IM DRUCK - Der alljährliche Ausnahmezustand
27.02.2018 BaselbietIhr Bummel wird die eine oder andere Basler Fasnachtsclique an den beiden bevorstehenden – hoffentlich wärmeren – Sonntagen noch ins Oberbaselbiet führen. Doch mit dem «Chluuri» vom Donnerstag und den verschiedenen «Cherus»-Veranstaltungen am Samstag ist ...
Ihr Bummel wird die eine oder andere Basler Fasnachtsclique an den beiden bevorstehenden – hoffentlich wärmeren – Sonntagen noch ins Oberbaselbiet führen. Doch mit dem «Chluuri» vom Donnerstag und den verschiedenen «Cherus»-Veranstaltungen am Samstag ist die Fasnacht 2018 bereits wieder Geschichte. Auf allen Redaktionen, da steht die «Volksstimme» nicht alleine da, wird mit einem gewissen Stolz auf die vergangene Woche geblickt, man klopft sich gegenseitig auf die Schulter, und schon hat uns der Zeitungsalltag wieder im Griff.
Die Fasnacht ist nicht die einzige Zeit des journalistischen Ausnahmezustands. Das Gleiche gilt auch für die Weihnachts- und Neujahrszeit. Doch die Voraussetzungen sind gegensätzlich. Über die Festtage ist in der Altjahrswoche schlicht nichts los, die Redaktionen leisten es sich, unterbesetzt zu bleiben, und die Journalisten saugen sich Artikel aus den Fingern, um die berechtigten Ansprüche der Leser, informiert und unterhalten zu werden, zu erfüllen. An der Fasnacht verhält sich dies gerade umgekehrt. Hier ein Schnitzelbank-Abend, da ein Kinderumzug, hier eine Wagen-Vernissage, da ein Fackelumzug: Medien sind gezwungen, aus dem riesigen Angebot eine Auswahl zu treffen und diese notfalls auch zu rechtfertigen. Denn immer fühlt sich eine Clique, eine Gemeinde oder ein Veranstalter irgendwie benachteiligt oder unverstanden.
Es lauern viele Fasnachts-Fallen. Nur ein paar Stichworte: keine Clique und keine Schnitzelbank-Gruppe doppelt abbilden. Wie stark darf man die Grossen, Namhaften bevorzugen? Wie stark muss man die Grossen, Namhaften bevorzugen? Im Wust der Bilder die Übersicht bewahren. Die Mundartschreibung ist ebenfalls Dauerthema. Nur wenige Teilnehmer halten sich diesbezüglich an die Standard-Regeln. Hinzu kommt, dass der Leser in der fünften Jahreszeit nicht alles etwas lockerer nimmt, sondern uns im Gegenteil genau auf die Finger schaut.
Denn nichts, auch nicht Weihnachten, ist so ernst wie die Fasnacht. Doch als wir vor ein paar Jahren ein Fasnachtskomitee, das unsere Arbeit kritisiert hat, um konkrete Verbesserungsvorschläge baten und mit echtem Interesse auf diese Tipps warteten, traf nichts Konkretes ein. Dabei sind wir sehr interessiert an konstruktiver Kritik und an neuen Ideen. Unsere Arbeit wird nach der verrücktesten Woche des Jahres stets einer internen oder externen Kritik unterzogen, Mängel und Fehlleistungen werden notiert, und wir geloben Besserung für kommendes Jahr getreu dem alten Motto «Das Bessere ist der Feind des Guten».
Ausnahmezustände herrschen auf den Redaktionen auch deshalb, weil die Fasnachts-Sachverständigen selber in dieser Woche als Aktive unterwegs sind und in der Redaktion damit nicht nur Personal, sondern auch das Fachwissen der Abwesenden fehlt. Und auch deshalb, weil die Produktion des «Gurlifienggers» in der Vorwoche viel Arbeitskraft band. Und auch deshalb, weil die Mitarbeiter abends Veranstaltungen beiwohnen, die sie am nächsten Tag unter Dauerdruck journalistisch zu verarbeiten haben. Und auch deshalb, weil sich die «Volksstimme» stets bemüht, auch den Nichtfasnächtlern interessanten Stoff zu liefern. Aber ausgerechnet in dieser Woche ist kaum jemand zu erreichen.
Heute Morgen stellt sich die Redaktion wieder einer externen Kritik. Wir sind gespannt auf die Schwachpunkte und die Anregungen. Wer ebenfalls etwas dazu beitragen möchte, ist jederzeit dazu eingeladen.
Jürg Gohl, Chefredaktor
In der Rubrik «Im Druck» wird in unregelmässigen Abständen über Themen aus der Medienwelt geschrieben.