Zwischen Funk, Salsa und legendären Scherben
04.06.2026 Kultur, SissachVon Tanzlaune bis zu Rio-Reiser-Poesie bei «Jazz uf em Strich»
Der Abend vor dem Bündelitag gehört in Sissach der Musik: «Jazz uf em Strich» setzt diesmal auf Funk, Salsa und deutsche Musikgeschichte: Mit «SCHERBEkontra-BASS» kommen die Lieder von ...
Von Tanzlaune bis zu Rio-Reiser-Poesie bei «Jazz uf em Strich»
Der Abend vor dem Bündelitag gehört in Sissach der Musik: «Jazz uf em Strich» setzt diesmal auf Funk, Salsa und deutsche Musikgeschichte: Mit «SCHERBEkontra-BASS» kommen die Lieder von Rio Reiser und «Ton Steine Scherben» in die Begegnungszone.
David Thommen
Am stärksten gewichtet ist der Schluss des Abends: «SCHERBEkontraBASS» bringt Lieder von Rio Reiser und der Band «Ton Steine Scherben» nach Sissach. Auf der Bühne stehen Marius del Mestre und Florian Galow. Del Mestre war Gitarrist der legendären Berliner Politrockband, Galow gibt den Liedern mit dem Kontrabass eine eigene, kammermusikalische Farbe. Das Duo pflege den «Scherben»-Mythos nicht als museale Erinnerung, sondern als lebendige Weitergabe von Liedern, die auch Jahrzehnte nach ihrer Entstehung noch gegenwärtig klingen, lobt die Presse. Die «Scherben»-Interpretationen wurden bereits auf mehr als 200 Bühnen vorab im deutschsprachigen Raum präsentiert.
«Ton Steine Scherben» waren Anfang der 1970er-Jahre eine der prägenden deutschsprachigen Rockbands («Macht kaputt, was euch kaputt macht»). Ihre Lieder verbanden Aufbruch, Wut, Poesie und politischen Eigensinn. Rio Reiser, später auch als Solokünstler mit «König von Deutschland», «Junimond» oder «Blinder Passagier» bekannt, wurde zu einer – 1996 verstummten – Stimme jener Generation, die sich nicht mit den bestehenden Verhältnissen abfinden wollte. Für «Jazz uf em Strich»-Organisator Zemp liegt genau darin der Reiz: Nach Funk und Latin soll der Abend nicht nur fürs Gemüt sein, sondern auch für den Kopf.
Scherben als Gegenpol
Dass «SCHERBEkontraBASS» nun in Sissach auftritt, hat mit einem früheren Konzert in sehr kleinem Rahmen zu tun, das Zemp miterlebt hat. Vor rund zwei Jahren hätten die Musiker in der Nordwestschweiz gespielt und seien danach für ein kleines Zusatzkonzert im «Oliver Twist Pub» beim Sissacher Bahnhof gelandet, erzählt Zemp. Vor kaum 30 Personen sei ein intensiver Auftritt entstanden, den auch die Musiker sehr genossen hätten. «Ich habe gedacht: ‹Das müsste man in Sissach einmal auf eine grössere Bühne bringen›», sagt er. Das geschieht nun – in der Begegnungszone, wo «Jazz uf em Strich» traditionell sein Publikum versammelt.
Eröffnet wird der Abend von der «Happy Home Funk Unit». Die Big Band stammt aus dem Oltner Umfeld und besteht seit bald drei Jahrzehnten; inzwischen wird der Sound durch Andrea Janser mitgeprägt, die auch schon als «eine der ganz grossen Sängerinnen der Schweiz» bezeichnet wurde. Zu erwarten ist ein kompakter, bläsergestützter Funk-Sound, der weniger nach gepflegtem Sitzenbleiben als nach Bewegung klingt.
Damit knüpft das Festival an seine ganze Geschichte an: «Jazz uf em Strich» hat sich zwar den Jazz in den Namen geschrieben, war aber nie ein Anlass für Stilpuristen. In den vergangenen Jahren standen junge regionale Talente, Brass-Formationen, neue Volksmusik oder Mundart im Zentrum. Entscheidend für den Erfolg ist jeweils der rote Faden des Abends – und dass die Musik in die offene, sommerliche Atmosphäre vor dem «Cheesmeyer» passt.
Latin und Mundart
Der Mittelteil gehört dieses Mal «Pedro Libre and his Friends». Hinter Pedro Libre steht der Musiker Peter Frei aus Rodersdorf, der Violine, Gitarre und Gesang verbindet. Seine Musik bewegt sich zwischen Salsa, Rumba, Bossa Nova, Jazz und Funk. Spannend ist dabei die Verbindung von lateinamerikanischen Rhythmen mit Mundart. Für Sissach bringt er eine grössere Formation mit, unter anderem mit Trompete, Tenorsaxofon, Congas, Bongos, Timbales (Trommeln aus Lateinamerika), Piano und Bass.
Organisator Stefan Zemp spricht von einem Abend mit mehreren Temperaturen. Die «Happy Home Funk Unit» soll das Publikum ankommen lassen und zum Grooven bringen. Pedro Libre öffnet danach das Fenster Richtung Süden. Und «SCHERBEkontraBASS» setzt am Ende einen Kontrapunkt: reduziert, poetisch, politisch und rau.
Seit 2009 – seit dem Bestehen der Begegnungszone – findet «Jazz uf em Strich» jeweils am Freitag vor dem «Bündelitag» statt. Das Open Air ist ein fester Bestandteil des Sissacher Kulturkalenders. Bei gutem Wetter kommen jeweils mehrere Hundert Besucherinnen und Besucher. Es gibt Musik, Getränke, etwas zu essen – und jene Mischung aus Happening und Konzertabend, die den Anlass ausmacht. Am 26. Juni dürfte daraus wieder ein beschwingter Auftakt in die Sommerferien werden.
«Jazz uf em Strich», vor dem «Cheesmeyer» in der Begegnungszone von Sissach, 26. Juni, ab 19 Uhr. Kollekte.

