«Aufräumen verändert das Leben positiv»
18.01.2019 Baselbiet, Gesellschaft«Aufräumen verändert das Leben positiv»
Caroline Bamert ist Aufräumcoach und verrät heute Abend in der Kantonsbibliothek Liestal Tricks und Kniffs, die helfen, das Aufräumen mit Motivation in Angriff zu nehmen. Die «Volksstimme» hat sie an ihrem Wohnort ...
«Aufräumen verändert das Leben positiv»
Caroline Bamert ist Aufräumcoach und verrät heute Abend in der Kantonsbibliothek Liestal Tricks und Kniffs, die helfen, das Aufräumen mit Motivation in Angriff zu nehmen. Die «Volksstimme» hat sie an ihrem Wohnort Wegenstetten besucht.
Elmar Gächter
«Volksstimme»: Frau Bamert, verändert das Aufräumen und Ausmisten das Leben?
Caroline Bamert: Ja, eindeutig. Wenn man anfängt, Sachen aufzuräumen, befasst man sich auch mit der Vergangenheit und mit seinem Leben. Man fragt sich: «Passt dies noch zu meinem jetzigen Dasein?» Dies geht dann schnell über das Materielle hinaus und es tauchen Fragen auf wie zum Beispiel: «Mache ich das Ämtli, das ich vor zehn Jahren angenommen habe, wirklich noch gerne oder nur, weil ich beim Aufgeben ein schlechtes Gewissen habe?» Dies kann Platz machen für all die Dinge, die einem wirklich am Herzen liegen. Beim Aufräumen entscheide ich mich, was zu meinem Leben gehört und was nicht. Es geht also nicht nur um das materielle Loslassen, sondern auch um das Immaterielle. Man wird sich bewusst, wie endlich die eigene Lebenszeit ist. Und will man dereinst sagen müssen, dass man seine Zeit eigentlich mit etwas ganz anderem verbringen wollte?
Kann man nicht auch mit einer Unordnung glücklich werden?
Wenn jemand mit einer Unordnung leben kann und sich dabei wohlfühlt, ist dies auch gut. Für viele Leute ist sie jedoch belastend. Sie haben so viele Sachen, wissen aber nicht mehr wo. Dann finden sie es nicht und kaufen es neu. Ordnung hat somit auch eine ökonomische Komponente. Ich brauche ja nicht 100 Kugelschreiber, zwei genügen auch.
Ist es nicht ganz individuell, was Leute als Unordnung ansehen?
Da gibt es keine Vorgaben. Jede Person muss in ihren Räumen jene Ordnung haben, die für sie stimmt. Auch soll es nicht so sein, dass ein Familienmitglied für alle Mitbewohner vorgibt, welche Ordnung zu herrschen hat. Für die einen ist ein ungeordneter Schreibtisch schon Chaos pur, für andere schon fast steril wie ein Operationssaal. Wenn ich als Aufräumcoach meine Kunden besuche, sagen sie, was bleibt und was wegmuss. Jeder hat ein anderes Bedürfnis, wie viel er wovon braucht.
Wie halten Sie es selbst mit der Ordnung?
Ich bin seit jeher sehr ordentlich und sehr strukturiert. Vor allem erkenne ich schnell Strukturen und sehe, was zusammengehört und zusammenpasst. Deshalb ist mein Haus stets ordentlich. Aber ich kann nicht leicht loslassen. Irgendwann war mein Estrich so voll, dass ich eine Auszeit genommen und mein Haus entrümpelt habe. Es war mir leid, vor jeder Fasnacht meine Utensilien mühsam zusammenzusuchen – eine echte Stresssituation. Mein Traum war, dass mein Estrich so wie ein schöner Verkaufsladen aussieht. Und ich muss sagen, es war eine Erleichterung.
Das war quasi der Start zu Ihrer Laufbahn als Aufräum-Coach?
