«10 bis 30 Prozent der Bevölkerung werden Gürtelrose bekommen»

  29.01.2026 Baselbiet

Mediziner Philip Tarr über die stark schmerzhafte Krankheit

Gürtelrose hat in den vergangenen Jahrzehnten zugenommen. Was Gürtelrose ist, welche Wirkung von einer Impfung erwartet werden kann und wie sich ein gesunder Lebenswandel positiv auswirkt, schildert der Leiter der Infektiologie und Spitalhygiene am Kantonsspital Baselland.

Elmar Gächter

Herr Tarr, Menschen, die von der Gürtelrose betroffen sind, berichten von einer sehr schmerzhaften Krankheit. Was versteht man unter einer Gürtelrose?
Philip Tarr:
Gürtelrose, auch bekannt als Herpes zoster, ist eine Viruserkrankung, die sich typischerweise als streifenförmiger Hautausschlag mit Bläschenbildung zeigt. Der gürtelförmige Ausschlag muss nicht ausschliesslich am Gürtelbereich auftreten, er kann auch im Gesicht erscheinen oder im Brustbereich. Häufig verläuft der Ausschlag vom Rücken nach vorne und tritt nur auf einer Körperhälfte, also nur links oder rechts der Mitte, auf. Auslöser ist das Varizella-Zoster-Virus, das auch Windpocken, man nennt sie auch Wilde Blattern, verursacht. Das Virus befällt nicht primär die Haut, sondern reizt die Nerven, wodurch starke Schmerzen entstehen, die längere Zeit anhalten können.

Zwischen Gürtelrose und Windpocken besteht somit ein Zusammenhang?
Wer Windpocken hatte, trägt das Virus ein Leben lang in sich. Stress, Alter oder eine durch andere Gründe geschwächte Immunabwehr können das Virus aufwachen und Gürtelrose verursachen lassen. Mehr als 90 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer waren in der Kindheit von Windpocken betroffen und 10 bis 30 Prozent von ihnen sind danach gürtelrosegefährdet. Gürtelrose ist somit alles andere als eine seltene Krankheit.

Wenn wir von den Risikofaktoren sprechen: Welche sind die wesentlichsten und stimmt es, dass Frauen stärker betroffen sind als Männer?
Das Risiko, dass die Viren aufwachen und zu Gürtelrose führen, nimmt mit dem Alter zu. Seit vielen Jahren stellt man, nicht nur in der Schweiz, eine Zunahme von Gürtelrose-Erkrankungen fest, und nicht nur, weil die Leute immer älter werden. Vermehrt sind auch jüngere Menschen betroffen, wobei die Gründe dafür noch nicht abschliessend geklärt sind. Starker Stress spielt sicher eine Rolle, weil er das Immunsystem schwächt. Weitere Einflussfaktoren können die Einnahme von immunschwächenden Medikamenten über einen längeren Zeitraum (beispielsweise bei Krebsbehandlungen oder Organtransplantationen) oder eine längerfristige Kortison-Therapie sein. Cholesterinoder blutdrucksenkende Medikamente haben indessen keinen Einfluss auf das Ausbrechen des Virus. Eine Rolle spielt wohl auch eine schlechte Ernährung. Und die immer wieder auftauchende Vermutung, dass Frauen von der Gürtelrose stärker betroffen sind als Männer, ist wissenschaftlich mittlerweile belegt.

Während der Pandemie hörte man vermehrt von Zoster-Erkrankungen.
Gibt es tatsächlich einen Zusammenhang mit Corona und im Speziellen mit Covid-Impfungen?

Während der Corona-Pandemie trat Gürtelrose häufiger auf. Das war für Ärzte nicht überraschend, da Infektionen wie Lungenentzündungen, die während Corona vermehrt zu beobachten waren, das Immunsystem beanspruchen. Lungenentzündungen sind mehr als eine Erkältung. Es kann bis zu drei Monate dauern, bis jemand wieder voll fit und leistungsfähig ist. Vor allem ältere Leute erholen sich nicht mehr vollständig und sind nachher geschwächter als vorher. Gürtelroseerkrankungen nahmen auch nach den ersten Coronavirus-Impfungen leicht zu. Eine Zoster-Reaktivierung nach Impfungen ist bekannt, vermutlich weil das Immunsystem vorübergehend mit der Impfung beschäftigt ist.

