Zweimal über den Atlantik
28.08.2025 ItingenFamilie nahm eine Austauschschülerin aus den USA auf
Während Tochter Selina ein halbes Jahr in den USA verbrachte, nahmen die Gysins aus Itingen eine Austauschschülerin als Gast auf. Kürzlich reiste die US-Amerikanerin Johanna wieder ab. Es bleiben tolle ...
Familie nahm eine Austauschschülerin aus den USA auf
Während Tochter Selina ein halbes Jahr in den USA verbrachte, nahmen die Gysins aus Itingen eine Austauschschülerin als Gast auf. Kürzlich reiste die US-Amerikanerin Johanna wieder ab. Es bleiben tolle Erfahrungen.
Brigitte Keller
Auf die Idee, Gasteltern für eine Austauschschülerin zu werden, wären Claudia und Stefan Gysin ohne ihre Tochter Selina (heute 18) wohl nie gekommen. Sie hatte seit geraumer Zeit mit einem Aufenthalt in einem englischsprachigen Land, vorzugsweise den USA, geliebäugelt.
Selina Gysin entschied sich für die Organisation «AFS Interkulturelle Programme». Die Abkürzung «AFS» steht für «American Field Service». Die Organisation wurde 1914 von amerikanischen Studenten in Paris gegründet. Sie meldeten sich damals freiwillig zum Sanitäts- und Fahrdienst, um Verletzten des Ersten Weltkriegs Hilfe zu leisten.
Nach ihrem Einsatz und unter dem Eindruck der Schrecken des Krieges beschlossen einige der heimkehrenden Rettungsfahrer, sich für den Frieden einzusetzen. Die ersten «AFS»-Austauschprogramme entstanden aus der Überzeugung, dass sich ein interkultureller Jugendaustausch positiv auf die Welt auswirken würde. «AFS Schweiz» wurde 1953 gegründet und ist die grösste und älteste, nicht gewinnorientierte Schulaustauschorganisation des Landes.
Etwas zurückgeben
Selinas Eltern unterstützten ihre Tochter bei ihrem Wunsch nach dem Austausch-Halbjahr und bald einmal tauchte die Frage auf, ob sie im Gegenzug nicht auch einen Gast aus dem Ausland aufnehmen wollen. Zuerst konnten sie sich das nicht so recht vorstellen. Auch hatten sie bereits Ferien geplant. Die Idee wurde trotzdem geprüft. «Wir waren froh, dass Selina einen Platz bekommen hatte, also wollten wir jemand anderem die gleiche Chance bieten», erzählen die Gysins.
Ihre Tochter Selina erfuhr Ende Juli 2024, dass ihr Zuhause für das nächste Halbjahr Buffalo im Staat New York (USA), in der Nähe der Niagarafälle, sein würde. Und dass während dieser Zeit Johanna aus Jackson/Michigan (USA), damals 16 Jahre alt, in das vorübergehend frei werdende Zimmer in ihrem Elternhaus einziehen würde. Johannas Vorkenntnisse in Deutsch waren ansprechend, da ihre Mutter ursprünglich aus Deutschland stammt.
Während sich Selina in der Schule in den USA schnell einlebte, hatte Austauschschülerin Johanna anfangs mit dem Unterricht in der Schweiz etwas mehr Mühe. «In den USA beginnt und endet der Schultag immer um die gleiche Zeit und jeder Tag hat die gleiche Abfolge», erzählt Stefan Gysin, Selinas Vater. Dass jeder Schultag bei uns ganz anders aussieht, das habe Johanna ziemlich überrascht. Auch die ungewohnte Freiheit auf dem Weg zur Schule und ganz allgemein im Schulalltag habe sie erstaunt. In den USA würden da mehr Einschränkungen gelten.