Damals wusste ich noch nicht, dass es einen solchen überhaupt gibt. Ich habe mich über Bücher und Zeitschriften informiert und je mehr ich mich damit befasst habe, umso stärker kam dieser Berufswunsch auf. Er wurde noch verstärkt durch all jene Personen, die mir von ähnlichen Problemen berichtet haben.
Gibt es einen Menschentyp, der es ganz besonders schwer hat mit der Ordnung?
Nein. Dieses Problem kann durch alle Alters- und Gesellschaftsschichten sowie Bildungsniveaus gehen. Interessant ist, dass an meine Vorträge mehr Frauen kommen als Männer. Bringen sie jedoch ihre Partner mit, sind sie es, die mir mehr Fragen stellen und sich öffnen. Langsam, so scheint es, wachen auch die Männer auf und merken, dass dies auch für sie ein Thema sein könnte.
Kann Unordnung krank machen?
Unordnung kann sogar schwer krank machen, vor allem psychisch. Die Leute getrauen sich nicht mehr, jemanden in das Haus oder die Wohnung zu lassen. Sie treffen sich nur noch auswärts mit ihren Bekannten, weil sie sich davor fürchten, dass man ihren vollen Büro- oder Küchentisch oder die ungebügelte Wäsche auf dem Sofa entdeckt. Es geht so weit, dass sie sich richtiggehend schämen. Dies kann zu einer grossen Vereinsamung führen.
Wie gehen Sie vor, wenn sich jemand mit seinem Problem an Sie wendet?
Ganz wichtig ist, dass ich nur mit Kunden zusammenarbeite, wenn es für beide Seiten stimmt. Denn es handelt sich um etwas sehr Intimes. Ich erhalte so tiefen Einblick in Häuser, dass es vom Menschlichen her hundertprozentig stimmen muss. Am liebsten ist es mir, wenn die Leute zunächst zu einem Gespräch in meinen Coachingraum in Rheinfelden vorbeikommen. Eine Stunde ist kostenlos und unverbindlich. So kann ich meine Kunden spüren und mit ihnen ausloten, wo das Problem liegt. Erst im zweiten Schritt folgt der persönliche Besuch beim Kunden. Aufräumen ist ein Prozess und dabei bin ich als Coach Begleiterin. Dies geht in der Regel nicht von heute auf morgen. Die Leute sollen ihr Tempo selber bestimmen, sonst setzt man sie nur unter Druck. Wir fangen dabei mit den einfachsten Kategorien an.
Wie nachhaltig ist Ihr Coaching?
Ich denke, sehr. Bedingung ist einfach, dass die Leute die Veränderung wirklich wollen. Nur schnell einen Aufräumcoach holen und meinen, es sei dann sofort besser, funktioniert nicht. Die Leute müssen das Commitment geben, dass sie ihr Leben verändern, das heisst, buchstäblich in Ordnung bringen wollen. Dies kann physisch und seelisch harte Arbeit sein. Die Kunden müssen aktiv in den Prozess gehen und echt versuchen, sich zu ändern.
Haben Sie für unsere Leserschaft einen einfachen Aufräumtipp?
Nicht gleichzeitig aufräumen und putzen, denn dies sind zwei ganz verschiedene Sachen. Wenn ich ans Aufräumen gehe und gleichzeitig stets das Putzkesseli daneben habe, dann kommen wir in die Ersatzhandlung und putzen statt entrümpeln. Und am Ende des Tages stellen wir fest: Wir sind mit dem Entrümpeln nirgends hingekommen und geben wieder auf.
Zur Person
emg. Caroline Bamert wohnt mit ihrer Familie in Wegenstetten. Nach der kaufmännischen Lehre war sie mehrere Jahre Flight Attendant. Nach dem Grounding der Swissair bildete sie sich unter anderem als Social-Media-Managerin und Marketingplanerin weiter und ist seit drei Jahren selbstständig als Aufräumcoach tätig. Sie ist im Vorstand des Verbands der Aufräum-Coaches, der aktuell 23 Mitglieder aus der ganzen Schweiz umfasst.