion. Das Theater kann auch für eigene Präventionsprojekte gebucht werden (www. psy-promotion.ch).
Werthers Ende ist abrupt. Plötzlich ist er weg von der Bühne, und das Publikum bleibt perplex sitzen. Obwohl alle wussten, dass dieses Theaterstück mit einem Selbstmord enden wird, kam es unvermittelt. Und ist deshalb umso eindringlicher. «Ist es das Ende?», flüstert ein Zuschauer seinem Nachbarn zu, bevor in der Dunkelheit die ersten zaghaft zu klatschen anfangen. Doch dann wird der Applaus laut und lang anhaltend für die beeindruckende Leistung der Künstler.

