Zwischen Politik und Patronen
03.12.2024 WittinsburgWie ist es, zum ersten Mal ein Gewehr in die Hand zu nehmen? Den Schiessstand habe ich mit hoher Politprominenz geteilt. Es war ein Tag, der nicht nur meine Treffsicherheit, sondern auch meine Nerven auf die Probe stellte – und mit einem «Grättimaa» belohnt wurde.
...Wie ist es, zum ersten Mal ein Gewehr in die Hand zu nehmen? Den Schiessstand habe ich mit hoher Politprominenz geteilt. Es war ein Tag, der nicht nur meine Treffsicherheit, sondern auch meine Nerven auf die Probe stellte – und mit einem «Grättimaa» belohnt wurde.
Melanie Frei
Ich keuche. Der steile Anstieg zum Schützenhaus «Burechrache» raubt mir am vergangenen Samstag fast den Atem. Der erste Herzinfarkt des Tages droht, als plötzlich Schüsse knallen. Es hört sich an, als würde ein Actionfilm gedreht.
Doch hier in Wittinsburg wird nicht auf Bösewichte geschossen – sondern auf Zielscheiben. Was mich erwartet, ist das «Grättimaa-Schiessen», ein Anlass, der zum 15. Mal stattfindet und bei dem Grättimänner irgendwie eine Hauptrolle spielen. Aber wie? Werden sie abgeschossen? Fliegen sie selbst durch die Luft? Oder gibt es sie einfach zu gewinnen? Ich habe keine Ahnung, bin aber bereit, es herauszufinden.
In der Schützenstube empfängt mich eine Welle aus Wärme und dem Duft von Kaffee und Kuchen. Ueli Thommen, der Ehrenpräsident des Schützenvereins Buckten, begrüsst mich herzlich. Seit 15 Jahren, also von Beginn an, ist er beim «Grättimaa-Schiessen» dabei, erzählt er mir. Mehr als 30 Jahre im Verein. Respekt.
Dann entdecke ich Peter Riebli. SVP-Präsident, Landrat – und heute Kellner. Mit einem Tablett bewaffnet schlendert er um die Gäste herum und scherzt ab und an mit ihnen. «Für den guten Zweck mache ich alles», sagt er, während er einem Kollegen charmant ein Bier hinstellt. Riebli ist Präsident der Seniorentagesstätte Buckten. Alle Einnahmen des heutigen Anlasses gehen an den Verein. Ich nicke anerkennend. Das ist Einsatz.
Treffsichere Landrätin
Es bleibt politisch, denn auf einmal sehe ich SP-Co-Vizepräsidentin Sandra Strüby-Schaub. Sie erzählt mir, dass sie erst eine Handvoll Gelegenheiten hatte, ein Gewehr zu benutzen. Ich bin mir aber sicher, dass sie heimlich übt – ihre Ergebnisse sprechen für sich. Ein paar Zehner schiessen sich nicht von selbst …
Neben ihr steht SP-Regierungsrätin Kathrin Schweizer, die ebenfalls mit einem Gewehr hantiert. Sie versucht ihr Glück und wird dabei von Ueli persönlich betreut. Es ist, als ob die Politik eine Generalversammlung auf dem Schiessstand abhielte. Die anwesenden Schützen waren im Vorfeld recht aufgeregt, da sogar eine Regierungsrätin ihre Präsenz ankündigte.
Blei für den Wald
Und dann – Trommelwirbel – bin ich dran. Ich trage brav Ohrenschützer, die meine Ohren vor dem Bluten bewahren. Die Schüsse sind betäubend laut. Ich lege mich auf den Bauch, das Gewehr vor mir. Es fühlt sich an, als hätte ich gerade eine Kanone in die Hand gedrückt bekommen. Sehr ungewohnt. Ueli gibt mir eine kleine Schulung: «Hier durchschauen, Scheibe ins Visier nehmen, abdrücken – ganz einfach.» Einfach? Von wegen.
Der erste Schuss. Bumm! Der Rückstoss ist heftiger, als ich gedacht habe. Meine Schulter schmerzt. Die ersten vier Übungsschüsse? Sie waren … kreativ. Einer war ziemlich nah dran, der Rest? Keine Ahnung, wo die gelandet sind. Die Scheibe? Wahrscheinlich in Sicherheit. Die Männer neben mir haben vielleicht gerade ein Resultat zu viel auf ihrem Bildschirm. Dann kommt die Ernstphase: sechs Schüsse. Stolz kann ich immerhin eine Neun vorweisen – mein persönlicher Höhepunkt. Der Rest? Nun ja, irgendwo da draussen im Dickicht freut sich vielleicht ein Baum über ein neues Astloch.
Nach meiner Schiesssession gratuliert mir Ueli mit einem wohlwollenden «Für das erste Mal nicht schlecht». Niemand lacht mich aus, auch dann nicht, als ich unbeholfen für ein Foto mit dem Gewehr posiere. Fun Fact: So ein Ding ist wirklich schwer. Und der Rückstoss? Lasst es mich so sagen: Eine gepolsterte Jacke ist keine schlechte Idee …
Zum Schluss bekomme ich trotz allem meinen Grättimaa, den ich später genüsslich verputze – er schmeckt übrigens noch besser nach so einem Adrenalintag. Die Tombola lasse ich aus, auch wenn die 500 Preise verlockend sind. Mein Glückskontingent ist für heute definitiv aufgebraucht.
Beim Hinausgehen winkt mir Peter Riebli zu: «Nächstes Jahr kommen Sie wieder, oder?» Vielleicht. Aber dann mit gepolstertem Anzug und ein bisschen mehr Training. Doch eines steht fest: Der Wittinsburger Schiessstand, der Buckter Schiessverein und die Menschen vor Ort haben mir einen unvergesslichen Tag geschenkt – Schüsse, Politik und ein bisschen Chaos inklusive.