Für die Austauschschüler in der Schweiz steht ein bestimmtes Kontingent an den höheren Schulen zur Verfügung. Das Liestaler Gymnasium war bereits ausgebucht, deshalb besuchte Johanna eine Klasse der Wirtschaftsmittelschule in Liestal. Im Fach «Finanz- und Rechnungswesen» mit all den Schweiz-spezifischen Inhalten hätte sie keine Chance gehabt, mitzukommen, weshalb sie dieses in Absprache mit der Schule streichen und mit Freifächern ersetzen durfte.
Unterschiedliche Schulsysteme
«Die Erwartungen an Johanna in der Schule waren aufgrund ihrer guten Sprachkenntnisse in Deutsch anfangs zu hoch», sagen die Gysins. Sie besprachen sich mit ihrer Familienkontaktperson von der Organisation «AFS» und der Schule. «Ein Lehrer gab ihr den Tipp, die Texte mit einer App zum schnelleren und besseren Verständnis auf Englisch zu übersetzen.» So klappte es schliesslich.
«In Amerika kann man sich seine Schulfächer selber zusammenstellen. Als Austauschschülerin musste ich einzig Englisch und Amerikanische Geschichte belegen, bei allen anderen Fächern war ich frei», erzählt Selina Gysin derweil. Wer zusätzliche Sportfächer belegen und an Wettkämpfen teilnehmen möchte, müsse gute Noten in den anderen Fächern vorweisen, was für sie kein Problem gewesen sei.
Etwa im Oktober 2024 musste sich die Itinger Familie entscheiden, ob für ihre Gastschülerin Johanna ab Januar, wenn die eigene Tochter aus den USA zurückkehren und damit ihr Zimmer wieder benötigen wird, eine neue Gastfamilie gesucht werden soll. Die Entscheidung war schnell gefällt: Der Hobbyraum konnte mit wenig Aufwand in ein zusätzliches Zimmer umgestaltet werden und Selina freute sich schon darauf, nach ihrer Rückkehr für ein halbes Jahr eine amerikanische Gastschwester zu haben. Fasnacht, Mädchenriege leiten und gemeinsame «AFS»-Aktivitäten sind nur einige Sachen, die sie zusammen unternahmen.
Eine zweite Familie gefunden
«Eine Austauschschülerin aufzunehmen, ist wie ein neues Familienmitglied zu bekommen», erzählen Claudia und Stefan Gysin. Am Anfang brauche es Zeit und Aufwand, alles zu zeigen und zu erklären, wie es laufen soll. «Sie wird wohl in ihrem Leben nie mehr so viel mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren wie in diesem Jahr hier …» Je länger, je einfacher und ganz normal wurde alles. Man unternehme auch Dinge, die man sonst nicht machen würde, so Stefan Gysin: «Wir waren mit Johanna an einem Älplerfest im Berner Oberland und ich war nach etwa 30 Jahren wieder einmal auf einer Führung durch Basel und das Basler Münster.»
Währenddessen bestaunte Selina Gysin in den USA die Niagarafälle und konnte mit anderen Austauschschülern einen Ausflug nach Washington unternehmen. Als sehr an Sport interessierte junge Frau genoss sie es, live in einem Stadion beim Football, Baseball, Eishockey und dem hierzulande weniger bekannten Lacrosse dabei zu sein. «Eine coole Zeit, aus der ich sehr viel für mein Leben mitnehmen kann.» Viele Kontakte bleiben ein Leben lang bestehen.
Am 2. Juli hiess es auch für und von Johanna Abschied zu nehmen, sie reiste zurück zu ihrer Familie in die USA. Von dort schrieb sie Folgendes: «Vor meinem Austausch habe ich nur daran gedacht, was für besondere Abenteuer ich während der Zeit in der Schweiz haben könnte. Meine Zeit mit den Gysins hat mir gezeigt, dass das, was wir jeden Tag gemacht haben, die Mahlzeiten, Gespräche und so weiter, die Dinge waren, die mein Austauschjahr so gut gemacht haben. Meine Zeit mit den Gysins war sehr wichtig für mich und sehr hilfreich, und sie sind eine zweite Familie für mich geworden.»