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«Das Konzept ist verbraucht»

Fr, 10. Aug. 2018

David Thommen

«Volksstimme»: Herr Studer, der Baselworld liefen die Aussteller schon in diesem Frühjahr scharenweise davon. Kürzlich hat Nick Hayek, einer der ganz Grossen der Branche, angekündigt, dass er mit seiner Swatch Group abspringt. Ist dies das baldige Ende der traditionsreichen Messe? Rolf Studer: Ich hoffe nicht. Aber es kommt darauf an, welchen Weg die Messeleitung nun einschlägt. Das jetzige Konzept ist verbraucht.

Kam die Ankündigung von Hayek überraschend für Sie?
Dass die Swatch Group schon 2019 nicht mehr dabei sein wird, habe ich nicht erwartet.

Was denken Sie, was den Ausschlag gegeben hat?
Ich habe auch nur mitverfolgt, was in der Presse stand. Aber es war bestimmt höchst unglücklich, dass die Messeleitung ein neues Konzept präsentiert hat, das zuvor mit den Schlüssel-Ausstellern nicht abgesprochen war. Ob die heftige Reaktion gerechtfertigt ist, ist eine andere Frage. Aber Herr Hayek wird seine Gründe haben.

Bleibt Oris an der Baselworld dabei? Auch über das Jahr 2019 hinaus?
Nächstes Jahr sind wir mit grosser Wahrscheinlichkeit dabei, danach beurteilen wir die Lage neu. So oder so: Die Baselworld hat für uns als Baselbieter Marke natürlich eine ganz besondere Bedeutung.

Der Messeleitung wird der Vorwurf gemacht, sie gehe zu wenig auf die Wünsche der Aussteller ein. Was wären Ihre Wünsche?
Die Wege vom Produkt zum Konsumenten haben sich in unserer Branche stark verändert. Soziale Medien und digitale Kanäle haben enorm an Bedeutung zugelegt. Diesen neuen Kanälen sollte an der Messe deutlich mehr Beachtung geschenkt werden. Baselwold ist in einem Konzept verhaftet, welches das neue Umfeld noch zu wenig abbildet.

Konkret heisst das?
Die Messe müsste sich mehr öffnen für die sozialen Medien und deren Multiplikatoren, also zum Beispiel für Blogger. Aber es sollte auch eine Öffnung gegenüber den «normalen» Endkunden stattfinden. Man müsste für die Konsumenten den Erlebniswert steigern. Man könnte beispielsweise von der Messe her Diskussionsveranstaltungen organisieren, an denen sich Firmenchefs oder Entwickler beteiligen. Oder man könnte den Besuchern anschaulich darstellen, weshalb eine Uhr so viel kostet, wie sie kostet. Oder was es braucht, um ein Zifferblatt herzustellen, oder wie ein mechanisches Werk funktioniert. Und so weiter.

Die Messe war beim Rahmenprogramm also zu passiv?
Sie hat bisher vorwiegend Fläche für die Marken zur Verfügung gestellt. Es gäbe einen ganzen Strauss von Möglichkeiten, um bei Herstellern, Wiederverkäufern und Konsumenten wieder mehr Begeisterung zu wecken – und der Baselworld damit eine stärkere Position zu verschaffen.

Es steht der Arroganz-Vorwurf im Raum. Mittlerweile hat der Messe-CEO René Kamm seinen Rücktritt angekündigt. Begrüssen Sie das?
Das ist sicher ein Schritt, der nun einen fundamentalen Neuanfang erlaubt.

Ein grosser Kritikpunkt war bei den Herstellern jeweils der hohe Preis für die Ausstellungsfläche. Stimmen Sie in dieses Lied mit ein?
Ja, die Preise sind hoch. Allerdings darf man nicht vergessen, dass man dafür auch etwas erhält. Die Messe war bisher die wichtigste Plattform, an der sich die Anspruchsgruppen aus der ganzen Uhrenwelt trafen. Falls die Messe nun weiter an Relevanz einbüsst, stimmt das Preis-Leistungsverhältnis definitiv nicht mehr.