Was raten Sie Personen bei ersten Anzeichen einer Gürtelrose, vor allem auch, um mögliche längerfristige Folgen zu vermeiden?
Oft treten zuerst die Schmerzen auf und der Ausschlag erscheint ein bis zwei Tage später. Begleitsymptome können Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen oder Müdigkeit sein. Man denkt dabei nicht gleich an Gürtelrose. Wenn bläschenartige Rötungen auftreten, ist die Diagnose dann oft klar und man sollte zeitnah einen Arzt aufsuchen. Eine frühe antivirale Behandlung innert 72 Stunden nach Ausschlagbeginn senkt das Risiko einer längerfristigen schmerzhaften Nervenentzündung. Je älter man ist und je stärker die Schmerzen beim Ausbruch sind, desto länger kann diese Nervenentzündung dauern. Bei rechtzeitiger Behandlung – verabreicht wird ein Medikament in Tablettenform, welches die Herpes-Viren bekämpft – verschwinden Ausschlag und Schmerzen in der Regel schneller als ohne Behandlung. Etwa 5 bis 6 Prozent der Betroffenen können ein zweites Mal Gürtelrose bekommen.

Gegen Gürtelrose kann man sich impfen lassen. Haben wir damit Garantie, nicht davon betroffen zu werden?
Das Bundesamt für Gesundheit empfiehlt eine Impfung, unabhängig davon, ob man bereits eine Gürtelrose hatte oder nicht. Ganz verhindern kann man die Gürtelrose mit der Impfung nicht, sie wirkt jedoch in 50 bis 70 Prozent der Fälle. Wer Gürtelrose trotzdem bekommt, darf dank der Impfung oft eine milder verlaufende Erkrankung und weniger chronische Schmerzen erwarten. Seit rund vier Jahren wird in der Schweiz nur noch mit dem Impfstoff Shingrix geimpft. Der Impfstoff gilt als sicher, schwere Nebenwirkungen sind nicht bekannt, er kann jedoch leichtes Fieber und Gliederschmerzen auslösen. Es braucht zwei Impfungen im Abstand von zwei bis sechs Monaten. Wie lange der Impfschutz anhält, ist zwar noch nicht abschliessend geklärt; eine Auffrischimpfung wird aktuell aber nicht empfohlen.

Von den Wilden Blattern oder eben den Windpocken weiss man, dass sie sehr ansteckend sind.
Wie steht es mit der Gürtelrose?

Das Ansteckungsrisiko ist wesentlich kleiner. Für jene, die Wilde Blattern hatten – was wie erwähnt bei mehr als 90 Prozent der erwachsenen Schweizer Bevölkerung der Fall ist – besteht bei Gürtelrose keine Ansteckungsgefahr. Rein theoretisch besteht bei den übrigen Personen zwar ein Risiko, eine Ansteckung ist jedoch selten.

Wie Sie erwähnten, trägt man das Virus in sich, sobald man an Windpocken erkrankt ist.
Lassen sich die Wilden Blattern überhaupt verhindern?

Es gibt seit vielen Jahren eine Impfung gegen Windpocken. Früher hiess es, man solle warten, bis ein Kind 10 Jahre alt ist, und erst dann impfen, falls es die Windpocken noch nicht hatte. Seit Anfang 2023 empfiehlt man in der Schweiz routinemässig, Kleinkinder bereits im Alter von 9 und 12 Monaten zu impfen, in einer einzigen, kombinierten Impfung gegen Windpocken, Masern, Mumps und Röteln. Bei geschwächtem Immunsystem darf die Impfung nicht gegeben werden, und man sollte dies mit dem Arzt besprechen.

Was halten Sie von homöopathischen Mitteln gegen Gürtelrose?
Komplementärmedizin kann allgemein zur Stärkung des Immunsystems beitragen und so das Erkrankungsrisiko mildern. Es gibt auch homöopathische Mittel, die man gegen Gürtelrose spritzen kann, die wirksam sein können, um einen schmerzhaften, chronischen Verlauf zu verhindern.

Welche Rolle spielt ein gesunder oder ungesunder Lebenswandel?
Studien zeigen, dass eine ausgewogene Ernährung vor Gürtelrose schützen kann. Also mehr Früchte und Gemüse essen und weniger Fleisch. Ein oder zwei Gläser Wein oder Bier gelten heute zwar als ungesund, aber sie erhöhen offenbar das Gürtelrose-Risiko nicht.


Zur Person

emg. Philip Tarr (57) wuchs im Kleinbasel auf und wohnt heute mit seiner Familie in Arlesheim. Seine Ausbildung zum Spezialisten für Innere Medizin und Infektionskrankheiten machte er in den USA. Er war fünf Jahre lang Oberarzt am Universitätsspital Lausanne (CHUV), bevor er 2007 als Leiter der Infektionsabteilung ans Kantonsspital Baselland kam, wo er am Bruderholzspital seit 2016 auch die Abteilung Innere Medizin co-leitet. 2017 bis 2022 leitete er das nationale Forschungsprogramm NFP74 zum Thema «Impfskepsis».


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