Zwischen Ehrenamt und Spielfeld
22.01.2026 Sport, FussballVera Gmür schreibt neu Kolumnen für die «Volksstimme»
Als Mädchen spielte Vera Gmür mit den Nachbarbuben Fussball, weil es kein anderes Angebot gab. Heute ist die 40-Jährige Präsidentin Frauenfussball beim FVNWS und beschäftigt sich mit Themen ...
Vera Gmür schreibt neu Kolumnen für die «Volksstimme»
Als Mädchen spielte Vera Gmür mit den Nachbarbuben Fussball, weil es kein anderes Angebot gab. Heute ist die 40-Jährige Präsidentin Frauenfussball beim FVNWS und beschäftigt sich mit Themen wie Wachstum, Ehrenamt und Vereinbarkeit.
Luana Güntert
Vera Gmür weiss, wovon sie spricht, wenn sie über Frauenfussball redet. Die 40-Jährige kennt das Spiel aus beinahe allen Perspektiven: als ambitionierte Spielerin, als Funktionärin – und als Präsidentin Frauenfussball beim Fussballverband Nordwestschweiz (FVNWS). Seit einem Jahr führt sie die Abteilung Frauenfussball alleine, nachdem ihre Co-Präsidentin Johanna Aeschbach zurückgetreten ist. Ein Ehrenamt, das viel Zeit, Herzblut und Überzeugung verlangt.
Beim FVNWS ist Gmür seit 2019 engagiert. Zunächst als Mitglied der damaligen Kommission Frauenfussball, später teilte sie sich das Präsidium, heute trägt sie die Verantwortung alleine. Dass sie dies neben Beruf und Familie leistet, ist für sie selbstverständlich – auch wenn sie weiss, dass das Ehrenamt zunehmend unter Druck gerät. «Heute sind nicht mehr alle bereit, so etwas zu tun. Viele wollen keine verbindlichen Aufgaben mehr übernehmen», sagt sie. Der Verband spürt diese Entwicklung, genauso wie andere Herausforderungen: Fragen rund um Ethik und Werte im Sport sowie Platzmangel aufgrund steigender Spielerinnen- und Spielerzahlen.
Gerade im Frauenfussball ist das Wachstum spürbar. «Dieses wollen wir nachhaltig gestalten. Ein Boom, der dann schnell abflacht, bringt nichts», betont Gmür. Im Rahmen der verschiedenen «Legacy-Projekte» des SFV unterstützt die Abteilung Frauenfussball Vereine beim Aufbau von Mädchen- und Frauenteams, denkt aber bewusst weiter: Auch mehr Trainerinnen und Schiedsrichterinnen sollen ausgebildet werden. «Wir wollen mehr Frauen in verantwortungsvollen Rollen», drückt es Gmür aus.
Vereinbarkeit ein grosses Thema
Dass Vera Gmür der Frauenfussball ein Anliegen ist, hat viel mit ihrer eigenen Geschichte zu tun. Aufgewachsen in Pratteln, spielte sie als Kind meist mit den Nachbarbuben Fussball. Mädchenangebote gab es keine. Inspiration fand sie unter anderem in der «Bravo Sport». «Dort habe ich gelesen, dass es in Deutschland Frauenteams gab», erinnert sie sich. Als in Pratteln schliesslich ein Mädchenangebot entstand, war Gmür – damals elfjährig – sofort dabei.
Gmürs Talent und Ehrgeiz führten sie mit 18 Jahren zum SV Sissach, der ein Team in der 1. Liga stellte. Als der FC Baden aus der Nationalliga B später Spielerinnen suchte, ergriff sie die Gelegenheit. «Ich war ambitioniert», sagt sie. Der Abschied aus Sissach fiel ihr zwar schwer, die Zeit in Baden bezeichnet sie dennoch als «cool, aber auch sehr zeitintensiv». Viermal pro Woche pendelte sie von ihrem damaligen Wohnort Basel nach Baden – ohne Entschädigung und neben einer Vollzeitstelle.
Nach einigen Jahren kehrte die Offensivspielerin nach Sissach zurück. Zwei Siege im Basler Cup folgten – ein erfolgreicher Abschluss. Mit 33 Jahren beendete Gmür ihre Aktivkarriere bewusst. «Ich wollte nie aufhören, weil die Leistung nicht mehr stimmt.» Die Autoimmunerkrankung Rheumatoide Arthritis machte sich im Leistungssport zunehmend bemerkbar. Ganz loslassen konnte sie den Fussball aber nie. Heute spielt und engagiert sich Gmür bei den Sissacher Seniorinnen sowie bei den Senioren im U40- und U50-Bereich (die «Volksstimme» berichtete).
Auch abseits des Rasens bleibt Gmür dem Sport eng verbunden. In ihrer Rolle als Präsidentin Frauenfussball bringt sie ihre Erfahrungen gezielt ein. «Es hat sich in den vergangenen Jahren viel getan für den Frauenfussball, doch es ist immer noch nicht alles so, wie es sein sollte», sagt sie. Besonders die Vereinbarkeit von Arbeit und Fussball im Profi- und Halbprofibereich sieht sie als zentrale Baustelle.
Gmür lebt heute mit ihrer Familie in Ormalingen, ist Mutter von zwei kleinen Kindern. Sie arbeitet selbstständig als Coach im Bereich Persönlichkeitsentwicklung und unterstützt Firmen in Marketingthemen. Ein offenes Ohr, Empathie und der Perspektivenwechsel gehören für sie dazu – im Beruf wie im Ehrenamt. Davon ist ab heute auch in der Kolumnenspalte der «Volksstimme» zu lesen: Vera Gmür stösst zum Sportkolumnen-Team.
Einen Lieblingsklub hat Gmür als grosser Fussballfan nicht. «Ich liebe internationalen Fussball, vor allem englischen», sagt sie. Dort sei der Frauenfussball besonders weit. Ihre Vision reicht jedoch weiter: «Ich erhoffe mir, dass es irgendwann auch nicht mehr Frauenfussball, sondern einfach Fussball heisst.» Es ist ein Wunsch, der gut zu Gmür passt – pragmatisch, engagiert und getragen von der Überzeugung, dass nachhaltige Entwicklung Zeit braucht. Und Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.