Die Messe hat mit dem Bau von Herzog und De Meuron in Basel eine schwere Hypothek zu tragen. Die Kantone Basel-Stadt und land haben den teuren Bau mit viel Steuergeld ermöglicht. Hat man rückblickend mit zu grosser Kelle angerichtet?
Das kommt darauf an, was nun passiert. Wenn man die Gebäude auslasten kann, ist das bestimmt ein Gewinn für Basel und die ganze Region. Aber dazu muss man am Puls der Zeit sein und die Ideenführerschaft übernehmen. Hat die Messeleitung gute Ideen, kann man den Messebau auch refinanzieren. Klar, die Baselworld ist jetzt in einer Krise. Doch das ist auch eine Chance für eine Neuausrichtung, die gewinnbringend sein kann. Es braucht einen Schub von Kreativität.

Viele Messen scheinen nicht mehr zu rentieren, seitdem alle Waren im Internet präsentiert werden. Ist das der Hauptgrund für die Krise?
Fakt ist: Es gibt keine Uhrenkrise, ganz im Gegenteil! Aber es geschieht eine Umwälzung in der Distribution. Noch nie in der Geschichte haben so viele Konsumenten über mechanische Uhren Bescheid gewusst. Noch nie haben sich so viele Menschen für hochwertige Zeitmesser interessiert. Früher gab es ein paar Fachblätter mit kleiner Auflage. Heute sind es Millionen von Menschen, die sich beispielsweise auf Instagram über Uhren austauschen. Auch der Occasionsmarkt boomt. Alles Zeichen, dass die Schweizer Uhr unverändert stark gefragt ist. Aber der Weg vom Hersteller zum Konsumenten hat sich verändert. Es ist längst nicht mehr nur der Uhrenverkäufer im Laden entscheidend. Auch Internetshops, Konsumentenveranstaltungen und anderes mehr sind wichtig geworden. Wenn man diesem Wandel nicht Rechnung trägt, kommt man als Messeveranstalter in die Bredouille.

Wie meistert Oris den Wandel, um als Marke präsent zu bleiben?
Wir müssen möglichst alle Kanäle bespielen. Wir haben in Basel und – in diesem Sommer – in Zürich jeweils eine Boutique eröffnet, und wir sind sehr aktiv auf den sozialen Kanälen. Nach wie vor ist zwar der klassische Händler der wichtigste Pfeiler auf dem Weg zum Konsumenten. Aber andere Kanäle gewinnen laufend an Bedeutung.

Gibt es nicht das Risiko, dass Kanäle wie Instagram so schnell wieder verschwinden, wie sie in Mode gekommen sind?
Das ist möglich. Man kann beispielsweise beobachten, dass Facebook an Bedeutung verliert und Instagram gewinnt. Aber das ist nicht der Punkt: Ich denke nicht, dass die Bedeutung der Kommunikation über soziale Medien wieder verschwinden wird. Ob sich die Menschen nun auf Facebook, Instagram oder auf einem anderen Kanal austauschen, ist von untergeordneter Bedeutung. In zehn Jahren ist möglicherweise eine ganz andere Plattform in Mode. Oris wird dort dabei sein.

Beschäftigen Sie sogenannte «Influencer», also Personen mit starker Präsenz in den sozialen Medien, die Ihre Uhren präsentieren und damit andere Menschen beeinflussen?
Wir beschäftigen keine, sind aber natürlich im permanenten Kontakt mit solchen Leuten. Zum Teil stellen wir ihnen Uhren zur Verfügung, die sie tragen können, damit sie darüber «posten». Das ist einfach eine moderne Form von PR. Und PR betreiben wir schon seit Jahrzehnten.

Bezahlen Sie die «Influencer»?
Meist leihen wir ihnen ein Produkt für eine gewisse Zeit aus. Es ist auch schon vorgekommen, dass wir einem «Influencer» eine Uhr ganz überlassen haben. Aber Geld fliesst keines.

Sie haben Ihre neuen Boutiquen in Basel und Zürich erwähnt. Ausgerechnet die Detailhändler in den Innenstädten beklagen sich über ausbleibende Kundschaft.
Die Boutiquen laufen sehr gut. Es ist eine ideale Möglichkeit, den Kunden unsere Marke in ihrer ganzen Tiefe präsentieren zu können. Davon profitiert auch der klassische Handel.

Woher kommt Ihre Kundschaft? Zielen Sie als Oberbaselbieter Unternehmen speziell auf die Region Basel ab?
Den Hauptumsatz erzielen wir im Ausland. Wir sind klar eine global ausgerichtete Firma. Aber wir sind stark im Oberbaselbiet verwurzelt. Unsere Heimat ist im Waldenburgertal, in Hölstein. Hölstein steht seit kurzer Zeit sogar in unserem Logo. Wir sind stolz auf unsere Herkunft.

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