Zwischen KI-Revolution und Temu-Konkurrenz
27.05.2026 Schweiz, RothenfluhPatrick Erny, Chef der Schweizer Detailhändler, kämpft für fairen Wettbewerb
Der neue Direktor der Schweizer Detailhändler, Patrick Erny, hat sein Handwerk beim Gewerbeverband Basel-Stadt gelernt und stammt aus Rothenfluh. Als grosse Herausforderung und Chance für die Branche nennt ...
Patrick Erny, Chef der Schweizer Detailhändler, kämpft für fairen Wettbewerb
Der neue Direktor der Schweizer Detailhändler, Patrick Erny, hat sein Handwerk beim Gewerbeverband Basel-Stadt gelernt und stammt aus Rothenfluh. Als grosse Herausforderung und Chance für die Branche nennt er die KI, als grosses Ärgernis die Gesetzeslücken, durch welche «Temu» und Konsorten schlüpfen.
Christian Horisberger
Der Verband der Schweizer Detailhändler, die «Swiss Retail Federation», hat einen neuen Chef. Der Vorstand wählte den aus Rothenfluh stammenden bisherigen Stellvertreter Patrick Erny zum neuen Direktor. Seit Anfang März ist er im Amt. In dieser Funktion setzt er sich insbesondere auf bundespolitischer Ebene für die Anliegen der Schweizer Detailhandelsbetriebe ein: für weniger Bürokratie und für gleich lange Spiesse. Das Handwerk des Lobbyisten hat Erny bei Peter Malama, dem verstorbenen Basler FDP-Nationalrat und Direktor des Gewerbeverbands Basel-Stadt, gelernt, seine Gesinnung wurde bereits im Elternhaus bürgerlich-liberal geprägt.
Zusammen mit zwei Geschwistern wuchs Patrick Erny in Rothenfluh auf. Sein Vater war Inhaber eines Spenglereibetriebs in Gelterkinden und wirkte im Gemeinderat von Rothenfluh, die aus den Niederlanden stammende Mutter managte das Büro, den Haushalt und die Familie. Im Elternhaus sei oft diskutiert worden, auch über gesellschaftliche und wirtschaftliche Fragen, erinnert sich der heute 39-Jährige. Sein schon frühes politisches Interesse führte ihn nach der Wirtschaftsmatur am Gymnasium Liestal an die Universität Bern, wo er Politikwissenschaften und Public Management studierte.
Während des Bachelor-Studiums absolvierte er beim Gewerbeverband Basel-Stadt ein halbjähriges Praktikum unter Peter Malama. Er beschreibt diese Phase als intensiv und interessant, weshalb er beim Verband anschliessend, parallel zum Masterstudium in Bern und Lausanne, in einem 60-Prozent-Pensum als wissenschaftlicher Mitarbeiter anheuerte.
Kampagnen und Wahlkämpfe
Seine Masterarbeit verfasste er zur Kantonsfusion der beiden Basel, über deren Prüfung 2014 abgestimmt wurde. Mit der Unterstützung des Gewerbeverbands führte Erny eine gross angelegte Befragung des Gewerbes in beiden Basel zu den politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Aspekten der Fusion durch. «Ich wollte ein Thema bearbeiten, das interessiert und nicht einfach in einer Schublade verschwindet», begründet er die Themenwahl.
Nach dem Studium wurde er Politik-Chef des Gewerbeverbands Basel-Stadt. Während neun Jahren leistete er Lobbyarbeit, managte politische Kampagnen wie auch Wahlkämpfe und er pflegte und nutzte ein grosses Netzwerk im Interesse des Verbands. Rückblickend spricht Erny von einer «grossartigen Zeit» – dies, obwohl der Gewerbeverband in einer rot-grün dominierten Stadt aus der politischen Minderheit agierte und «wir immer mal wieder auf die Kappe bekommen haben», sei es bei Verkehrsthemen, der Stadtentwicklung oder in Lohnfragen.
Inzwischen im Basler «Gundeli» wohnhaft, trat Erny der FDP Basel-Stadt bei, arbeitete bis 2021 im Parteivorstand mit und liess sich bisher dreimal als Kandidat für die Grossratswahlen aufstellen, ohne aber gewählt zu werden. Ob er bei den Parlamentswahlen 2028 einen weiteren Anlauf nimmt, lässt er noch offen. Denn sein Hauptaugenmerk gilt seiner neuen Aufgabe bei der «Swiss Retail Federation». Nachdem er 2023 als Stellvertreter der damaligen Direktorin Dagmar Jenni eingestellt worden ist, trat er nach deren Rücktritt im März dieses Jahres deren Nachfolge an.
«Baselbieter Connection»
Als Direktor des Verbands mit Sitz in Bern, etwa fünf Gehminuten vom Bundeshaus entfernt, leitet der Oberbaselbieter die Geschäftsstelle, betreibt Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit, berät ebenso Mitglieder wie staatliche Behörden. Während der Session ist er oft im Bundeshaus anzutreffen, nicht selten zusammen mit Nationalrätin Daniela Schneeberger, die den Verband präsidiert. Dass beide aus dem Oberbaselbiet stammen, sei eher ein Zufall, sagt Erny. Als die Nachfolgerin oder der Nachfolger von Christa Markwalder gesucht wurde, habe der Verband ein aktives Bundesparlamentsmitglied gesucht. Gespräche seien mit mehreren infrage kommenden Kandidaten geführt worden, so Erny: «Ich kenne und schätze Daniela seit vielen Jahren und der gemeinsame Dialekt hat sicher nicht geschadet», meint Erny mit einem Augenzwinkern. Die Wahl aber habe der Vorstand und letzten Endes die Mitgliederversammlung des Verbands getroffen.
«Wullelädeli» und Möbelriesen
Die neue Aufgabe an der Spitze der Schweizer Detailhändler beschreibt Patrick Erny als interessant und vielseitig: Einerseits vertrete der Verband ein sehr breites Spektrum von Unternehmen vom «Wullelädeli» bis zum Möbelriesen, andererseits sei die Branche enorm dynamisch: Um die sich rasch ändernden Kundenbedürfnisse und die rasante technologische Entwicklung mit E-Commerce, Social Media oder KI-Instrumenten nachzuvollziehen, bedürfe es einer grossen Flexibilität: «Die Unternehmen befinden sich in einem ständigen Anpassungsprozess.»
Auf politischer Ebene befasst sich der Verband mit Arbeitgeberpolitik, zum Beispiel der Zukunft der AHV, der Digitalisierung (unter anderem mit der E-ID), Nachhaltigkeitsfragen wie Kreislaufwirtschaft, oder Konzernverantwortung und klassischer Standortpolitik wie Ladenöffnungszeiten oder Deklarationspflichten für Lebensmittel.
Ausserdem ist es Aufgabe des Direktors, im heterogenen Verband ausgleichend zu wirken und die unterschiedlichen Interessen der Mitglieder unter einen Hut zu bringen. Hier profitiere er von seiner Erfahrung beim basel-städtischen Gewerbeverband, der ein noch breiteres Spektrum an Unternehmen abdecke.

